Einfach, aber gemütlich: Auf dem Mesnerbauernhof in der Jachenau bietet Anni Fichtner ihren Gästen nichts an, was sie selbst nicht braucht. Genau das zieht viele an.
Jachenau – „Bei uns ist alles noch so wie früher“, sagt Anni Fichtner, als sie die mit traditionellen Malereien verzierte Tür zu einem ihrer Gästezimmer öffnet. Einfach, aber gemütlich und sauber ist es hier. Und es ist offenbar genau das, was viele Gäste suchen. Denn die Jachenauerin kann auf ihrem Mesnerbauernhof seit vielen Jahren auf ihre Stammgäste zählen.
Beherbergung auf dem Mesnerbauernhof in der Jachenau
Gästebeherbergung als zweites Standbein neben der Landwirtschaft: In der Jachenau ist das auf den Höfen gang und gäbe. Auch auf dem Mesnerbauernhof, zentral gelegen im Ortsteil Dorf. Der Hof geht zurück auf das Mitte des 15. Jahrhunderts, als er sich vom Kirchhof abspaltete. Die Hofstelle war damals mit Mesnerdiensten verknüpft – daher der Name, wie Anni Fichtner erklärt.
Vor dem Zweiten Weltkrieg sei es der zweite Mann ihrer Großmutter gewesen, der die Zimmervermietung einführte. Anni Fichnters Mutter, die aus dem Heilbrunner Gasthaus Wiesweber stammte, habe die Vermietung dann mit großer Freude weitergeführt. „Sie hat das sehr gut gemacht, hat gerne Kuchen gebacken, und als Service konnten die Gäste die Schuhe rausstellen, und meine Mutter hat sie geputzt.“
Loipe und erster Lift als Attraktionen
Reisen sei zu jener Zeit noch etwas Besonderes gewesen. „Früher hat man sich zuerst daheim etwas aufgebaut, dann hat man erst daran gedacht, in Urlaub zu fahren“, sagt Fichtner. So erinnert sie sich an ein Paar im Ruhestand, das zuerst im Frühjahr für vier Wochen und im gleichen Jahr im Herbst sechs Wochen auf dem Mesnerbauernhof zu Gast war. Der Wintertourismus habe erst später Einzug gehalten, als in unmittelbarer Nähe eine Loipe gespurt wurde und der erste Skilift in Betrieb ging. „Ich bin selber immer gerne langlaufen gegangen“, sagt Anni Fichtner. „Es ist schön, wenn man die Loipe vor der Tür hat.“
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Und auch auf Wanderungen begleitete sie die Urlauber als 13- oder 14-jähriges Mädchen gern. „Während die Gäste auf der Falkenhütte eingekehrt sind, bin ich noch weitergegangen bis zum Gipfel“, erinnert sie sich. Auch abends „wollten die Leute ihre Unterhaltung haben“, sagt Fichtner. „Es ist viel gefeiert worden.“ Im Aufenthaltsraum sei man zusammengesessen, dort habe man Spiele gespielt, und es gab einen Fernseher für alle. In Spitzenzeiten seien an die 20 Gäste auf dem Hof untergekommen. Man rückte bei Bedarf zusammen. „Die Kinder haben oft auf Luftmatratzen geschlafen.“
Hamburgerin packt beim Melken mit an
Man habe die Leite damals noch kennengelernt, sagt die 69-Jährige. Teilweise entstanden Freundschaften. Viele Gäste hat Anni Fichtner als ausgesprochen hilfsbereit in Erinnerung. Eine Urlauberin aus Hamburg habe zum Beispiel beherzt mitangepackt, als die Melkmaschine ausfiel. „Ihre Eltern hatten auch eine Landwirtschaft, sie konnte sehr gut melken.“ An andermal hätten Gäste die Kühe in den Stall geführt, als bei Starkregen die Große Laine überging und die Tiere auf der Wiese bis zum Bauch im Wasser standen. Früher, so erinnert sich Fichtner, habe es häufig schwere Gewitter über dem Dorf gegeben. „Wir hatten Gäste, die aus Angst jedes Mal ihre ganzen Koffer gepackt und auf den Flur gestellt haben, damit sie im Notfall wegkönnen“, erzählt sie mit einem Schmunzeln.
Steckkbrief
Gründungsjahr: Zimmervermietung begann vor dem Zweiten Weltkrieg
Wievielte Generation: 3.
Anzahl der Zimmer: zwei Zimmer, zwei Ferienwohnungen
Mit Gastronomie: Nein.
Bekanntester Gast: Eckhard Freise, erster Millionär bei Günther Jauch
Durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Gäste: Nicht ausgerechnet, im Sommer bleiben die Göste auch gerne 14 Tage.
Einiges hat sich über die Jahre geändert. Heute kümmern sich Anni Fichtner und ihre Schwester Theresia Ehlert um zwei Gästezimmer und zwei Ferienwohnungen. Dort seien die Urlauber heutzutage mehr für sich und setzen auf Selbstverpflegung. „Früher sind die Leute sogar zweimal am Tag in die Wirtschaft gegangen.“ Heute sehe sie ihre Gäste zwar jeden Tag, gemeinsame Zeit verbringe man aber nur noch ab und zu, etwa beim Grillen, „oder man trinkt ein Glasl Wein zusammen, wenn es passt“. Gäste, die sich für drei bis vier Woche einquartieren, gebe s nur noch wenige.
Zimmer-Reservierungen am liebsten telefonisch
Manch anderes ist auf dem Mesnerbauernhof aber auch geblieben, wie es war. „Bei uns ist alles noch einfach, wir haben keinen Luxus – nichts, was ich selber nicht brauche.“ Reservierungen nimmt Anni Fichtner weiterhin am liebsten telefonisch entgegen. Eine Homepage des Mesnerbauernhofs sucht man vergebens. Geht doch einmal eine Buchung über das Online-Reservierungssystem ein, müsse ihr Sohn antworten, meint Fichtner mit einem Lächeln. Kommen spontan Wanderer vorbei und fragen kurzfristig nach einer Schlafgelegenheit, „schicken wir keinen weg“, sagt die Jachenauerin.
Was heute ebenfalls selten ist: Bei einem Zimmer liegen Dusche und WC auf dem Gang. „Wir haben aber Gäste, die mögen nur dieses Zimmer haben“, sagt die Vermieterin. „Nicht alle sind anspruchsvoll.“ Der Preis ist mit 20 bis 22 Euro pro Person ebenfalls im positiven Sinne altmodisch. „Ich muss damit nicht reich werden“, meint die 69-Jährige. „Man macht es gern und freut sich, wenn die Leute wiederkommen.“ Und das tun manche schon über Jahrzehnte.
Serie „Gastgeber mit Geschichte“
Gastlichkeit hat im Tölzer Land Tradition. Es gibt viele Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen, die schon seit Generationen in Familienhand sind. In der Serie „Gastgeber mit Geschichte“ beleuchtet der Tölzer Kurier Beherbergungsbetriebe im Wandel der Zeit.
Die bisherigen Folgen:
Mutter-Tochter-Gespann lebt oberbayerische Gastlichkeit: Das Haus Krinner in Bad Tölz
Junge Hotelchefinnen möbeln Traditionshaus auf: Das Hotel Waltraud in Kochel
„Alles für unseren Betrieb selbst gemacht“: Café und Pension Schusterpeter in Arzbach
Landwirtschaft mit allen Sinnen: Der Abrahamhof in Benediktbeuern
„Da müssen alle dahinterstehen“: Das Hotel und Café am Wald in Bad Tölz
Vier Generationen Frauenpower: Der Landgasthof Fischbach
„Kinder haben mit den Gästen schwimmen gelernt“: Der Langerbauernhof in der Jachenau