Immer mehr Menschen geraten in Karlsfeld in Wohnungsnot. Um die Verwaltung zu entlasten, überlegt die Gemeinde, der Fachstelle Wohnen der Caritas beizutreten. Im Haupt- und Finanzausschuss wurden nun aber Bedenken laut.
Karlsfeld – Manchmal braucht es nicht viel, bis die Stimmung kippt. Im Haupt- und Finanzausschuss der Gemeinde Karlsfeld hat am Dienstag eine Zahl ausgereicht. Um genau zu sein: 69 308, 84 Euro. So viel würde es der Gemeinde jährlich kosten, wenn sie der Fachstelle Wohnen der Caritas beitritt. Zuletzt präsentierte die Caritas jedoch ganz andere Zahlen. In der nichtöffentlichen Sitzung von Juni 2023 war noch die Rede von einer Stelle mit elf Wochenstunden. Kostenpunkt: 33 400 Euro. Das Interesse der Gemeindeverwaltung war geweckt.
Die anfängliche Euphorie des Bürgermeisters Stefan Kolbe über die in seinen Worten „gute Geschichte“, verpuffte am Dienstag allerdings, als Heidi Schaitl, Kreisgeschäftsführerin der Caritas Dachau, ihre neue Kostenprognose vorstellte. „Wir haben die Zahlen überarbeitet und sind mit den Wochenstunden nach oben gegangen“, erläuterte Schaitl. Demnach seien für die Stelle mittlerweile 20 Wochenstunden notwendig, was insgesamt jährlich rund 69 000 Euro koste.
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Wohnungsnot wächst in Karlsfeld: Kosten für Fachstelle der Caritas steigen
„Das bereitet mir Schmerzen“, meinte Kolbe. Auch bei den anderen Ausschussmitgliedern hielt sich die Begeisterung in Grenzen. Fraktionsübergreifend war die Verwunderung groß, wie sich die Kosten innerhalb der jüngsten zehn Monate mehr als verdoppeln konnten.
Wie Dachaus Kreisgeschäftsführerin der Caritas erklärte, habe sich die Einschätzung des Bedarfs geändert. Auf Nachfrage teilte sie mit, dass sie dem Gemeinderat im Sommer 2023 vorgeschlagen habe, kurzfristig im Herbst mit elf Wochenstunden einzusteigen. Die Gemeinde habe aber klargestellt, dass der Beitritt zur Fachstelle erst zu Beginn des Jahres 2025 möglich sei. Die Caritas habe, so Schaitl, den aktuellen Kostenvorschlag mit der Gemeindeverwaltung, die für die Obdachlosenunterbringung zuständig ist, abgestimmt.
Das Thema drohende Obdachlosigkeit wird immer brisanter.
„Unsere Erfahrung in der Beratungsarbeit ist, dass die Wohnungsnot im Landkreis stark zunimmt und das Thema drohende Obdachlosigkeit immer brisanter wird“, betont Schaitl. Gerade in größeren Gemeinden, die eine städtische Struktur und eine hohe Mietwohnungsquote aufweisen, steigt die Problematik laut Schaitl enorm.
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Viele kommen zu uns, wenn es leider schon zu spät ist.
Davon berichtet auch Sarah Kothai. Karlsfelds Verwaltung sei mit der Unterbringung obdachloser Menschen stark gefordert. Kothai weiß, wovon sie redet. Sie leitet die gemeindliche Obdachlosenunterkunft. Unter anderem. „Der Bedarf ist extrem steigend.“ Für viele Betroffene sei die Hemmschwelle jedoch groß, zur Gemeinde zu gehen und sich rechtzeitig Hilfe zu holen, weiß sie. „Viele kommen zu uns, wenn es leider schon zu spät ist.“ Wenn die Zwangsräumung bereits ansteht.
Die Gemeindeverwaltung gelangt dann an ihre Grenzen, sagt Kothai, die neben dem Thema Obdachlosigkeit auch für Wahlen und das Einwohnermeldeamt zuständig ist. Wie Kothai betonte, könnten sie und ihre Mitarbeiterin das langfristig nicht mehr stemmen.
Kritische Stimmen aus dem Haupt- und Finanzausschuss Karlsfeld
Finanzreferent Stefan Theil (CSU) pochte darauf, das Ganze gegenrechnen zu lassen und zu überlegen, ob die Verwaltung nicht selbst eine Fachkraft einsetzen könne. „Ich rate ab, das als Gemeinde zu machen“, meinte Janine Rößler-Huras (Grünen) nachdem Heidi Schaitl die Gemeinderäte über das „gute Netzwerk“ der Caritas – bestehend aus Sucht-, Schuldner-, Jugend- und Elternberatung – sowie die „hohe Fachkenntnis“ und „sehr gute Ausbildung“ informierte. „Wir warten nicht ab, bis die Situation eskaliert, sondern handeln frühzeitig“, betonte die Caritas-Kreisgeschäftsführerin. Sarah Kothai von der Verwaltung ist vor allem eines wichtig: „Ich brauche jemanden mit einer pädagogischen Ausbildung.“ Und zwar dringend.
Ursula Weber (CSU) ist der Ansicht, dass die Stelle zur Verhinderung von Obdachlosigkeit bei der Caritas „gut angesiedelt“ ist. Heike Miebach (Grünen) wollte wissen, ob man nicht mit 12 oder 15 Wochenstunden starten könne. Heidi Schaitl erklärte: „Das Konzept ist bei so geringen Stunden nicht erfüllbar. So können wir keine Erfolge erzielen.“
Gremium vertagt Entscheidung
Ob die Gemeinde der Fachstelle beitritt, wird sich zeigen. Bürgermeister Kolbe und seine Gemeinderäte vertagten den Beschluss. „In der nächsten oder übernächsten Sitzung“, so Kolbe, „wird eine Entscheidung fallen“.