Rekord-Fehlzeiten: TK-Boss rät Chefs, kranke Mitarbeiter daheim anzurufen

Deutschland ist internationaler Spitzenreiter bei den Krankheitstagen. Mit über 15 Fehltagen pro Kopf belegen die Deutschen einen vorderen Platz in der Statistik. 

Im aktuellen „MUT-Talk“ mit Tijen Onaran bezieht Jens Baas, Chef der Techniker Krankenkasse (TK), dazu deutlich Stellung. Er sieht die Ursache nicht in einer schlechteren körperlichen Verfassung, sondern in einem tiefgreifenden Mentalitätswandel der Arbeitswelt.

Rekord-Krankenstand in Deutschland: Liegt es an der Biologie?

Auf die Frage von Tijen Onaran, ob die Deutschen tatsächlich kränker seien oder ob das Problem im System liege, findet Baas eine klare Antwort: „Ich glaube, es ist ein multifaktorielles Thema. Erstmal würde ich ausschließen, dass die Deutschen in Summe mehr krank sind. Es gibt keinen Grund, warum die Deutschen kränker sind als andere.“

Vielmehr zeigten die Statistiken der Krankenkasse, dass das Niveau nach der Corona-Pandemie nicht wieder auf den alten Stand gesunken sei. Baas beobachtet eine Verhaltensänderung: „Wir sehen offensichtlich ein verändertes Verhalten von Menschen. Trotz Homeoffice sagen sie bei einer leichten Erkältung: ‚Lieber mal ein paar Tage krank sein‘, was man vorher nicht gemacht hätte. Vorher hätte man gesagt: ‚Ich gehe lieber arbeiten.‘“

Psychologie der Krankschreibung: Die „Einfach mal krank“-Mentalität

Baas kritisiert, dass das soziale Netz in Deutschland zwar ein hohes Gut sei, aber auch zu längeren Ausfallzeiten verleite. Im Vergleich zu den USA, wo die Zahlen extrem niedrig seien, weil kranke Mitarbeiter oft sofort entlassen werden, herrsche hierzulande eine andere Hemmschwelle. „Viele Menschen sagen: ‚Na ja, lass mich lieber mal gleich eine ganze Woche krankschreiben, weil wer weiß, dann bleibe ich auch lieber ein bisschen länger zu Hause‘“, so der TK-Chef.

Führungskultur statt Kontrolle: Warum der Chef anrufen sollte

Als entscheidenden Hebel gegen hohe Fehlzeiten sieht Baas die Kommunikation innerhalb der Unternehmen. Er rät Führungskräften zu einer Maßnahme, die oft als Tabu gilt: dem persönlichen Telefonat.

„Wenn ich mit unseren Führungskräften rede, dann sage ich immer: Ich weiß, ihr dürft offiziell nicht fragen, was jemand hat. Aber wenn die Leute krank sind, ruft sie doch einfach an und erkundigt euch – aus Besorgtheit, nicht als Kontrolle“, erklärt Baas. Ziel sei es, dem Mitarbeiter Wertschätzung zu vermitteln: „Es ist relevant, ob ich da bin oder nicht, und der Chef nimmt mich auch wahr. Man darf nicht das Gefühl erzeugen: ‚Es ist ja eh wurscht, ob ich da bin oder nicht.‘“

Leistungsdruck und psychische Belastung am Arbeitsplatz

Oft sei eine Krankmeldung die Reaktion auf steigende Anforderungen. Tijen Onaran bestätigt diesen Eindruck aus der Startup-Szene: Sobald der Leistungsanspruch steige, folge oft die Krankschreibung. 

Baas sieht hier die Führung in der Pflicht, das Thema offen anzusprechen: „Ich finde es eine Art und Weise, wie man es anspricht. Natürlich darf ich nicht fragen: ‚Sag mal, bist du wirklich krank?‘ Darum geht es nicht. Sondern: ‚Ist da irgendwas? Woran liegt es? Was können wir anders machen?‘“

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Moderne Gesundheitsprävention müsse daher heute tiefer gehen als ergonomische Möbel oder Verpflegung: „Heute ist es viel wichtiger als die Frage, wie dein Bürostuhl eingestellt ist oder ob es eine Salatbar gibt, wie man Führungskulturen einrichtet, in denen es die Leute schaffen, mit Druck umzugehen.“ Es sei laut Baas nicht die objektive Belastung, die krank mache, sondern die subjektive Wahrnehmung – und diese werde maßgeblich durch gute Führung beeinflusst.

Den gesamten Talk mit Jens Baas sehen Sie hier auf FOCUS online und auf Spotify.