Windeln wechseln, Wirtschaft fördern: Das sind die Strategien der sechs Landratskandidaten

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Kein Sitzplatz blieb leer bei der Podiumsdiskussion mit den sechs Landratskandidaten im Saal des Gasthauses Holzwirt in Ascholding. Zudem nutzten Hunderte den Livestream unserer Zeitung und verfolgten die Debatte an ihren Endgeräten in der heimischen Wohnstube. © Hans Lippert

Sechs Bewerber gibt‘s für das Amt des Landrats im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Unsere Zeitung lud die Kandidaten zur Podiumsdiskussion ein. 300 Bürgerinnen und Bürger waren live dabei.

Dietramszell – Wem Landrat Josef Niedermaier (FW) am 8. März seine Stimme geben wird, lässt sich erahnen. Fest steht, dass einer der sechs Herren, die bei der Podiumsdiskussion von Tölzer Kurier und Isar-Loisachbote/Geretsrieder Merkur am Dienstagabend im Saal des Gasthauses Holzwirt in Ascholding Rede und Antwort standen, sein Amtsnachfolger wird. Nicht nur Niedermaier verfolgte die Diskussion mit großem Interesse. 300 Bürgerinnen und Bürger füllten den Saal komplett aus, viele Hundert nutzten den Livestream und holten sich die Debatte in die heimische Wohnstube.

Thomas Holz mag Milchreis und hört „Melodic-Techno“

Thomas Holz (CSU), Ludwig Schmid (FW), Andreas Wild (Grüne), Klaus Barthel (SPD), Manuel Tessun (ÖDP) und Sebastian Englich (Linke) wollen an diesem Abend Punkte machen. Ihre Argumente und ihre Strategien sollen beim Souverän im Ohr bleiben. Zudem soll er sie als sympathisch, kompetent und glaubwürdig in Erinnerung behalten. Gekonnt bricht Moderatorin Veronika Ahn-Tauchnitz, Redaktionsleiterin des Tölzer Kurier, das Eis, sie entlockt dem Sextett viel Privates. Holz hört gerne „Melodic-Techno“ und kann Milchreis nicht widerstehen. Zudem ist er „ins Programm eingebunden“, wenn‘s um die Betreuung der kürzlich geborenen Tochter geht: „Ja, ich wechsle auch Windeln.“

„Dumbledore“ ist das Vorbild von Andreas Wild

Wild, zu seinen Hobbys zählen das Klavierspiel, Bergsteigen und die Lektüre von Sachbüchern, ist ein Fan von Salat mit Hühnchenbruststreifen und nennt als Vorbild „Dumbledore“. Das ist eine Figur aus der Harry-Potter-Romanreihe, Dumbledore leitet die Zauberschule Hogwarts. „Er ist immer im Hintergrund, nie geltungssüchtig“ und „ist immer noch da“, wenn alle Kämpfe mit den dunklen Mächten ausgefochten sind, begründet der Grünen-Politiker seine Wahl.

27.01.2026, Ascholding, Podiumsdiskussion Landrat, Foto: Hans Lippert
Gaben Moderatorin Veronika Ahn-Tauchnitz auch wortlos Antworten: (v. li.) Sebastian Englich (Linke), Manuel Tessun (ÖDP), Klaus Barthel (SPD), Ludwig Schmid (Freie Wähler), Andreas Wild (Grüne) und Thomas Holz (CSU). © Hans Lippert

„Blumenkohl“ sei sein Leibgericht, plaudert Schmid aus dem Nähkästchen. Ein konkretes Vorbild habe er nicht, denn „jeder ist in irgendwas gut“. Da seine Vita viele Parallelen zu der seines Parteifreundes Niedermaier aufweist – Bäcker, Klarinettenspieler –, hakt Ahn-Tauchnitz nach: „Sind Sie Josef Niedermaier 2.0?“ Nein, beteuert Schmid, „das ist wirklich nur ein Zufall“, er sei weder ein Ziehsohn des Landrats „noch Niedermaier 2.0“.

Seine Stärke sei Optimismus, sagt Barthel. Vorbilder? Seine Eltern, Kurt Eisner, erster Ministerpräsident des Freistaats Bayern, der südafrikanische Freiheitskämpfer Nelson Mandela und die US-Politikerin Alexandria Ocasio-Cortez. Die demokratische Kongressabgeordnete habe sich als „energischste Kritikerin“ von US-Präsident Donald Trump seinen Respekt verdient, so der Sozialdemokrat. Zu seinen kulinarischen Vorlieben zählen Nudelgerichte – und er, der ehemalige Bundestagsabgeordnete, kandidiere im Alter von 70 Jahren als Landrat: „Weil wir die Fahnen für die Sozialdemokratie hochhalten müssen und mich Kommunalpolitik fesselt.“

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„Der Sylvenstein im Sommer“: Das ist der Lieblingsort von Englich im Landkreis

Mit dem griechischen Philosophen Heraklit hält‘s Tessun: „Panta rhei“, alles fließt. Er überrascht mit der Aussage, zehn Jahre den Münchner Matrosenchor geleitet zu haben – und räumt mit einem Lachen seine größte Schwäche ein: Gummibärchen. „Drei kleine Packerl hat er bis jetzt hier auf dem Podium schon gegessen“, informiert Moderatorin Ahn-Tauchnitz das Publikum.

„Der Sylvenstein im Sommer“: Das ist der Lieblingsort im Landkreis von Englich. Wie Holz verfügt er stets über einen großen Milchreis-Vorrat im Kühlschrank, als ein Vorbild bezeichnet Englich seinen Parteifreund Gregor Gysi. Seine größte Schwäche seien „Podiumsdiskussionen“ (das Publikum quittiert das Geständnis mit Beifall), und „ich verfüge als einer der wenigen Linken über eine eigene Yacht“. Die misst vom Heck bis zum Bug 80 Zentimeter und ist ferngesteuert, Englichs Passion ist der Modellbau.

Nach ihrer „Vision für den Landkreis“ gefragt, antwortet Barthel: „Weiterarbeiten“ am ÖPNV-Konzept, die Jugendsozialarbeit ausbauen, die Zusammenarbeit zwischen dem Landkreis und den Kommunen forcieren. Wichtig sei die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum, wobei der Handlungsspielraum des Landkreises sehr klein sei. Schmid warnt vor „utopischen Vorstellungen“ und plädiert für Pragmatismus. Als Landrat wolle er in den vier sogenannten Sozialräumen zwischen Icking und Jachenau Sprechstunden in den Rathäusern anbieten, auch „Bau-Sprechtage“ für potenzielle Bauherrn. Grundlage der Arbeit müsse ein „Zukunftscheck“ sein, sagt Holz. „Was läuft gut“, was muss optimiert werden? Das wolle er unter anderem mit den Rathauschefs ausloten. Wohnraum, sprich Mieten, die Jung und Alt bezahlen können, stehen ganz oben auf der To-do-Liste von Wild. „Leerstand und Wartelisten“ passen für ihn nicht zusammen, mit einem Leerstandsmanagement will er den Missstand zumindest abmildern. Aber: Aktuell seien die Städte und Gemeinden finanziell nicht auf Rosen gebettet, vom lieben Geld „hängt aber alles ab“.

Manuel Tessun „liegt die Bildung am Herzen“

Den Landkreis „sozialer machen“: Das ist das Bestreben von Englich, dazu zähle „der soziale Wohnungsbau“. Tessun liegt „die Bildung am Herzen“, er werde sich für mehr Personal an den Schulen stark machen. „Personal, das die Lehrer entlastet“. Ja sage er zur Energiewende, so Tessun, „aber nicht mit Windenergie“. Schmid gibt zu bedenken, dass der Landkreis wie die Kommunen zur Kenntnis nehmen müssten, „dass die Einnahmen nicht mehr so sprudeln“. Die niedrigste Arbeitslosenquote in ganz Deutschland, ein Anziehungsmagnet für Touristen: Zunächst laute sein Plan, „alles so gut zu erhalten, wie es ist“.

Stichwort ÖPNV: Der Landkreis sei auf einem guten Weg, meint Holz, der weiteren Wünschen einen Riegel vorschiebt: „Wo soll das Geld herkommen?“ Natürlich wolle er Qualitätsstandards und die Taktung von Bussen erhöhen, „aber die Zeit von ,Nice to haves‘ ist vorbei“. Holz schließt nicht aus, dass angesichts leerer Kassen „eventuell auch mal eine Linie gestrichen werden muss“. Für Wild kommt das nicht in Frage: „Dann muss an anderer Stelle gespart werden!“ Nicht zuletzt „kommen Auszubildende mit dem ÖPNV zum Arbeitsplatz“. Schmid stimmt ihm zu: Investitionen in den ÖPNV-Ausbau seien immens wichtig. Der Kreis stehe in einem wirtschaftlichen Wettbewerb mit Nachbarlandkreisen, „die Erreichbarkeit von Firmen“ spiele eine große Rolle. Barthel vertritt die Meinung, dass die ÖPNV-Nutzung „preiswerter“ werden müsse. „Das lockt Kunden“, dadurch steige der „Refinanzierungsanteil“, so seine Rechnung. Englich unterschreibt die Forderung seiner Partei, dass die Bürgerinnen und Bürger gratis mit Bussen und Bahnen fahren können. Zu diesem Zweck müsse im Landkreis nach zusätzlichen Einnahmequellen geforscht werden. Englichs Vorschlag: „eine höhere Zweitwohnungssteuer.“

Nur ein Kandidat lehnt S7-Verlängerung nach Geretsried ab

Natürlich fehlt in der Debatte der Dauerbrenner S7 nicht. Einzig Tessun lehnt die geplante Verlängerung der Gleise von Wolfratshausen nach Geretsried kategorisch ab. 433 Millionen Euro Kosten seien wie der enorme Flächenverbrauch nicht vertretbar. „Kurzfristig“, so Tessun, könnten Busse zwischen den Nachbarstädten rollen, mittefristig setzt er auf Alternativen wie die sogenannte Otto-Bahn. Englich will die S7-Verlängerung nicht begraben, im Gegenteil: „Das muss jetzt mal durchgebracht werden!“ Für Holz macht der geplante Ausbau „selbstverständlich Sinn“, das Projekt müsse auch unter dem Aspekt der Wirtschaftsförderung betrachtet werden. Er gibt zu, dass „die Warterei“ auf den ersten Spatenstich „nervt“. Das Projekt offenbare „ein Grundübel“: Infrastrukturprojekte in ganz Deutschland litten an „zu langen Verfahren“ und an „zu wenig Erklärungen für die Verzögerungen“. Wild wirft bei der Gelegenheit ein, dass die S-Bahn in der Vergangenheit „politisch nicht gewollt war und nicht gefördert wurde“.

Klaus Barthel will „Ringelpiez mit Anfassen“ beenden

Barthel kritisiert den Dschungel an Beteiligten bei der S7-Verlängerung. Dieser „Ringelpiez mit Anfassen“ müsse beendet werden, der Landkreis müsse mehr Druck auf die Verantwortlichen ausüben. „Gewissen Leuten muss man auf die Nerven fallen“, sagt Schmid, „wir brauchen die S-Bahn-Verlängerung.“ In den Augen von Wild ist der jahrzehntelange Planungsprozess „ein völliges Unding“, ein Landrat „muss sich da nervend einschalten“. Barthel attestiert Amtsinhaber Niedermaier in der Sache in den vergangenen Jahren nur wenig Initiative gezeigt zu haben. Vielleicht, so sinniert der Kochler, sei Bad Tölz ein bisschen weit weg von Wolfratshausen und Geretsried. Englich legt Wert auf die Feststellung, dass vor dem Ausbau der bestehende Schienenweg „saniert“ und auf der eingleisigen Strecke „Ausweichmöglichkeiten“ geschaffen werden müssen. Richtig, so Tessun: „Auf ein marodes Fundament würde niemand ein neues Haus bauen.“

Ich habe den Abend aufmerksam verfolgt.

„Wirtschaft ist nicht alles, aber ohne Wirtschaft ist alles nichts“: Das merkte Schmid zum Themenblock Wirtschaftsförderung an. Dreh- und Angelpunkt ist für Barthel in diesem Punkt der Fachkräftemangel, der behoben werde müsse. Ein Grund für die Misere: exorbitante Mieten. Die Lösung: Landratsamt und kommunale Kreisklinik müssten mit gutem Beispiel vorangehen und Personalwohnungen bauen. Die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum könne nur „in enger Zusammenarbeit mit den Kommunen erfolgen“, der „Bauturbo“ könne „hier in die richtige Richtung gehen“, so Holz. Wild will „Denkschranken abbauen“, er bringt die Erhebung der Grundsteuer C ins Spiel. Die müssten Grundstückseigentümer zahlen, auf deren Boden gar keine Wohn- oder Betriebsgebäude stehen.

Ludwig Schmid bemängelt das löchrige Handynetz im „Premiumlandkreis“

Für Schmid ist Wohnraum mit Blick auf die Wirtschaftsförderung nur ein Aspekt: „Wenn ich von Geretsried nach Tölz fahre“, stelle er fest, wie löchrig das Handynetz sei. „Und das in einem Premiumlandkreis.“ Tessun ergänzt, dass die „verlässliche Kinderbetreuung“ ein signifikanter Baustein bei der Mitarbeiterakquise sei, ein Landrat könne „die Rahmenbedingungen schaffen.“

Nach gut zweieinhalb Stunden endet das Aufeinandertreffen der sechs Landratskandidaten. Streitlustig waren sie nicht, wenngleich hier und da unterschiedliche politische Stoßrichtungen deutlich wurden. Wer am 8. März wo sein Kreuz auf dem Stimmzettel setzt, bleibt dessen Wahlgeheimnis. Das gilt auch für Josef Niedermaier. „Ich habe den Abend aufmerksam verfolgt“, so der scheidende Landrat gegenüber unserer Zeitung. „Und eins kann ich Ihnen sagen“, weckt er beim Reporter Hoffnungen – und enttäuscht ihn im selben Atemzug mit einem freundlichen Lächeln: „Ich werde mich jeden Kommentars enthalten.“ (cce)

Die Aufzeichnung der Podiumsdiskussion mit den Landratskandidaten ist auf den Online-Portalen von Tölzer Kurier und Isar-Loisachbote/Geretsrieder Merkur zu finden.