Nicht für alle gilt 120/80 – das ist der ideale Blutdruck für jedes Alter

Zu hoher Blutdruck betrifft in Deutschland rund 20 bis 30 Millionen Menschen. Jeder fünfte weiß allerdings nichts von der Erkrankung, erklärt die Hochdruckliga. Was erschreckend klingt, ist erst einmal nicht ungewöhnlich: Denn Bluthochdruck (Hypertonie in der Fachsprache) verursacht kaum Symptome, insbesondere am Anfang. Daher kommt auch die Bezeichnung „stiller Killer“.

Woran also kann jemand erkennen, ob er an Bluthochdruck leidet? Ganz einfach: regelmäßig den Blutdruck messen – und in der Arztpraxis messen lassen. Der Grenzwert? „Die nationalen und internationalen Fachgesellschaften definieren eine arterielle Hypertonie als Blutdruckwerte von mehr als 140/90 mmHg“, erklärt Peter Radke, Chefarzt Innere Medizin und Kardiologie der Schön Klinik Neustadt und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung auf Nachfrage von FOCUS online.

mmHg

Die Maßeinheit mmHg ist die Abkürzung für Millimeter auf der Quecksilbersäule. Denn bevor es digitale Geräte zur Blutdruckkontrolle gab, wurde der Blutdruck mit einer Oberarmmanschette plus Quecksilbersäule mechanisch gemessen.

Das ist der ideale Blutdruck für Ihr Alter

  • Für 6- bis 12-Jährige: idealer Blutdruckwert um die 100/60 mmHg
  • Für 13- bis 18-Jährige: idealer Blutdruckwert um die 110/70 mmHg
  • Für Erwachsene zwischen 18- und 65-Jahren: idealer Blutdruckwert unter 120/80 mmHg
  • Für Erwachsene ab 65 Jahren: idealer Blutdruckwert unter 140/80 mmHg
  • Für Erwachsene ab 85 Jahren: idealer Blutdruckwert unter 140/90 mmHg

(nach den aktuellen Leitlinien der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie, ESC)

Peter Radke, Chefarzt Innere Medizin und Kardiologie der Schön Klinik Neustadt und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung, ist Experte für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Peter Radke, Chefarzt Innere Medizin und Kardiologie der Schön Klinik Neustadt und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung, ist Experte für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Schön Klinik Neustadt

Beim systolischen Wert, der ersten Zahl, handelt es sich um den Druck, der in den Gefäßen herrscht, wenn der Herzmuskel sich maximal anspannt und das Blut in den Körper pumpt (Systole). Der diastolische Wert, die zweite Zahl, gibt den niedrigsten Druck unmittelbar vor der nächsten Herzkontraktion in den Gefäßen an, also wenn der Herzmuskel entspannt ist und das Organ sich wieder mit Blut gefüllt hat (Diastole).

Wer nach idealen Blutdruckwerten im Netz sucht, bekommt unterschiedliche Zahlen ausgespuckt. Die geringfügigen Unterschiede gibt es in der Fachwelt bezüglich, welche Werte ideal sind, also welche Zielwerte Mediziner für die Menschen anpeilen:

  • Die US-amerikanischen Fachgesellschaften empfehlen generell einen Zielblutdruck von unter 130/80mmHg.
  • Die Europäische Gesellschaft für Hypertonie (ESH) sieht grundsätzlich einen Zielkorridor unter 140/90 mmHg. Bei jüngeren Erwachsenen unter 65 Jahre gelten möglichst unter 130/80 mmHg und bei Menschen ab 65 Jahren unter 140/80 mmHg.
  • Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie (ESC) ist strikter und empfiehlt einen Korridor von 120-129 mmHg systolisch und von 70-79 mmHg diastolisch.

Generell spricht sich Herzexperte Radke dafür aus, die Werte nicht ganz streng auszulegen: „Abweichungen vom idealen Blutdruck nach oben und unten sind innerhalb gewisser Grenzen, Abweichungen von 10 mmHg weitgehend unproblematisch.“

Warum die Fachgesellschaften unterschiedliche Einteilungen haben

Die ESH hält an der bisherigen Einteilung (optimal, normal, hoch-normal, Hypertonie Grad 1–3, isoliert systolisch/diastolisch) fest. 

Die ESC-Leitlinien hingegen verwenden eine neue, vereinfachte, aber strengere Kategorisierung (jeweils bezogen auf standardisierte Praxis-Blutdruckmessungen):

  • Nicht erhöht: unter 120/70 mmHg
  • Erhöht: systolisch 120–139 mmHg oder diastolisch 70–89 mmHg
  • Hypertonie: systolisch höher als 140 mmHg oder diastolisch höher als 90 mmHg

„Hypertonie bleibt Hypertonie“, stellte Lucas Lauder vom Universitätsspital Basel auf der Jahrestagung der Kardiologen klar. Das Ziel der neuen Einteilung sei es, das Bewusstsein zu verbessern und die Prävention bei Hypertonie zu fördern. „Diese Werte mögen sehr streng und schwer erreichbar wirken“, erklärt Thomas Voigtländer, Kardiologe der Deutschen Herzstiftung dazu. Sie hätten sich jedoch in Studien als die für die Gefäßgesundheit erstrebenswerten Werte herausgestellt. Zudem lassen sie sich durch veränderten Lebensstil reduzieren.

Warum sich die idealen Blutdruckwerte mit dem Alter ändern

Mit den Lebensjahren veränderten sich die Idealwerte. Ältere Menschen haben häufig einen höheren systolischen Blutdruck, weil die Gefäße dann nicht mehr so elastisch sind.

Radke erläutert dazu: „Eine blutdrucksenkende Medikation kann auch über das 85. Lebensjahr hinaus durchaus fortgesetzt werden, weil das Blutdruck-bedingte Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen entlang einer kontinuierlichen Skala steigt.“ Gleichzeitig gilt es zu berücksichtigen, dass die Behandlung nicht zu Nebenwirkungen wie Schwindel oder Unwohlsein führt.

Den eigenen Blutdruck richtig einschätzen

Wer zu Hause seinen Blutdruck misst und bei hohen Werten zwischen 130 und 150 systolisch unsicher ist, sollte überprüfen, ob weitere Risikofaktoren vorliegen.

Klassische kardio-vaskuläre Risikofaktoren sind etwa:

  • Diabetes/ Prä-Diabetes
  • Adipositas
  • NASH-Syndrom/Leberverfettung
  • Hypercholesterinämie

So messen Sie Ihren Blutdruck richtig

Für korrekte Werte ist die Position des Arms, an dem Sie messen, wichtig. Das betont der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Herzstiftung Voigtländer in einem Erklärvideo auf deren Seite: „Den Arm muss man so auflegen, dass der Oberarm plus minus auf Herzniveau liegt – also nicht nach oben oder unten strecken“.

Laut Herzstiftung könne es zu Abweichungen und Fehlern beim Blutdruckmessen kommen, wenn die Manschette nicht auf Herzhöhe liege. Liegt sie tiefer, liegt der gemessene Wert zu hoch. Liegt sie höher, sei der Wert zu niedrig. Außerdem führe ein Überkreuzen der Beine etwa zu einem höheren Messwert, da dadurch die Muskulatur angespannt wird.

Laut aktueller Richtlinie der American Heart Association sind daher folgende Punkte für eine genaue Messung wichtig:

  • Die Manschettengröße muss zum Arm passen.
  • Die Manschette am Arm sollte sich auf Herzhöhe befinden.
  • Der Unterarm sollte auf einem Tisch liegen.
  • Der Rücken sollte angelehnt sein.
  • Die Beine nicht überkreuzen.
  • Die Füße flach auf den Boden stellen.

Warum der Blutdruck zu Hause und beim Arzt anders ist

Wichtig ist für die Werte des Blutdrucks zu berücksichtigen, wo er gemessen wurde – zu Hause oder in der Praxis. Denn dort lässt oft der sogenannte Weißkitteleffekt (Aufregung beim Arzt) die Werte höher ausfallen.

Daher gibt es in der ESH-Leitlinie praktische Empfehlungen hierfür:

  • Die Person sollte vor der Messung 3 bis 5 Minuten ruhig sitzen
  • 3 Messungen im Sitzen im Abstand von 1 Minute (zur Vermeidung des Weißkittel-Effekts in separatem Raum und Durchführung durch medizinisches, nicht-ärztliches Personal)
  • 1. Messung verwerfen; Mittelwert aus 2. und 3. Messung verwenden

Bei der Erstvorstellung an beiden Armen messen und nachfolgend Arm mit höherem Blutdruck verwenden

Warum Sie vor dem Blutdruck messen auf die Toilette gehen sollten

Der Vergleich beider Arme lohne sich, erläuterte Kardiologe Lauder. Der Unterschied betrage im Mittel 7 mmHg und liege bei fast 30 Prozent der Personen sogar bei mehr als 10 mmHg: „Das ist schon relevant.“ Auch eine gefüllte Harnblase könne den Blutdruck vorübergehend um 10 bis 30 mmHg erhöhen.

Was Sie tun sollten, wenn Ihre Daten von den Idealwerten abweichen

Wer über mehrere Tage hinweg einen erhöhten Blutdruck feststellt, sollte gemeinsam mit einem Facharzt klären, welche Therapie am besten geeignet ist. Falls es eine medikamentöse Behandlung braucht, stehen in der Regel Blutdrucksenker, ACE-Hemmer oder Kalziumantagonisten auf dem Rezept.

Oft lässt sich jedoch schon durch einen veränderten Lebensstil viel erreichen. Dazu gehören Gewichtsreduktion, regelmäßige Bewegung, Rauchverzicht, Stressabbau, ausreichend Schlaf und eine herzgesunde Ernährung. Das bedeutet: Vollkornprodukte, reichlich Gemüse, wenig Fleisch, dafür Fisch, hochwertige Pflanzenöle und Nüsse.