Mehrfach schon hat er Passionsluft geschnuppert, war 2020 und 2022 Teil des Leitungsteams. Abdullah Karaca ist bereit, das Ruder zu übernehmen und 2030 das Gelübdespiel in Oberammergau zu inszenieren. Für ihn „ein Herzenswunsch“.
„Kompliziert“ nennt Abdullah Karaca, was in seinem Heimatort passiert. Der 35-Jährige spricht auch von „einem empfindlichen Thema“. Einem, mit dem er sich am liebsten nicht auseinandersetzen würde. Aus dem er sich gerne raus halten möchte. „Ich versuche, mich auf die Arbeit und auf mein Konzept zu konzentrieren.“ Funktioniert wahrscheinlich nur bedingt. Schließlich zählt er zu den Interessenten, die der Gemeinderat auffordert, sich bis Jahresende um die Passions-Spielleitung zu bewerben. Klar ist, dass Karaca damit in direkter Konkurrenz zu Christian Stückl steht. Der will nämlich auch 2030 wieder die Geschichte vom Leben und Leiden Jesu‘ auf die Passionsbühne bringen. Nach vier überaus erfolgreichen Inszenierungen wäre das sein fünftes Mal.
Über Stückl kam Karaca zum Theater. Vor der Passion 2000 war er auf den Elfjährigen, der gut singen konnte, aufmerksam geworden und wollte ihn unbedingt im Volk dabei haben. Der Vater des Buben, der aus der Türkei nach Deutschland eingewandert war, zeigte sich zunächst skeptisch. Vor allem, ob sein Sohn, der im muslimischen Glauben erzogen wurde, die Geschichte versteht. Bedenken, die Stückl ausräumte. Für Karaca war es „ein unglaubliches Erlebnis“, mit den anderen Oberammergauern das Gelübde von 1633 zu erfüllen. Ein prägendes. Eines, das auch seinen Berufswunsch beeinflusste. Als Regieassistent fing er 2009 am Volkstheater in München an, studierte dann Regie an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg und wirkte bis 2019 als Hausregisseur am Volkstheater, dessen Intendant Stückl seit 2002 ist. Die Zusammenarbeit war stets eng. 2015 avancierte Karaca zum zweiten Spielleiter der Passion. Für all das ist er dankbar, auch für die ihm ermöglichten Chancen. „Ich habe einen guten Job gemacht“, betont er selbstbewusst.
„Ich will Theater machen, Stücke inszenieren und mich in die Arbeit stürzen.
Für ihn stand das Spiel, das corona-bedingt auf 2022 verschoben werden musste, im Zeichen des Generationswechsels. „Auf der Bühne hatten wir die jüngste Mannschaft überhaupt“, sagt er. All das sei stets offen kommuniziert worden. Genau wie sein Wunsch, das Passionsspiel selbst einmal zu verantworten. Deshalb wird er, wie vom Gemeinderat gewünscht, ein Konzept für 2030 vorlegen. Einen Streit oder eine öffentliche Debatte „möchte ich aber nicht anfeuern“.
Seit einigen Jahren als freier Regisseur tätig
Ihm ist durchaus bewusst, dass der Beschluss, die Spielleiter-Frage öffentlich zu klären, weitere Diskussionen mit sich bringen wird. Auch, dass gerade konservative Oberammergauer möglicherweise mit seinem Glauben hadern. „Ich weiß nicht, wie sie auf meine Bewerbung reagieren“, sagt Karaca. „Ich habe aber gezeigt, dass ich offen bin, für alles ein offenes Ohr habe und mit Kritik umgehen kann.“ Klar ist für ihn außerdem, dass der Ort nicht um eine Neuinszenierung herumkommen wird. „Das Spiel würde stagnieren“, betont er. Für ihn ist wichtig, „die aktuelle Zeit zu reflektieren, darauf einzugehen“. Die Welt ändere sich schließlich und damit auch der Blick auf Jesus, „der ja zu den Menschen sprechen muss“. Ein Ansatz, den auch Stückl vertritt. Karaca untermauert überdies genau wie der vierfache Passions-Spielleiter, „dass man in das Passionsspiel Geld stecken muss, damit auch etwas rauskommt“, beziehungsweise Millionen in die Gemeindekasse gespült werden.
Seit einigen Jahren ist Karaca als freier Regisseur aktiv. „Ich habe viel am Theater Konstanz gemacht“, sagt er. Sein Einstieg in die Freiberuflichkeit war dabei sicher kein einfacher, fiel er doch mitten in die Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen für die Kultur. Nach „Muttersprache Mameloschn“, einem Stück über drei Jüdinnen – Großmutter, Mutter und Tochter, die nicht mit-, aber auch nicht ohne einander können, – präsentierte er dem Publikum am Bodensee „Morgen ist auch noch ein Tag“, eine vergnügliche Geschichte über einen frisch Pensionierten. In der kommenden Spielzeit nimmt sich Karaca „Zur schönen Aussicht“ von Ödön von Horváth vor.
Mit Molière im September im Kleinen Theater
Vorher stellt er aber einen Klassiker in Oberammergau auf die Bühne. Längst schon wollte er Molière inszenieren, im September erfüllt sich dieser Wunsch im Kleinen Theater. „Die Schule der Frauen“ steht auf dem Programm, „mit Leuten, die total Lust haben“. Darauf richtet er jetzt seinen Fokus. „Ich will Theater machen, Stücke inszenieren und mich in die Arbeit stürzen.“ Genau wie Stückl, dem sein Berufswunsch nach der Rosner-Prob‘ 1977 klar war. Fünf Jahre später präsentierte er nach einigen Kinderstücken seine erste abendfüllende Inszenierung – „Der eingebildete Kranke“, übrigens auch von Molière.
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