In der Pension der Familie Kiefersauer nächtigte bereits König Ludwig. Das Zimmer haben die Gastgeber so gut es geht aus dieser Zeiten erhalten. Die direkte Lage am Walchensee zieht viele naturverbundenen Urlauber an.
Jachenau – Es braucht nicht unbedingt Luxus. Manchmal sind es die einfachen Dinge, die am längsten in Erinnerung bleiben. So war es offensichtlich auch bei einer Dame aus einer alten Münchner Adelsfamilie. Das zeigt ein gerahmter Brief in der Pension Kiefersauer, in dem eine Gräfin die Erinnerungen an einen Urlaub am Walchensee mit ihrer Mutter schildert. „60 Jahre ist es her – meine liebe Mutter, mein Bruder und ich genossen in vollen Zügen die Schönheit des Walchensees in ihrem schönen und guten Bauernhaus. Sonne über Sonne, kein Mensch weit und breit und die wunderbare Farbe des Sees. Wir waren, glaub’ ich, die ersten Sommergäste bei Euch“, steht in dem Brief geschrieben. Den Namen der Verfasserin möchten die Gastgeber nicht öffentlich nennen. „Datenschutz“, meint Annette Kiefersauer. „Wir haben diesen Brief 1995 zusammen mit einer Zeichnung bekommen, das war schon etwas sehr Besonderes, nach 60 Jahren so ein Schreiben zu erhalten“, erinnert sie sich.
Hof seit 300 Jahren in Familienbesitz
Annette Kiefersauer führt gemeinsam mit ihrem Mann Georg seit 2003 die gleichnamige Pension in Altlach, direkt am Südufer des Walchensees. „Aber das meiste mache schon ich“, fügt sie mit einem Augenzwinkern hinzu. Während ihr Mann sich um die Instandhaltung der Außenanlagen kümmert, ist Annette Kiefersauer für An- und Abreisen, Buchungen, Zimmer, Frühstück und die Büroarbeit zuständig.
Die Post der ersten Sommergäste war ein Highlight. Auch sonst bekommen die Jachenauer Gastgeber immer wieder mit, dass es Urlauber von früher zurückzieht. „Heuer kam ein Gast, der in den 80er-Jahren bei uns mal Urlaub gemacht hat. Er hat eine Krebsdiagnose bekommen, und er wollte unbedingt noch einmal herkommen. Solche Geschichten berühren mich schon sehr.“
Besondere Lage zwischen Walchensee und Hochkopf
Diese Sehnsucht verwundert nicht: Das denkmalgeschützte Bauernhaus der Familie Kiefersauer, einst Bräu, liegt malerisch gelegen, direkt am Südufer des Walchensee. Zur anderen Hausseite hat man einen Blick auf den Altlacher Hochkopf. „Selbst für mich ist das keine Selbstverständlichkeit“, sagt Annette Kiefersauer. „Ich stehe fast jeden Tag im Garten und denke mir: ,Mei, ist das schön hier‘.“
Erbaut wurde das Haus 1843. „Es ist aber das zweite Haus hier auf dem Grund. Der Hof ist seit circa 300 Jahren in Familienbesitz. Man glaubt, dass die Wittelsbacher damals noch mitgezahlt haben, um das Haus zu nutzen, wenn sie auf die Jagd gegangen sind.“ Auf dem Hochkopf und dem Herzogstand hatte die Adelsfamilie Jagdhütten, die auch kein Geringerer als König Ludwig besucht hatte. „Er hat selbst auch im Haus geschlafen. Das Zimmer vermieten wir als ,König Ludwig Zimmer‘ und haben so wenig wie irgendwie möglich geändert. Viele finden das total spannend“, berichtet Kiefersauer. Die Sitzecke mit Sofa sei neu gepolstert und überzogen, „ansonsten original aus der Zeit“. Auch der alte Kachelofen ist noch aus seinen Regierungszeiten. Sogar Kabinettsitzungen hielt König Ludwig in Altlach ab. Die Protokolle sind gerahmt und zieren das Gästezimmer mit königlichem Flair. Ebenso wie ein Bild, das König Ludwig von einem seiner Pferde vor dem Hof malen ließ. „Dort ist auch mein Ur-Ur-Großonkel mit abgebildet. Er war damals königlicher Förster“, erzählt die zweifache Mutter.
Feriengäste von Ostern bis Kirchweih
Einst war auf dem Hof eine kleine Landwirtschaft. „Aber nur für die Selbstversorgung.“ Forst gehört bis heute dazu. Kiefersauers Urgroßeltern haben dann die ersten Sommergäste in dem Haus beherbergt. „Ich denke, dass damals nur ab und zu Urlauber hier waren. Wie viel Zimmer meine Urgroßeltern vermietet haben, weiß ich nicht. Damals haben auch Knechte und Mägde im Haus mitgewohnt.“ Kiefersauer vermietet nur von Ostern bis Kirchweih. Die Sommermonate seien meist schon ein Jahr im Voraus von Stammgästen ausgebucht.
Im Winter genießt es die Familie, das Haus für sich alleine zu haben, und kümmert sich um die Instandhaltung des historischen Gebäudes. „Das ist schon immer ein Spagat. Bei uns ist natürlich nicht alles auf dem allerneuesten Stand, aber viele unsere Gäste schätzen das Einfache hier.“ Erst seit 1964 gibt es Strom in dem Bauernhaus. „Meine Großmutter hat noch alles von Hand gewaschen.“ Der Fokus der Urlauber liege auf Ruhe, Natur und dem Walchensee. Immerhin hat das Grundstück einen eigenen Seezugang, den die Gäste des Hauses exklusiv nutzen können.
2020: Kiosk mit Biergarten erbaut
„Früher haben die meisten Leute hier richtig Badeurlaub gemacht und sind tagelang nur am See gewesen.“ Das habe sich in den vergangenen Jahren geändert. „Die Gäste gehen schon noch an den See, aber nutzen den Tag auch, um sich zu bewegen. Viele gehen zum Wandern oder nehmen ihre E-Bikes mit. Ich staune oft nicht schlecht, was die Urlauber dann erzählen, wo sie überall waren. Manche Touren kenne ich selbst gar nicht“, sagt die 48-Jährige lachend. Besondere Freude bereite es ihr, wenn Stammgäste über Generationen hinweg kommen. „Zu manchen haben sich auch Freundschaften entwickelt. Wir haben Gäste, die seit 1980 bei uns Urlaub machen. Die Tochter ist so alt wie ich und kommt immer noch zu uns.“
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2020 hat die Familie den Kiosk mit Biergarten in Altlach gebaut. „Das war ein großes Projekt, vor allem bürokratisch“, berichtet sie. „Aber wir haben gemerkt, dass der Bedarf da ist.“ Dass ihr Mann und ihr Sohn Zimmerer sind, erleichtere vieles. „Wir haben das meiste selbst gebaut.“ Der Aufwand, die kleine Gastronomie zu betreiben, sei sehr groß gewesen. „Mittlerweile haben wir den Biergarten verpachtet.“ Trotz aller Mühen sei es richtig gewesen, den Kiosk zu bauen. „Bei gutem Wetter ist immer was los.“
Steckbrief
Erbaut: 1843
Beherbergung: seit 1920er-Jahren
Wievielte Generation: 4.
Anzahl der Zimmer: 6 Gästezimmer mit Etagenbad, eine Ferienwohnung
Gastronomie: Frühstück für Hausgäste, Biergarten nebenan
Spezialität des Hauses: selbstgemacht Holundermarmelade
Berühmtester Gast: König Ludwig
Besonderheit des Hauses: Direkter Seezugang nur für Gäste
Aufenthaltsdauer: 5-7 Nächte
Serie „Gastgeber mit Geschichte“
Gastlichkeit hat im Tölzer Land Tradition. Es gibt viele Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen, die schon seit Generationen in Familienhand sind. In der Serie „Gastgeber mit Geschichte“ beleuchtet der Tölzer Kurier Beherbergungsbetriebe im Wandel der Zeit.
Die bisherigen Folgen:
Mutter-Tochter-Gespann lebt oberbayerische Gastlichkeit: Das Haus Krinner in Bad Tölz
Junge Hotelchefinnen möbeln Traditionshaus auf: Das Hotel Waltraud in Kochel
„Alles für unseren Betrieb selbst gemacht“: Café und Pension Schusterpeter in Arzbach
Landwirtschaft mit allen Sinnen: Der Abrahamhof in Benediktbeuern
„Da müssen alle dahinterstehen“: Das Hotel und Café am Wald in Bad Tölz
Vier Generationen Frauenpower: Der Landgasthof Fischbach
„Kinder haben mit den Gästen schwimmen gelernt“: Der Langerbauernhof in der Jachenau