„Schwanger warf er mich an die Garderobe“ – heute ist die 39-Jährige frei vom Ex

FOCUS online: Frau Murzin, Sie haben vor einigen Wochen bei LinkedIn darüber berichtet, dass Sie häusliche Gewalt in der Partnerschaft erlebt haben. „Ich habe lange geschwiegen. Zu lange...“ schreiben Sie. Warum geschwiegen?

Anna-Lena Murzin: Aus Angst.

Vor Ihrem Ex-Partner?

Murzin: Das zum einen. Der Täter läuft ja immer noch da draußen rum. Natürlich habe ich Sorge, meine Äußerungen könnten sein narzisstisches Weltbild kränken und wer weiß, was dann passiert. Aber da war noch eine andere Angst, und die war fast noch größer. Ich habe mich davor gefürchtet, wie die Gesellschaft reagiert. Ob ich verurteilt werde.

Sie? Als das Opfer?

Murzin: Ich weiß, das klingt komisch, aber ein gewisses Stereotyp ist tatsächlich sehr verbreitet. 

Was für ein Stereotyp?

Murzin: Naja, die vermeintliche Antwort auf die Frage, wem sowas passiert. Viele haben dann sofort einen bestimmten Typ Frau im Kopf: leise, scheu, oft jung und ein bisschen naiv. Letztlich war es mir wichtig, mit meiner Geschichte rauszugehen, das Stereotyp aufzubrechen. Ein Teil von mir war immer schon die starke, mutige, krasse Frau. Trotzdem habe ich jahrelang an der Seite eines Mannes gelebt, der physisch und psychisch gewalttätig war, und der mich am Ende fast getötet hätte.

Wie fühlt sich der Gang an die Öffentlichkeit an?

Murzin: Wahnsinnig gut, es ist so wohltuend. Ich erlebe zum ersten Mal menschliches Mitgefühl. Von einer der Lehrerinnen meiner Kinder zum Beispiel. Sie hat mich nach einem Foto meines Ex gefragt, das Bild hängt jetzt im Lehrerzimmer, damit das ganze Kollegium mit auf meine Kids aufpassen kann. Von überall kommen sie auf einmal her, die Menschen, die es gut mit mir und uns meinen. Ich werde in den Arm genommen, gehalten. Die Leute sagen: Wenn ich das gewusst hätte…

Über einen LinkedIn-Post machte die erfolgreiche Geschäftsführerin Murzin ihre Erfahrung mit Gewalt in der Partnerschaft öffentlich.
Über einen LinkedIn-Post machte die erfolgreiche Geschäftsführerin Murzin ihre Erfahrung mit Gewalt in der Partnerschaft öffentlich. Conni Breyer

Hat denn niemand etwas gewusst?

Murzin: Nur eine einzige Freundin. Sie war und ist ein wichtiger Schlüssel. Obwohl mein Ex sich oft zum Fremdschämen verhalten hat, hat sie sich nicht von mir distanziert, wie so viele andere. Sie war an meiner Seite, wenn ich geheult und gesagt habe, dass es so nicht weitergeht. Sie hat mich nie dafür verurteilt, wenn ich dann trotzdem wieder Zuversicht fasste und versuchte, die Beziehung zu retten. Nie hat sie gesagt: „Bist du bescheuert?“ Ich weiß, aus der Distanz möchte man meinen, das wäre die richtige Reaktion gewesen. Wahr ist aber: Den Prozess der Ablösung kann niemand für einen übernehmen, da muss jede Frau selbst durch. Ein wohlwollendes, unterstützendes Umfeld ist dafür sehr hilfreich.

Und dieses Umfeld hatten Sie nicht?

Murzin: Nein. Die Scham, mich zu offenbaren, war in all den Jahren viel zu groß. Dazu kam: Ich habe mich schuldig gefühlt. Es liegt an mir, dass mir das alles passiert, dachte ich. Übrigens, auch meine drei Kinder wussten bis vor wenigen Wochen nichts. Die Kleinen waren eineinhalb und zweieinhalb, als ich gegangen bin, der Große war acht. Die Kleinen waren zu jung, um sich zu erinnern. Und auch der Große weiß nichts mehr, obwohl es in seinem Alter eigentlich normal wäre, zurückblicken zu können. Ich gehe davon aus, seine Psyche will sich durch das Vergessen schützen.

Bevor Sie erzählen, was Ihnen genau widerfahren ist: Wie haben Sie Ihren Ex-Partner kennen gelernt?

Murzin: Das war 2014 auf einer Weihnachtsfeier. Wir haben in derselben Firma gearbeitet, aber in anderen Abteilungen. Bei der Feier war sofort eine krasse Verbindung da. Besonders beeindruckt hat mich seine Ehrlichkeit. Er erzählte, er sei verheiratet, hätte Kinder. Für mich war klar: Mit einem verheirateten Mann fange ich nichts an.

Ich bemühte mich also, das Ganze unter „netter Talk mit Kollege“ laufen zu lassen. Für einen netten Talk war er allerdings ziemlich aufmerksam. Immer wieder forderte er mich an diesem Abend zum Tanzen auf. Dazu dieses aufrichtige Interesse. Er war ein wahnsinnig guter Zuhörer, er war ehrlich – damit wurde er von null auf 100 mein bester Freund. Nie zuvor hatte ich so etwas erlebt! Love Bombing wie im Bilderbuch… Rückblickend sehe ich die extreme Aufmerksamkeit und die Zuwendung als ein Puzzlestück seines perfiden Spiels.

Und dann passierte es, eines Morgens. Ein Anruf auf meinem Handy von seiner Frau. Was ich mit ihrem Mann zu tun hätte. Kurz darauf stand er mit Sack und Pack bei mir an der Tür. Zu diesem Zeitpunkt kannten wir uns vier oder fünf Monate.

War es da bereits schwierig?

Murzin: Es wurde schwierig ab dem Moment, als er vorübergehend bei mir einzog. Sinngemäß meinte er, ich müsste ihn aufnehmen. Ich hätte meinen Dienst zu tun. Ich sei schließlich schuld an seiner Situation. Dieses Thema hat sich dann wie ein roter Faden durch fünfeinhalb Jahre Beziehung gezogen. Sukzessive bin ich von der Königin, die ich zunächst gewesen war, zur Sklavin geworden.

Und ich habe alles dafür getan, um wieder die Königin zu werden. Grob gesagt ist das das Muster. Ein Muster, das übrigens auch erklärt, weshalb er immer wieder Frauen angeflirtet hat. Teils Freundinnen von mir. Viele haben sich aus diesem Grund von mir abgewendet. Nach dem Motto: Dieser Typ geht ja gar nicht… Bis ich am Ende fast völlig allein dastand.

Ein Typ, der Bestätigung sucht und deswegen flirtet?

Murzin: Das war mehr als nur Flirten. Er wollte andere Frauen zur Königin machen. Damit er weiter selbst König sein konnte. Andere Menschen sind für ihn Objekte, die er behandelt wie er möchte. Und Normalität ist für ihn das Schlimmste, normal ist wie tot. Weil es da keine Anerkennung gibt. Was er braucht, ist die volle Portion Love Bombing. Oder auch: das ganz große Drama. Dazwischen gibt es nichts.

Können Sie ein Beispiel für das Hin und Her zwischen diesen Extremen nennen?

Murzin: Ein Klassiker war, dass er mir einen Tag vorwarf, wir hätten kaum noch Zeit füreinander, weil ich mich immer nur um die Kinder kümmern würde. Am nächsten Tag hieß es dann: „Du bist eine Rabenmutter“, weil ich zu lange unter der Dusche stand. 

Wann wurde er das erste Mal gewalttätig?

Murzin: In der Schwangerschaft mit meinem zweiten, also unserem ersten gemeinsamen Kind. Das war etwa zwei Jahre nachdem wir uns kennengelernt hatten. Psychische Manipulation war da längst an der Tagesordnung. Aber jetzt bekam das Ganze noch mal eine andere Dimension. Eines Abends saßen wir im Garten unserer Wohnanlage, er, mein damals fünfjähriger Sohn und ich. Plötzlich schickte er den Jungen: „Geh mal ein Bier holen“. In einem unmöglichen Befehlston.

Mein Sohn reagierte, wie ich es angemessen fand: „Nein, das mache ich nicht.“ Daraufhin fing er an zu schreien. So laut, dass mein Sohn Angst bekam. Als das Kind am Abend im Bett war, sagte ich zu ihm: Lass uns reden. Ich wollte ein Gespräch unter zwei erwachsenen Menschen führen. Aber er ist komplett ausgerastet. Für mich völlig aus dem Nichts. Er fing an, mich durch die ganze Wohnung zu schubsen. Und, wohlgemerkt, ich war schwanger! Er schmiss mich im Flur gegen die Garderobe. Die ging mit mir zusammen zu Boden. Das war damals noch meine Wohnung, daher schrie ich, er solle gehen. Aber er weigerte sich. Er warf mir vor, ich würde alles kaputt machen. Die Garderobe, unsere Beziehung…

Gewalt gegen Frauen: hier finden Sie Hilfe

Sollten Sie selbst oder jemand den Sie kennen von Häuslicher Gewalt betroffen sein, finden Sie hier Hilfe und Beratungsangebote:

  • Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“: anonym und kostenlos rund um die Uhr erreichbar, berät telefonisch unter 116 016 oder online per Mail oder Chat, mehr Infos unter www.hilfetelefon.de
  • Hilfetelefon bei sexualisierter Gewalt: anonym und kostenlos, Telefon-Sprechzeiten Montag, Mittwoch, Freitag 9-14 Uhr und Dienstag, Donnerstag 15-20 Uhr unter 0800 22 55 530, Beratung und Information online unter https://www.hilfe-portal-missbrauch.de/online-beratung
  • Frauenhäuser und lokale Beratungsstellen bieten Betroffenen Schutz und Unterstützung, regionale Anlaufstellen finden Sie beim Verein Frauenhauskoordinierung und auf https://www.frauenhaus-suche.de/
  • Weißer Ring: Eine Opferschutzorganisation, die Beratung für Betroffene anbietet, berät mit Hilfe von Dolmetscherinnen auch in vielen verschiedenen Sprachen, telefonisch (0116 006, täglich 7 bis 22 Uhr), vor Ort und online erreichbar, siehe https://www.weisser-ring.de/
  • Telefonseelsorge: anonym, kostenfrei und 24/7 erreichbar unter 0800/1110111, 0800/1110222 und 116123
  • Notruf: In akuten Gefahrenlagen und Notsituationen ist die Polizei unter 110 erreichbar.

Sie sagten gerade, Sie hätten damals noch nicht zusammengewohnt. Haben Sie sich nicht gefragt, ob Sie mit so jemandem zusammenleben wollen?

Murzin: Natürlich. Aber daneben habe ich mich gefragt, was ich nur falsch mache. Vielleicht liebte ich ihn zu wenig? Sie müssen sich das so vorstellen: Über die Jahre habe ich alles, wirklich alles versucht zu tun, um ihn wieder so zu haben, wie er am Anfang war. Wie gesagt, er war ja der tollste, netteste, beste Mann aller Zeiten gewesen. Und ich dachte, es läge an mir, die Beziehung wieder auf dieses Level zu bringen.

Wie können wir uns Ihre Bemühungen vorstellen?

Murzin: Ich habe gemacht, was ihm gefallen könnte, um den König zurückzubekommen. Habe versucht, die beste Hausfrau auf der ganzen Welt zu sein. Und die beste Mutter. Ich habe zum Beispiel die Kinder aus seiner ersten Beziehung mit betreut. Coole Sachen mit ihnen gebastelt. Aber sobald ich meinen Bedürfnissen nachging, kippte seine Stimmung und die körperliche Gewalt wurde immer krasser.

Wie oft kamen die Übergriffe?

Murzin: Etwa alle zwei oder drei Monate gab es körperliche Gewalt. Die Situationen bauschten sich über Wochen auf. Etwa, wenn ich mich mal an einem Abend mit einer Freundin treffen wollte. Das konnte im Vorfeld mehrere Tage Drama bedeuten. Was ich mir rausnehmen würde… Und dann, wenn es soweit war, konnte es passieren, dass er mich ansah und meinte: „Du hast dir das verdient. Mach dir einen richtig schönen Abend.“ Er war unberechenbar. Ein Psychopath.

Was die körperlichen Übergriffe angeht: Blieb es beim eben beschriebenen „Schubsen“?

Murzin: Nein. Mal hat er mich zu Boden gerungen, mal hat er mir mit dem Handballen mehrfach auf die Nase gehauen, mal landete die Faust auf meinem Auge.

Sind die Verletzungen niemandem aufgefallen?

Murzin: Meine Nachbarin hat sich neulich bei mir entschuldigt. Sie hat mich damals, als ich schwanger war, mit einem blauen Auge gesehen. Sie hat über den LinkedIn-Beitrag von meinem Leid erfahren und gemeint, sie schäme sich, dass sie damals nichts gesagt hätte. Sie konnte erst durch meine Veröffentlichung die Puzzleteile zusammensetzen und sich das komische Gefühl erklären, das sie damals hatte. Ich muss allerdings auch sagen, dass ich den Schein nach außen bewahren wollte, denn das Außen war für mich Sicherheit. Die Würgemale am Hals habe ich mit Schals verdeckt. Ein blaues Auge üblicherweise mit einer Sonnenbrille. Dazu kam: Mit den beiden kleinen Kindern habe ich über weite Strecken das Haus kaum verlassen. Und wenn, dann nur für einen Spaziergang. 

Murzin: Genau. Und wie gesagt, einen Großteil meines Umfelds hatte ich längst verloren. Ich lebte isoliert und komplett abhängig von diesem Mann – mit dem ich übrigens 40 Kilometer von der alten Heimat entfernt in eine Wohnung gezogen war. In eine Kleinstadt, in der ich niemanden kannte. Klar habe ich manchmal mit dem Gedanken gespielt auszubrechen. Aber wo sollte ich denn hin? Mit zwei Babys und einem Schulkind? Wo geht eine Frau hin, die kein Umfeld hat und keine finanziellen Mittel für ein selbstständiges Leben? 

„Er drückte mich gegen die Haustür und würgte“, erzählt Anna-Lena Murzin und befreite sich schließlich aus der Gewalt-Beziehung.
„Er drückte mich gegen die Haustür und würgte“, erzählt Anna-Lena Murzin und befreite sich schließlich aus der Gewalt-Beziehung. Conni Breyer

Was hat letztlich doch dazu geführt, dass Sie aus der Beziehung ausgebrochen sind?

Murzin: Eine weitere Eskalation, diesmal hat er mich mit dem Rücken gegen die Haustür gedrückt und mich gewürgt. So fest, dass meine Gliedmaßen, die Arme und die Beine langsam schwach wurden. Ich habe gespürt, wie die Kraft aus dem Körper ging, wie die Muskeln aufhörten, zu arbeiten. Das Letzte, was ich noch tun konnte, war, diesen Satz zu sagen: „Drück doch zu. Dann ist es endlich vorbei.“

Das ist erschütternd.

Murzin: Und gleichzeitig war das ein Wendepunkt. Dieser Satz hat vielleicht mein Leben gerettet. Denn dem Mann ist es immer nur um eins gegangen: um Macht. Wenn er mich getötet hätte, hätte er keine Macht mehr über mich gehabt. Ich bin davon überzeugt, das ist der Grund, weshalb er losgelassen hat.

Sind Sie geflüchtet?

Murzin: Ja, aber nicht gleich. Meinen Weggang habe ich über Monate geplant. Es war völlig klar, er würde mich niemals gehen lassen. Ich fing an zu arbeiten. 300 Euro Elterngeld reichen einfach nicht zum Leben. Ich legte Geld zur Seite und mietete kurz darauf eine Ferienwohnung an, als erste Anlaufstelle. Außerdem nahm ich mir einen Anwalt, der auf den Tag X vorbereitet war und der dann auch sofort reagierte.

Wie?

Murzin: Als ich die Kinder in einer Nacht-und-Nebel-Aktion geschnappt und mit ihnen in die Ferienwohnung geflüchtet war, schickte er dem Gericht sofort den Antrag auf Wohnungsverweis. Die zuständige Richterin setzte das Widerspruchsrecht aus, das Verdächtige normalerweise haben. Hintergrund ihres Handelns: Gefahr in Verzug und die hieb- und stichfeste Dokumentation inklusive eidesstattliche Erklärung meiner Freundin. 

Hat Ihr Ex-Partner die Forderungen akzeptiert?

Murzin: Tatsächlich hat er drei Jahre lang versucht, mir das Leben schwer zu machen, wo es nur ging. Wie Sie sich denken können, war dabei auch das Umgangsrecht mit den Kindern Thema. Vor zwei Jahren hat er wohl eine neue Frau kennengelernt. Mit ihr verlor er das Interesse, mich weiter zu quälen und er verlor auch das Interesse an den Kindern. Bis heute gibt es null Kontakt.

Hat sich Ihre Situation rasch stabilisiert?

Murzin: Nicht wirklich. Ich habe vier Jahre Therapie hinter mir, oft mehrere Stunden pro Woche. Wissen Sie, mein Körper ist okay, der hat sich erholt. Aber meine Seele ist voller Narben. Ich weiß nicht, ob ich mich jemals wieder vertrauensvoll auf einen Mann einlassen kann. Mein größtes Anliegen ist es jetzt, betroffenen Frauen Mut zu machen. Es gibt ein Leben danach! Der Weg ist vielleicht nicht leicht, aber das Ergebnis lohnt sich.

Was ist in Ihrem Fall „das Ergebnis“?

Murzin: Ich lebe wahnsinnig gerne, seitdem ich mich bewusst für das Leben entschieden habe – und nichts anderes war die Flucht. Ich habe uns ein richtig tolles Leben aufgebaut: Wir haben ein großes Haus, einen Camper, mit dem wir die Welt erkunden, ich habe mehrere Unternehmen gegründet und bin sehr glücklich. All die Energie, die ich zuvor in ihn und die Krisen gesteckt habe, kann ich nun viel sinnvoller einsetzen.