Wie krank ist Deutschland – und unser Gesundheitssystem, Jens Baas?

Im aktuellen „MUT-Talk“ mit Tijen Onaran findet Jens Baas deutliche Worte zur Lage des deutschen Gesundheitssystems. Als Chef der Techniker Krankenkasse (TK) trägt er die Verantwortung für über 12 Millionen Versicherte – mehr als die Einwohnerzahl mancher europäischer Nationen. 

Baas korrigiert die optimistischen Prognosen der Politik nach unten und warnt vor einem „Beitrags-Tsunami“: Daten zeigen, dass der Zusatzbeitrag 2026 bei manchen Kassen die 3-Prozent-Marke überschreiten wird, was den Gesamtbeitrag zur Sozialversicherung auf über 20 Prozent katapultieren könnte. „Die Politik hat sich hier etwas vorgemacht. Aber Wunder gibt es bei uns eben nicht“, stellt Baas klar.

TK-Chef Baas: „Es wird eine Menge an Zeug gemacht, was gar nicht gemacht werden müsste“

Baas kritisiert, dass Deutschland zwar eines der teuersten Systeme weltweit betreibt, die Qualität der Versorgung aber oft nur „mittelmäßig“ sei. Ein Hauptgrund sei die fatale Kopplung von Ökonomie und Medizin, insbesondere durch ein Überangebot an Krankenhausbetten, die aus wirtschaftlichem Zwang gefüllt werden:

„Es wird eine Menge an Zeug gemacht, was gar nicht gemacht werden müsste – aus ökonomischem Interesse, nicht für den Patienten. Wir müssen diese Ineffizienzen angehen. Experten sehen Einsparpotenziale von 30 bis 50 Milliarden Euro jährlich, bei gleichzeitiger Verbesserung der Versorgung.“

„Die Bürgerversicherung wäre nur das Schlechteste aus der GKV für alle“

Einfachen Lösungen wie einer pauschalen Facharztgebühr erteilt Baas eine Absage, da sie Probleme nicht lösen, sondern nur soziale Hürden aufbauen. Stattdessen fordert er eine intelligente Steuerung nach dem Prinzip „Digital vor ambulant vor stationär“. Zudem plädiert er für einen Systemwandel, der die Stärken der gesetzlichen und privaten Krankenversicherung vereint:

„Die Bürgerversicherung wäre nur das Schlechteste aus der GKV für alle. Wir brauchen ein System, das die sozialen Standards der GKV mit den nachhaltigen Altersrücklagen der PKV kombiniert. Ziel muss sein, dass Ärzte dort sind, wo die Patienten sie brauchen, und nicht dort, wo die meisten Privatversicherten wohnen.“

Drei Sofortmaßnahmen zur Entlastung

Um die Versicherten kurzfristig um über 20 Milliarden Euro zu entlasten, präsentiert Baas einen konkreten Drei-Punkte-Plan für die Politik:

  • Mehrwertsteuer-Halbierung: „Eine Senkung auf Medikamente würde sofort 6 bis 7 Milliarden Euro sparen. Bei Lebensmitteln geht das schließlich auch.“
  • Pharma-Rabatte: Höhere Preisabschläge auf teure Originalpräparate, um die im internationalen Vergleich deutschen Spitzenpreise zu senken.
  • Faire Bürgergeld-Finanzierung: Der Staat müsse die tatsächlichen Gesundheitskosten für Bürgergeld-Empfänger decken. „Aktuell zahlen die Beitragszahler jährlich 10 Milliarden Euro für eine staatliche Aufgabe drauf. Das ist eine massive Ungerechtigkeit.“

Fazit: Den Schmerzpunkt ernst nehmen

Baas betont, dass der wirtschaftliche Schmerzpunkt für Arbeitnehmer und Arbeitgeber bei den Lohnnebenkosten bereits überschritten sei. Sein Appell: Die Versicherten dürfen die Entwicklung nicht „blauäugig“ hinnehmen, sondern müssen politisch Druck für echte Strukturreformen machen, damit das System auch für künftige Generationen finanzierbar bleibt.

Den Talk mit Jens Baas sehen Sie auch auf Spotify.