„Beeindruckende Leistung meiner Eltern“: Rehaklinik in oberbayerischer Stadt ist Überlebender der Kurkrise

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Vier Generationen vereint: (v. li.) Maria und Ralph, Helga sowie Andreas und Serena Munkert mit den Kindern Anna (7) und Leander (5) im Foyer der Rehaklinik Frisia vor den Portraits der Gründer Helga und Paul Munkert. © Arndt Pröhl

Die Kurkrise in den 1990er-Jahren zwang fast alle Sanatorien in Bad Tölz in die Knie. Nur ein Haus hat sich bis gehalten – und generiert heute ein Zehntel der Übernachtungen in der Stadt.

Bad Tölz – Die Gesundheitsreform von Horst Seehofer 1996 hinterließ in Bad Tölz tiefe Spuren. Dass die Krankenkassen keine Kuren mehr bezahlten, zwang von den einstmals elf Kursanatorien in der Stadt eines nach dem anderen in die Knie. Die Rehaklinik Frisia am Kogelweg hingegen existiert bis heute. Mittlerweile ist die Übergabe an die dritte Generation vollzogen.

Geschichte der Rehaklinik Frisia in Bad Tölz

Die Geschichte des Betriebs beginnt im Jahr 1961. Damals kauften Paul und Helga Munkert das damalige Hotel Frisia und eröffneten darin ein Sanatorium. Die für Oberbayern eher ungewöhnliche Bezeichnung des Hauses verweist auf die Erbauerinnen aus der Zeit um die Jahrhundertwende: drei friesische Schwestern, die Bad Tölz einst als Sommerfrischlerinnen für sich entdeckt hatten.

Die Keimzelle: Die Villa Frisia wurde um die Jahrhundertwende von drei friesischen Schwestern errichtet.
Die Keimzelle: Die Villa Frisia wurde um die Jahrhundertwende von drei friesischen Schwestern errichtet. © Arndt Pröhl

Seine Eltern, die zuvor in Nürnberg lebten, hätten in Bad Tölz „mit nichts angefangen“, sagt Ralph Munkert, das älteste der vier Kinder von Paul und Helga. Starthilfe habe es allerdings von Helgas Eltern gegeben. Ihr Vater Anton Endisch war einst AOK-Direktor im heute tschechischen Pilsen. Nach der Vertreibung der Familie aus dem Egerland blieb er dem Gesundheitswesen treu, betrieb zeitweise zusammen mit einem Arzt ein Sanatorium an der Buchener Straße in Bad Tölz und errichtete später das Wallberg-Sanatorium in Rottach-Egern.

Ein Jahr Wartezeit – und dann leere Betten

Paul und Helga Munkert expandierten in Bad Tölz sehr schnell. Zur Villa Frisia kamen nach und nach weitere Häuser in der unmittelbaren Nachbarschaft hinzu, darunter das 1899 von Gabriel von Seidl als Gästehaus errichtete Haus Torstein am Kogelweg, das eine beliebte Anlaufstelle für Münchner Künstlerkreise gewesen war. Ein Kuriosum am Rande: Erst vor wenigen Jahren entdeckte Familie Munkert in einem Online-Auktionshaus ein historisches Gästebuch aus dem Haus Torstein. Die teils namhaften Gäste haben es mit vielen hochwertigen Zeichnungen versehen.

Sommerserie: Frisia Tölz (Foto: Arndt Pröhl)
Die heutige Rehaklinik Frisia am Kogelweg wurde Anfang 1982 in Betrieb genommen. © Arndt Pröhl

Auch das „Haus Felicitas“ am Bergweg kauften die Munkerts hinzu. Und sie errichteten den sogenannten Mittelbau. Der Sanatoriumsbetrieb verteilte sich auf nunmehr vier Häuser, doch das entsprach irgendwann nicht mehr den praktischen Anforderungen und den Standards der Kostenträger. Von 1979 bis 1981 wurde das jetzige Klinikgebäude mit 100 Zimmern am Kogelweg errichtet und Anfang 1982 in Betrieb genommen.

Weiteres Sanatorium in Oberammergau gebaut

Die Ausrichtung der Kuren wandelte sich im Lauf der Zeit. „Zu Anfang kamen Menschen aus der vom Wiederaufbau ausgezehrten Nachkriegsgeneration“, sagt Ralph Munkert. Damals begaben sich die Gäste noch zur Jod-Trinkkur in die Wandelhalle und wurden mit extra kalorienreicher „Mast-Kost“ aufgepäppelt. Im Lauf der Jahre wurden die Aufenthalte im „Frisia“ stärker medizinisch ausgerichtet. Hier fand und findet man Ärzte, Therapeuten und einen medizinischen Dienst unter einem Dach. Die Betriebsleitung ging Anfang bis Mitte der 1990er-Jahre fließend auf Ralph Munkert über, der als Kur- und Bademediziner bis heute Ärztlicher Leiter ist.

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Trotz aller Erweiterungen: Zur Blütezeit der Kur reichte der Platz noch immer nicht aus. Für Kuren im „Frisia“ gab es Wartezeiten von bis zu einem Jahr. „Unser Hauptbeleger Barmer hat gesagt, dass dort ein Mitarbeiter nur damit beschäftigt war, Kurwünsche für unser Haus abzusagen“, sagt Ralph Munkert. Eigens für Barmer-Patienten errichtete die Familie ein 200-Betten-Sanatorium in Oberammergau, hier führten Ralph Munkerts Geschwister Toni und Susanne den Betrieb. Einige Jahre später kaufte die Familie das damalige Hotel Residenz in Bad Tölz – die heutige Schlemmerklinik hinzu. Elke Ziegler, die Schwester von Ralph Munkert, und ihr Mann Ulrich Ziegler bauten hier eine Rehaklinik für verschiedene Indikationen, unter anderem Stoffwechselerkrankungen auf.

Frisia in Bad Tölz überlebt die Kurkrise

„Für jede Mark, die sie verdient haben, haben meine Eltern zwei Mark investiert“, sagt Ralph Munkert. „Das ging aber nur, solange die Betten voll waren.“ Umso härter traf das Familienunternehmen der Einbruch durch die Gesundheitsreform 1996. Die Banken drehten den Geldhahn zu. Ein Teil der Häuser ließ sich nicht mehr halten.

Steckbrief

Gründungsjahr: 1961

Wievielte Generation: 3.

Anzahl der Zimmer: 100 in der Rehaklinik Frisia, 17 im Hotel Villa am Park, 14 im Haus Sibylle.

Mit Gastronomie: Vollpension.

Bekanntester Gast: Es waren schon Schauspieler und ein Außenminister da, Namen werden nicht genannt.

Durchschnittliche Aufenthaltsdauer: 17 Tage.

Besonderheit des Hauses: eigene Mooraufbereitung, Schwimmbad und Schwimmteich.

„Es war eine beeindruckende Leistung meiner Eltern, sich in so einem Umfeld halten zu können“, sagt Sohn Andreas Munkert, seit 2020 Geschäftsführer des Betriebs. Sie hätten neue Kostenträger gesucht, Konzepte entwickelt, weitere Zielgruppen erschlossen. Und den Mut gehabt, gegen den Trend zu investieren, etwa einen großen Teil der Zimmer zu renovieren und der Rehaklinik einen „Wellnessbereich wie in einem Hotel“ zu verpassen.

Eigener Moorabbau in Königsdorf

Heute verzeichne die Klinik jährlich rund 34.000 Übernachtungen – und damit zehn Prozent der Übernachtungen in Bad Tölz, sagt Andreas Munkert. Man ist breit aufgestellt: Ausgerichtet ist die Rehaklinik auf die Indikationen Orthopädie, Herz/Kreislauf, Atemwegserkrankungen, Stoffwechsel und Psychosomatik. Unter den Patienten seien chronisch Kranke, sagt Ralph Munkert, aber auch pflegende Angehörige. Oder Feuerwehrleute, Polizisten und Bundeswehrangehörige mit Anspruch auf Präventionskuren. Ein Alleinstellungsmerkmal des Hauses sind die Naturmooranwendungen mit eigenem Moorabbau in der Nähe von Königsdorf.

Bevor Andreas Munkert den Betrieb übernahm, hatte er Bad Tölz für zehn Jahre verlassen, machte eine Lehre als Bankkaufmann und arbeitete bei BMW, unter anderem drei Jahre in China, wo er seine heutige Frau Serena kennenlernte. Das ursprüngliche Haus Frisia betreibt das Ehepaar heute als Hotel unter dem Namen Villa am Park. Zudem haben die Munkerts Anfang des Jahres die Pension Haus Sibylle übernommen. Im Haus Torstein wohnen Maria und Ralph Munkert, zudem gibt es dort Personalwohnungen. Paul Munkert verstarb bereits 1997. Helga Munkert (93) lebt im dritten Stock der Rehaklinik, plaudert gerne mit den Gästen und ist nach den Worten ihres Enkels Andreas „die gute Seele des Hauses“. (ast)

Serie Gastgeber mit Geschichte

Gastlichkeit hat im Tölzer Land Tradition. Es gibt viele Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen, die schon seit Generationen in Familienhand sind. In der Serie „Gastgeber mit Geschichte“ beleuchtet der Tölzer Kurier Beherbergungsbetriebe im Wandel der Zeit.

Die bisherigen Folgen:

Mutter-Tochter-Gespann lebt oberbayerische Gastlichkeit: Das Haus Krinner in Bad Tölz

Junge Hotelchefinnen möbeln Traditionshaus auf: Das Hotel Waltraud in Kochel

„Alles für unseren Betrieb selbst gemacht“: Café und Pension Schusterpeter in Arzbach

Landwirtschaft mit allen Sinnen: Der Abrahamhof in Benediktbeuern

„Da müssen alle dahinterstehen“: Das Hotel und Café am Wald in Bad Tölz

Vier Generationen Frauenpower: Der Landgasthof Fischbach

„Kinder haben mit den Gästen schwimmen gelernt“: Der Langerbauernhof in der Jachenau

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