- Der vollständige Artikel, auf den sich die folgende Kommentar-Analyse bezieht, ist hier verfügbar: Rekord-Fehlzeiten: TK-Boss rät Chefs, kranke Mitarbeiter daheim anzurufen
TK-Chef Jens Baas empfiehlt im Interview, dass Führungskräfte erkrankte Mitarbeiter anrufen, um Wertschätzung und Interesse zu zeigen. Der Artikel greift die Rekord-Fehlzeiten in Deutschland sowie den vermuteten Mentalitätswandel nach Corona auf. Unter den Kommentierenden stehen sich zwei prägende Lager gegenüber: Während einige persönliche Anrufe als Einmischung und Kontrollinstrument ablehnen, begrüßen andere mehr Kommunikation und Fürsorge seitens der Chefs. Zugleich beleuchten Nutzer strukturelle Probleme des Sozial- und Gesundheitssystems sowie die Auswirkungen von Arbeitsdruck und Motivation auf den Krankenstand.
Kritik an Sozial- und Gesundheitssystem
Mit 30 Prozent machen die Diskussionen um das deutsche Sozial- und Gesundheitssystem den größten Teil aus. Ein breites Spektrum kritisiert im Artikel angesprochene Aspekte wie die Kostenbelastung, ineffiziente Doppelstrukturen der Kassen, hohe Vorstandsgehälter und die Finanzierung nicht arbeitender Gruppen. Viele fordern eine grundlegende Reform: Vorschläge reichen von der Abschaffung der Lohnfortzahlung über strengere Kontrollen bis hin zu einer zentralen Krankenkasse. Gleichzeitig halten einige das soziale Netz für wichtig, mahnen jedoch Fehlanreize bei Fehlzeiten und fordern gezieltere Maßnahmen. Immer wieder wird betont, dass die Debatte über Chef-Anrufe das Grundproblem nicht löse.
"Die deutschen Bürger haben einen Grund, öfter krank zu sein: In keinem anderen Land werden die eigenen Bürger so von ihrer eigenen Regierung ausgepresst wie in Deutschland!" Zum Originalkommentar
"Ganz einfach: - Gelben Schein ab dem ersten Tag - Keine Lohnfortzahlung für die ersten drei Tage der Krankschreibung - 50,- Praxisgebühr oder 20-prozentigen Anteil an den Behandlungskosten, wie in Frankreich." Zum Originalkommentar
"Der Chef einer Krankenkasse, der die Interessen seiner Versicherten vertreten soll, gibt Ratschläge an die Chefs im Land zum Umgang mit kranken Mitarbeitern. Das ist mal interessant. Grund genug, sich mal ernsthaft mit einem Wechsel zu befassen. Er sollte besser mal der Bundesregierung ein paar Tipps geben, wie man es hinbekommt, für Bürgergeldempfänger den vollen Beitragssatz zu zahlen und die Vollversorgung von Nicht-Zahlern zu beenden." Zum Originalkommentar
Kritik an Führungskultur und Kontrolle
23 Prozent der Kommentare drehen sich um die Reaktion auf die im Artikel empfohlene Praxis, erkrankte Mitarbeiter anzurufen. Viele empfinden dies als Grenzüberschreitung, die eher Kontrolle als Fürsorge signalisiert und das Vertrauensverhältnis stört. Kritische Stimmen betonen das Recht auf Privatsphäre sowie arbeitsrechtliche Grenzen – ein Chef dürfe nicht nach Gründen fragen und solle die persönliche Distanz respektieren. Einzelne geben auch zu bedenken, dass solche Maßnahmen keinen Einfluss auf die tatsächliche Fehlzeitenpraxis haben und längst andere Methoden, wie Rückkehrgespräche, existieren. Die Debatte spiegelt somit die Unsicherheit über geeignete Führungsinstrumente im Umgang mit Kranken wider.
"Wenn mein Chef mich privat anruft, ist die Kündigung danach raus. Fertig ist der Lack." Zum Originalkommentar
"Daheim anrufen? Auf dem Handy, wo die meisten gar kein Festnetz mehr haben? Dreimal kurz gelacht. Nebenbei bemerkt, es gab und gibt schon immer solche, die wegen jedem Pups zu Hause bleiben und andere, die sich auch krank noch zur Arbeit schleppen. Da kann man nichts ändern." Zum Originalkommentar
"Der TK-Chef sollte eigentlich wissen, dass ein krankgeschriebener Mitarbeiter nicht zu Hause sein muss. Er darf nur nichts machen, was seiner Genesung schadet." Zum Originalkommentar
""Care-Washing" nennt man diese instrumentelle Form vorgeblicher Empathie, die in dem Anruf des Chefs beim kranken Mitarbeiter steckt. Solche Anrufe brauchen selbstverständlich gar nicht angenommen zu werden. Das Problem ist deutlich vielschichtiger, im Kern mangelt es überall an Anreizen zur Outperformance. Übrigens sind knapp 100 gesetzliche Krankenkassen, die allesamt dasselbe Leistungsspektrum anbieten, ein Beispiel für strukturelle Underperformance." Zum Originalkommentar
Kritik an Arbeitsbedingungen und Motivation
Für 15 Prozent der Kommentierenden stehen Ursachen wie schlechte Arbeitsbedingungen, wachsender Druck und mangelnde Anerkennung im Vordergrund. Viele verweisen im Zusammenhang mit dem Artikel auf hohe Überstunden, geringe Wertschätzung und gesellschaftliche Veränderungen, die Krankmeldungen begünstigen. Positive Erfahrungen werden mit sinnstiftender Arbeit und fairer Bezahlung verbunden – gute Arbeitsbedingungen halten gesund. Die Debatte greift auch den Einfluss von Führungsstil und Motivation auf das Wohlbefinden und damit die Fehlzeiten auf.
"Wir haben eine Krankheitsquote von 2,6 %. Das entspricht bei 220 Arbeitstagen pro Jahr etwa 6 Krankheitstagen. Wenn die Arbeit Spaß macht, Sinn stiftet und gut bezahlt wird, bleiben die Mitarbeiter gesund." Zum Originalkommentar
"Bevor wieder einseitig über „zu viele Kranke“ diskutiert wird, sollte man erst einmal über die Millionen Überstunden sprechen, die jedes Jahr geleistet werden – ein erheblicher Teil davon unbezahlt. Laut Statistisches Bundesamt geht es um Hunderte Millionen Stunden jährlich. Diese Zeit wurde faktisch verschenkt. Wer Arbeitszeit systematisch ausdehnt und Belastung normalisiert, darf sich über Erschöpfung und Ausfälle nicht wundern. Besonders zynisch sind Arbeitgeber, die unbezahlte Überstunden achselzuckend hinnehmen, aber Kranke zu Hause anrufen, um Druck zu machen und Schuldgefühle zu erzeugen. Erst Überstunden fair zurückgeben, dann über Fehlzeiten reden." Zum Originalkommentar
"Die Leute sehen einfach, welches Plus die Menschen haben, die immer da sind und sich nicht schonen. Nämlich gar nichts. Leistung und Präsenz wird als selbstverständlich erachtet. Da gibt's selten was für. Beispielsweise Sonderzahlung für ein Jahr nicht krank sein." Zum Originalkommentar
Skepsis gegenüber Mitarbeiterverhalten
Mit elf Prozent begegnen viele Kommentierende den steigenden Fehlzeiten, wie sie der Artikel skizziert, mit deutlicher Skepsis gegenüber der Motivation mancher Arbeitnehmer. Es wird der Vorwurf geäußert, manche würden Krankschreibungen leichtfertig oder gar missbräuchlich nutzen. Einzelne belegen diese Haltung mit persönlichen Beobachtungen oder konkreten Beispielen aus dem privaten Umfeld. Der Wunsch nach strengeren Regeln, wie einer Karenzzeit oder mehr Kontrollen, zieht sich durch zahlreiche Meinungen, wobei auch der betriebliche Zusammenhalt und der Nutzen für wirklich Kranke zur Sprache kommen.
"Mein Eindruck aus dem Bekanntenkreis: Viele feiern krank, da sie sehen, dass regelmäßiges Krankfeiern ihren Kollegen nicht schadet." Zum Originalkommentar
"Und wer stellt die Bescheinigung aus ... richtig, der Arzt. Im Sommer hatten wir eine Geburtstagsparty und ein Bekannter konnte nicht kommen, da er arbeiten musste. Kam dann doch und sagte, er habe sich krankschreiben lassen. Denke, das ist das Hauptproblem." Zum Originalkommentar
"Na, es gibt da schon ein paar Spezialisten, die es, als wäre es das Normalste der Welt, schamlos ausnutzen, wie übrigens in vielen Bereichen. Die Konsequenzen tragen halt dann alle." Zum Originalkommentar
Zustimmung zu Wertschätzung und Kommunikation
Acht Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer befürworten explizit die Überlegungen im Artikel, durch persönliche Ansprache und offene Kommunikation das Betriebsklima zu verbessern. Sie betonen, dass gelebte Wertschätzung und Fürsorge die Motivation fördern sowie die Gesundheit und die Bindung ans Unternehmen stärken. Der Ton im Umgang mit kranken Mitarbeitern und die individuelle Beziehungsqualität sind für dieses Lager entscheidend – bei einem guten Verhältnis kann auch ein Kontakt während der Krankheit sinnvoll oder sogar willkommen sein.
"Wer krank ist, bleibt zu Hause! Logisch, oder? Auch wer erkältet ist, sollte dem Büro fernbleiben - um andere nicht anzustecken! Dabei muss der Arbeitnehmer entscheiden, ob er in der Lage ist, vom Home Office zu arbeiten oder ob es besser ist, sich krankzumelden. Wenn man ein sehr gutes und vertrautes Verhältnis zum Chef hat, ist es wohl okay, wenn sich dieser im Rahmen der Fürsorgepflicht beim Mitarbeiter meldet - wenn es denn wirklich sein muss. Ansonsten: Nicht! Das erweckt Argwohn und negative Emotionen! Ich persönlich habe mein Handy immer ausgeschaltet - ich schalte dieses nur ein, wenn ich es benötige oder einen dringenden Anruf erwarte (z. B. Handwerker, Autowerkstatt etc.)." Zum Originalkommentar
"Wenn ich nur etwas angeschlagen bin, arbeite ich ohnehin trotzdem im Home Office." Zum Originalkommentar
"Wenn ich krank bin, dann so krank, dass ich sicherlich nicht ans Telefon gehe." Zum Originalkommentar
Sarkasmus zur Fehlzeiten-Debatte
Mit sechs Prozent kommentieren einige auf sarkastische oder ironische Weise das Thema: Sie persiflieren die Empfehlungen aus dem Artikel und stellen die Absurdität einer Kontrollkultur heraus, bei der Mitarbeitende geradezu bestraft werden, wenn sie krank sind. Spott über vermeintliche Doppelmoral, Überregulierung oder resignierte Arbeitseinstellung zieht sich als roter Faden durch die Stellungnahmen.
"Wie können es die Mitarbeiter wagen, sich mit z. B. einer Grippe ins Bett zu legen. Sachen gibt’s! Ironie gibt es heute umsonst." Zum Originalkommentar
"Ganz einfach: in der Fritzbox für die Telefonnummer der Firma eine Rufumleitung zum Chef einrichten." Zum Originalkommentar
"Wenn die Arbeit keinen Spaß macht, gibt es so eine Art Grundrecht des Arbeitnehmers auf je eine Woche "Grippe" im Frühjahr und im Herbst. Ein gutes Unternehmen muss so etwas verkraften können." Zum Originalkommentar
Sonstige Stimmen
Sieben Prozent der Kommentare lassen sich keiner klaren Haltung zuordnen. Oft enthalten sie Nebendiskussionen oder mischen mehrere Themen – von persönlichen Erlebnissen über Kritik am System oder einzelnen Akteuren bis hin zu allgemeinen Gesellschaftsbeobachtungen.
"Und täglich wird offensichtlich wieder versucht, die Gesellschaft aufzuteilen, um dann offensichtlich im Windschatten die eigenen Interessen voranzutreiben? Der Arbeitnehmer ist noch nicht mal verpflichtet, den Grund der Krankschreibung anzugeben. Aber wäre lustig gewesen, wenn der Fraktionschef der SPD mal den guten Kevin daheim angerufen hätte?" Zum Originalkommentar
"Manchmal glaube ich, man lebt in einem Paralleluniversum. Hat sich das immer noch nicht eingebürgert, den Kranken/krankgeschriebenen zu fordern/fördern? Man legt den gelben Schein auf den Tisch und genießt x Wochen Ferien? In Deutschland? Wo alles kontrolliert wird?" Zum Originalkommentar
"Das Problem sind nicht die 20 % der freien Wirtschaft, die den Laden am Laufen halten, sondern die 80 %, die von 20 % leben." Zum Originalkommentar
Was denken Sie? Sollte der Chef im Krankheitsfall zum Telefon greifen – oder ist das Privatsache? Wünschen Sie sich mehr Empathie vom Arbeitgeber oder klare Grenzen zur Wahrung der Privatsphäre? Diskutieren Sie mit!