Nach der Passion ist vor der Passion: Und vor der Spielleiterwahl. Christian Stückl erachtet das neue Bewerbungsverfahren für Interessenten als Instrument, ihm das Ruder zu entreißen. Oberammergaus Bürgermeister widerspricht.
Christian Stückl weiß, was er will. Dazu zählt, 2030 zum fünften Mal als Spielleiter die weltberühmte Oberammergauer Passion auf die Bühne zu bringen. Doch diesmal läuft das Prozedere anders ab. Dafür hat der Gemeinderat gesorgt. Zum ersten Mal in der Geschichte des Gelübdespiels hat das Gremium beschlossen, einen öffentlichen Aufruf zu starten. Warum? Das liegt für den 62-Jährigen auf der Hand: „Es geht nur darum, mich wegzubringen.“ Seine Meinung – und die seiner Anhänger. Nicht aber die von Bürgermeister Andreas Rödl (CSU). Er widerspricht Stückls Behauptung vehement: „Es geht nicht um eine persönliche oder politische Fehde.“
Es ist kein Geheimnis, dass es in den vergangenen Jahren, insbesondere seit der letzten Passion, des Öfteren zu Unstimmigkeiten gekommen war. Sei es in puncto Sicherheitskonzept oder bei Stückls Verstoß gegen das Spielrecht. Verbal wurden nicht immer nur Freundlichkeiten ausgetauscht. Das Verhältnis zwischen dem Regisseur und dem Gemeinderat litt.
Ohne Mauschelei, dafür mit Transparenz
Das Bewerbungsverfahren in Gang zu setzen, initiierte die Parteilose Wählergemeinschaft (PWG). Die Fraktion reichte den entsprechenden Antrag ein. Keine Hau-Ruck-Aktion. Rödl zufolge hatten die Gelben seit Längerem diesen Schritt angekündigt. Nicht er gab den Anstoß, er steht aber hinter dem Mehrheitsbeschluss des Gremiums. Denn bislang konnte nur jemand Spielleiter werden, der gute Beziehungen in den Gemeinderat pflegte. „Sonst hatte man schlechte Karten“, betont der Rathauschef. Und genau das soll sich ändern. „Es ist kein Beschluss, um ihn rauszukegeln.“ Sondern einer, um die Türen für alle zu öffnen. Transparenz statt Mauschelei sozusagen. In Stückls Augen sieht’s nur eben mehr nach Taktik aus, ihm das Ruder zu entreißen. Vielleicht, „weil ich manchmal unbequem bin, auch zu emotional und manchmal zu stur“, vermutet er. Doch Rödl, der um Stückls Qualität weiß, beharrt darauf: „Wir haben keine persönlichen Probleme mit ihm. Schade, wenn er das so empfindet.“
Dass angesichts der riesigen Herausforderung und des gewaltigen Drucks eine Vielzahl an Bewerbungen eintrudeln wird, damit rechnet der Bürgermeister nicht. Sicher aber ist schon jetzt: Ein Duell wird es geben. Denn Abdullah Karaca, Stückls künstlerischer Ziehsohn und zuletzt Zweiter Spielleiter, wirft seinen Hut für die prestigeträchtige Stelle in den Ring. Damit bekommt Stückl – abgesehen von 2020 – nicht zum ersten Mal einen Konkurrenten. Man denke nur an Dr. Rudolf Zwink (2000) zurück.
Budget für 2030 noch nicht festgelegt
Wer ihn in seiner Position noch beerben möchte, wird sich bis Ende 2024 zeigen. Bis dahin können sich Interessierte (Voraussetzung ist ein Mitwirkungsrecht) bei der Kommune bewerben. Unabhängig von Alter, Religion und Geschlecht. „Das darf keine Rolle spielen“, betont der Rathauschef. „Und das ist auch richtig so.“ Das heißt in der Konsequenz auch: Weder Stückls Alter, er wäre beim nächsten Mal 68, noch Karacas Glaube, er ist Muslim, gelten als Contra-Argument. Ob Stückl, der seine Bereitschaft den Ortspolitikern gegenüber vor einem Jahr signalisierte, diese auch noch schriftlich bekunden müsste, gilt es noch zu klären. „Dazu kann ich noch nichts sagen“, verdeutlicht Rödl.
Wir werden mit jedem gut zusammenarbeiten.
Derzeit arbeitet die Rathausverwaltung daran, die Anforderungen für eine Bewerbung zu konkretisieren. Der Bürgermeister aber weiß: Ein fertiges Konzept kann es sechs Jahre vor der Passion nicht geben. Zumal das Budget erst noch festzuzurren ist. Von diesen finanziellen Vorgaben des Gemeinderats hängt die Art und Weise der Inszenierung schließlich maßgeblich ab.
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Dass sich die zwei Theatermacher der Verantwortung stellen wollen, weiß der Gemeinderat seit einiger Zeit. Nur wann mit wem Gespräche geführt wurden oder nicht – da gibt es verschiedene Versionen. Rödl kann von seiner Seite absolut kein Versäumnis erkennen. 2021 habe er damit begonnen, mit Stückl über 2030 zu reden – wenngleich, wie er einräumt, oft nur kurz. Er verweist in dem Zuge auch auf die Abschluss-Pressekonferenz im Herbst 2022, als der Spielleiter beiläufig einen Rücktritt als Kollektiv in den Raum stellte. Dass der Routinier noch nicht abdanken möchte, ergaben dann weitere Gespräche im Gremium.
Wer am Ende die Position übertragen bekommt, entscheidet der Gemeinderat. Nach aktueller Planung im Mai 2025. „Wir werden mit jedem gut zusammenarbeiten“, betont Rödl. Denn alle verfolgen ein Ziel: dass die Passion wieder ein Erfolg wird.