Der Haupt- und Finanzausschuss Karlsfeld will in die Vorsorge vor Obdachlosigkeit investieren. Das Angebot Caritas abblitzen und nimmt Angebot der Stadt an
Karlsfeld – Immer mehr Menschen sind im Landkreis, aber auch in der Gemeinde Karlsfeld, sind von Wohnungslosigkeit bedroht. Gleichzeitig ist die Verwaltung damit auf Dauer überlastet. Der Haupt- und Finanzausschuss Karlsfeld entschied in seiner Sitzung am Dienstagabend daher mehrheitlich, nun zu handeln: Im Kampf gegen die wachsende Obdachlosigkeit wird die Gemeinde eine interkommunale Kooperation eingehen: Sie schließt sich der Fachstelle Wohnen der Stadt Dachau an.
Um Wohnungsnot zu verhindern: Gemeinde Karlsfeld kooperiert mit Stadt Dachau
„Ich fühle mich, als wären wir zu einem Fachhändler gegangen und bestellen nun doch bei Amazon“, meinte Adrian Heim betrübt. Der Grund für sein schlechtes Gewissen: Die Gemeinde hatte sich im vergangenen Jahr von der Caritas die Brisanz des Themas aufzeigen lassen. In einer nichtöffentlichen Sitzung stellte Caritas-Geschäftsführerin Heidi Schaitl ihr Konzept und ihre Kostenprognose vor. Die Gemeinde war begeistert. Allerdings nur bis April dieses Jahres. Da präsentierte Schaitl nämlich, wie berichtet, andere Zahlen. Kurz gesagt: Die Kosten explodierten. Der Haupt- und Finanzausschuss beschloss daher, sich in den Fraktionen erneut zu beraten.
Ich fühle mich, als wären wir zu einem Fachhändler gegangen und bestellen nun doch bei Amazon.
Wie Sarah Kothai, Leiterin der Obdachlosenunterkunft in Karlsfeld, nun, ein halbes Jahr später, dem Gremium mitteilte, habe die Stadt Dachau der Gemeinde in der Zwischenzeit ein verlockendes Angebot gemacht: Im Gegensatz zur Caritas rechnet die Fachstelle Wohnen der Stadt Dachau nicht mit 20, sondern zehn Wochenstunden. Die veranschlagten Kosten hierfür liegen anders als bei der Caritas nicht bei rund 69 000 Euro, sondern bei rund 29 000 Euro.
Obdachlosenzahlen
Die Gemeinde Karlsfeld hat drei Obdachlosenunterkünfte. Sie befinden sich im Hadinger Weg, an der Münchner Straße sowie an der Fasanenstraße. Insgesamt sind dort zurzeit 29 Menschen untergebracht. Sechs weitere Personen werden laut Sarah Kothai noch hinzukommen. Wegen der angespannten Lage auf dem Mietmarkt steigt die Tendenz aktuell. Auch die Unterbringungszeit wird immer länger. Derzeit beläuft sich diese auf etwa vier bis fünf Jahre.
Gemeinderäte äußern Bedenken
Eine klare Sache, wie der auf Sparen bedachte Haupt- und Finanzausschuss auf die vorgeschlagene Kooperation mit der Stadt Dachau reagiert, war es nicht.
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Janine Rößler-Huras lobte das Konzept der Stadt Dachau zwar als „wunderbar“, zeigte sich allerdings besorgt, dass die Fachstelle Wohnen der Stadt Dachau keine Nachsorge für Betroffene anbietet. „Nachsorge ist unglaublich wichtig, sonst haben wir wieder den ganzen Kreislauf, der von vorne anfängt.“ Wie Kothai erklärte, würden der Stadt Dachau die Familien, die schon einmal gerettet wurden, in den seltensten Fällen wieder auf die Füße fallen. Eine Nachsorge werde darum auch in Dachau nicht angeboten.
CSU-Gemeinderat Rüdiger Meyer erkundigte sich, ob eine Teilzeitstelle im Rathaus überlegt oder bereits ad acta gelegt wurde. Bürgermeister Stefan Kolbe erklärte, die Gemeinde habe nicht genügend Kapazitäten für eine interne Stelle.
Es macht viel Sinn, nicht nur in die Kommune zu gucken, sondern auch darüber hinaus.
Marco Brandstetter vom Bündnis für Karlsfeld warnte davor, intern eine Teilzeit-Kraft einzustellen. „Wir haben einen großen Vorteil, auf ein ganzes Spektrum zugreifen zu können und nicht nur auf einen halben Mitarbeiter. Das ist sehr wertvoll. Es macht viel Sinn, nicht nur in die Kommune zu gucken, sondern auch darüber hinaus.“
Weiter fragte er, ob es sich bei der Prävention von Wohnungslosigkeit um eine freiwillige Leistung oder eine Pflichtaufgabe handle. „Moralisch ist es eine Pflicht, gesetzlich eher eine freiwillige Leistung“, antwortete Kolbe. Es sei wichtig reinzugrätschen, schon bevor Räumungsklagen auftauchen.
Grünen-Gemeinderätin Heike Miebach wollte wissen, ob es realistisch sei, die Wochenstunden der Fachstelle Wohnen zu erhöhen, was Kothai bejahte.
Debatte, ob Beschluss vertagt werden soll
CSU-Gemeinderat Stefan Handl schlug vor, den Beschluss auf die Haushaltsberatungen zu verschieben. „Was ich vermeiden möchte, ist, dass wir jetzt Ja sagen und im Zuge der Haushaltsberatungen feststellen, dass wir uns das nicht leisten können und wieder rausschießen müssen.“
Die Notlage ist schon sehr, sehr bekannt. Es wird nicht weniger an Wohnungslosen.
Adrian Heim vom Bündnis für Karlsfeld riet davon ab, „es wieder auf die lange Bank zu schieben“. Rößler-Huras plädierte ebenfalls dafür, „es heute zu entscheiden. Die Notlage ist schon sehr, sehr bekannt. Es wird nicht weniger an Wohnungslosen“.
SPD-Gemeinderäte Beate Full merkte an: „Wenn wir uns erst in den Haushaltsberatungen dazu entscheiden, dann fallen uns die Wohnungslosen auf die Füße, und dann kostet uns das viel mehr.“ Kolbe stellte klar: Die Gemeinde versuche das Thema Obdachlosigkeit so zu regeln, dass möglichst wenig Kosten an der Gemeinde hängen blieben. „Wir bleiben auf ein bisschen was sitzen, aber so viel ist es in der Tat nicht“, betonte Kolbe und motivierte den Ausschuss, eine Entscheidung zu fällen.
Gegen die Stimmen der CSU-Gemeinderäte Andreas Wagner und Rüdiger Meyer stimmte der Haupt- und Finanzausschuss für den Zusammenschluss mit der Fachstelle Wohnen der Stadt Dachau.
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