Von Franz Marc bis Heidi Kabel reicht die Liste der Gäste, die im Lauf der Geschichte in der „Post“ in Kochel am See abstiegen.
Kochel am See – Nein, Goethe stieg nicht im Hotel und Gasthof Zur Post in Kochel ab, als er auf seiner „Italienischen Reise“ gen Süden unterwegs war. Dafür beherbergte das imposante Anwesen im Ortskern der Zwei-Seen-Gemeinde im Lauf der Jahrhunderte so manch anderen illustren Gast. Wirt Wolfgang Suttner – der angesichts der Geschichte des Hauses von vielen auch noch als „Posthalter“ bezeichnet wird – weiß gar nicht, wo er anfangen soll, will er all die besonderen Gäste aufzählen, die in der einstigen Posthalterei schon logiert haben, darunter unzählige bayerische Politiker der Vergangenheit sowie der Gegenwart, Schauspielerlegenden wie Heidi Kabel oder Wolfgang Fiereck – Letzterer komme immer noch regelmäßig – oder Künstler. „Auch Franz Marc hat bei uns geschlafen“, so Suttner, der die „Post“ zusammen mit seiner Frau Andrea (39) in vierter Generation führt.
Schon 1270 den Hausnamen „Wirt“
Im Eingangsbereich hängt neben alten Fotografien eine vergilbte Chronik, die in verschnörkelter Schrift die Geschichte des Anwesens erzählt. Demnach wurde bereits im Saalbuch des Klosters Benediktbeuern anno 1270 ein landwirtschaftliches Anwesen in Kochel erwähnt, das den Hausnamen „Wirt“ getragen habe – und diesen Hausnamen trage die „Post“ bis heute, so der 39-Jährige. Laut Chronik wurde dann um 1400 im Hof des Anwesens eine Wirtschaft errichtet. Und 1421 und 1431 wird Hans, der Wirt, bereits als Zeuge genannt. An der ursprünglichen Posthalterei, die zunächst nur aus einem Erdgeschoss sowie einem ersten Stock bestanden habe, seien im Postkutschen-Zeitalter die Pferde vor der anstrengenden Fahrt über den Kesselberg gewechselt worden, erzählt Suttner. Von jeher habe das Haus darum Reisende beherbergt und sie verköstigt.
Nach Gründung der ersten Wirtschaft ziehen die Jahrzehnte ins Land. Ein Wirt folgt auf den anderen. Der Sohn beerbt den Vater. Die einzige Tochter heiratet, und der neue Wirt trägt darum einen anderen Nachnamen. Zunächst sind es Männer aus der Familie Dölle, die die „Post“ führen. Es folgen Wirte mit dem Namen Guglhör, Müller oder Fink. Um 1870 wird das Haus um eine zweite und dritte Etage aufgestockt, berichtet Suttner. 1908 pachten dann seine Urgroßeltern, Kunigunde und Wolfgang Suttner, die „Post“ von der „Tomas-Brauerei“, bevor sie das Haus 1917 kaufen. Wie es in der Chronik heißt, war dieser erste Wirt der Familie Suttner zuvor Wirt in Benediktbeuern.
Metzgerei war früher wichtiges Standbein
Für seine Urgroßeltern seien es harte Zeiten gewesen, weiß Suttner – unter anderem während des Ersten Weltkrieges, als man den Wirtsleuten die Pferde für den Kriegseinsatz weggenommen habe. „Damals hat man ja noch alles mit Pferden gemacht.“ Unter anderem seien die Tiere wichtig gewesen, um gefälltes Holz aus dem Wald zur „Post“ zu transportieren und das Haus beheizen zu können. Auch über eine eigene Metzgerei habe die „Post“ unter seinem Uropa, der selbst Metzger gewesen sei, noch verfügt. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg habe sie existiert und sei „ein wichtiges Standbein“ für die Familie gewesen.
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Nachdem im Gasthaus nach dem Zweiten Weltkrieg Flüchtlinge einquartiert waren, folgen auf Suttners Urgroßeltern 1956 seine Großeltern Johann und Therese Suttner. Drei Kinder hat das Paar. Nachdem der einstige Gasthof „Prinz Ludwig“ 1965 in Folge von Brandstiftung abgebrannt war, erwarben sie das schräg gegenüber der „Post“ liegende Grundstück und errichteten hier das heutige Hotel „Alpenhof Postillion“.
Steckbrief
Gründungsjahr: Um 1400 wird im Hof des Kochler landwirtschaftlichen Anwesens mit Hausnamen „Wirt“ eine Wirtschaft errichtet
Wievielte Generation: 4.
Anzahl der Zimmer: 20
Gastronomie: Ja
Spezialitäten: Fisch aus dem Kochelsee, Wild aus heimischen Revieren
Bekannteste Gäste: viele; unter anderem Franz Marc, Heidi Kabel und verschiedene bayerische Ministerpräsidenten wie Max Streibl oder Edmund Stoiber
Besonderheit des Hauses: der legendäre „Affenkasten“ – Ein Stammtisch mit Geschichte, an dem es früher feste Platzregeln gab und Frauen nicht erlaubt waren
Durchschnittliche Aufenthaltsdauer: von einer Übernachtung bis zum dreiwöchigen Urlaub ist alles dabei
1976 wird das Hotel eröffnet, das bis heute von Suttners Onkel Stefan geführt wird, während sein mittlerweile verstorbener Vater, der ebenfalls Wolfgang hieß, die „Post“ erbte und mit seiner Frau Elfriede leitete. Letztere, Suttners Mutter, arbeitet bis heute im Betrieb mit. Er selbst und seine Frau haben die „Post“ 2009 übernommen, erzählt Suttner.
Grundsanierung und Hackschnitzelanlage
Viel sei in den vergangenen Jahren saniert und umgebaut worden, erzählt der Vater zweier Kinder im Alter von sieben und neun Jahren. Nachdem das Haus 1989 grundsaniert worden sei, habe man erst im vergangenen Jahr die alte Ölheizung gegen eine Hackschnitzelanlage ausgetauscht. 2014 wurde ein neuer Saal angebaut und ein Jahr zuvor wurden alle Zimmer saniert. Das markante Anwesen mit den Geranien vor den Fenstern und der Malerei an der Fassade will beständig auf Vordermann gehalten werden. „Wenn man hinten fertig ist, kann man vorne wieder anfangen“, sagt Andrea Suttner lachend. Sie ist als gelernte Bankkauffrau vor allem für die Rezeption und die Buchhaltung zuständig, während ihr Mann als Koch, der seine Ausbildung im Bayerischen Hof in München absolviert hat, für die Küche verantwortlich zeichnet.
Gäste kommen aus aller Welt
Die Gästeschar in seinem Haus ist bunt: Urlauber steigen hier ebenso ab wie Geschäftsreisende aus aller Welt, etwa aus den USA oder China. Erst kürzlich seien Gäste aus Israel da gewesen. Es gebe viele Radurlauber, die auf dem Bodensee-Königsee-Radweg unterwegs seien und nur eine Nacht blieben. Und es gebe Stammgäste, die drei Wochen buchten und seit vielen Jahren immer wieder kämen. 14 Mitarbeiter sind in der „Post“ während der Hauptsaison von Juni bis September beschäftigt. Im Winter sei weniger los, denn Wintersportler bevorzugten Regionen, in denen sie vom Hotel auf die Piste starten könnten.
Wer aber immer komme, das seien die einheimischen Vereine. Für viele sei das Haus ihr Stammlokal. Die ganz besonderen Stammgäste unter ihnen nehmen im sogenannten „Affenkasten“ Platz, einem kleinen Raum, der ganz von einem riesigen Tisch, dem Stammtisch, eingenommen wird und an dessen Lampe ein Plüsch-Affe baumelt. Früher habe es hier eine strenge Sitzordnung gegeben und Frauen hätten gar nicht Platz nehmen dürfen, erzählt Suttner. Das hat sich freilich längst geändert. Bis heute sei der „Affenkasten“ aber ein beliebter Treffpunkt der alteingesessenen Kochler – und der Gasthof Zur Post ist nach wie vor ein zentraler Ort in der Gemeinde.
Serie „Gastgeber mit Geschichte“
Gastlichkeit hat im Tölzer Land Tradition. Es gibt viele Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen, die schon seit Generationen in Familienhand sind. In der Serie „Gastgeber mit Geschichte“ beleuchtet der Tölzer Kurier Beherbergungsbetriebe im Wandel der Zeit.
Die bisherigen Folgen:
Mutter-Tochter-Gespann lebt oberbayerische Gastlichkeit: Das Haus Krinner in Bad Tölz
Junge Hotelchefinnen möbeln Traditionshaus auf: Das Hotel Waltraud in Kochel
„Alles für unseren Betrieb selbst gemacht“: Café und Pension Schusterpeter in Arzbach
Landwirtschaft mit allen Sinnen: Der Abrahamhof in Benediktbeuern
„Da müssen alle dahinterstehen“: Das Hotel und Café am Wald in Bad Tölz
Vier Generationen Frauenpower: Der Landgasthof Fischbach
„Kinder haben mit den Gästen schwimmen gelernt“: Der Langerbauernhof in der Jachenau
„Bei uns findet jeder einen ruhigen Badeplatz“: Der Seppenbauernhof in Sachenbach