Diese Bakterien im Mund greifen erst die Zähne an – und dann das Gehirn

FOCUS online: Wer Ihre Erklärvideos auf Instagram sieht, dem drängt sich der Eindruck auf, dass wir unterschätzen, wie sehr unsere Zähne unsere Gesundheit beeinflussen können. Stimmt das?

Haben Sie ein plastisches Beispiel?

Arp: Denken Sie etwa an sehr heiße Speisen, die die Mundschleimhaut verbrennen. Eine solche Verletzung würde an anderen Körperstellen eine medizinische Versorgung erfordern. Das kann unter Umständen eine Verbrennung dritten Grades sein! Hätten Sie die woanders am Körper, müssten Sie in die Notaufnahme. Aber im Mund? Am nächsten Tag spüren Sie es vielleicht noch beim Kaffeetrinken, aber danach denken Sie nicht mehr darüber nach. Unser Mund regeneriert unglaublich schnell – und beherbergt natürlich das zweitgrößte Mikrobiom nach unserem Darm.

Was die Medizin zu etwas wie unserem Super-Organ erkoren hat. Gilt das auch im Mund?

Arp: Absolut, deshalb gibt es heute viel mehr Studien zu Mundgesundheit als noch vor zehn oder 15 Jahren. Die Weltgesundheitsorganisation betrachtet Parodontose mittlerweile als Volkskrankheit und hat sogar eine eigene Taskforce für Mundgesundheit gegründet. Sie hat Einfluss vom Hirn bis zum Darm. In Deutschland jedoch wird das Thema noch immer unterschätzt.

Inwiefern genau?

Arp: Etwa jeder Zweite über 35 Jahren hat schon Parodontose, bei älteren Menschen sind es sogar mehr als 90 Prozent. Trotzdem wird häufig nichts dagegen unternommen, obwohl wir sowohl fachlich als auch technisch bestens aufgestellt wären.

Zahnmedizinerin Kristin Arp
Zahnmedizinerin Kristin Arp privat

Dr. Kristin Arp ist Zahnärztin mit eigener Praxis in Hamburg. Auf Instagram und als Speakerin auf Veranstaltungen engagiert sie sich für Aufklärung und Prävention im Bereich Mundgesundheit und Longevity. Ihrem Account „doktorarp“ folgen mehr als 70.000 Menschen. Arp lebt mit ihrer Familie in Hamburg.

Dann klären Sie uns doch mal auf: Wieso sind die Zähne für unsere Gesundheit so entscheidend und sogar relevant, wenn es um Erkrankungen wie Alzheimer geht, wie Sie in einem Ihrer Videos erklären?

Arp: In unserem Mund leben – vereinfacht gesagt – gute und schlechte Bakterien, von denen einige gesundheitsfördernd, andere potenziell schädlich sind. Gerät das Gleichgewicht zugunsten der schädlichen Bakterien aus der Balance, beispielsweise durch unzureichende Mundhygiene, können Entzündungen entstehen.

Unzureichende Mundhygiene bedeutet nachlässiges Putzen, keine Zahnseide…?

Arp: Genau. Die Zahnzwischenräume machen rund 40 Prozent unserer Zahnoberfläche aus. Wer nur normal Zähne putzt, reinigt höchstens 60 Prozent. Dann fangen die schlechten Bakterien an, sich zu vermehren. Blutungen zwischen den Zähnen entstehen daher meist durch Entzündungen und nicht durch die Verwendung von Zahnseide, wie oft angenommen.

Und was haben diese Bakterien jetzt mit dem Gehirn und dem Alzheimer-Risiko zu tun?

Arp: Tatsächlich wurden Parodontose-Bakterien in den Amyloid-Plaques, einer Art Ablagerung im Hirn von Alzheimer-Patienten, gefunden. Deshalb sprechen Forschende nicht mehr nur von einer Darm-Hirn-Achse, sondern von einer Mund-Darm-Hirn-Achse.

Gibt es wirklich Studien, die diesen Zusammenhang belegen?

Arp: Ja, das ist spannend, oder? Man weiß heute, dass bestimmte Bakterien aus dem entzündeten Zahnfleisch in die Blutbahn und von dort weiter ins Gehirn gelangen können. Lange wurde angenommen, dass Plaques die Ursache für Alzheimer seien. Neuere Theorien gehen jedoch davon aus, dass sie möglicherweise auch eine Abwehrreaktion des Körpers darstellen könnten. 

Kann man also sagen, wer seine Zähne vernachlässigt, riskiert Alzheimer?

Arp: Nicht direkt, aber beides hängt zusammen. Wer Parodontose hat, hat ein erhöhtes Risiko für viele chronische Erkrankungen, darunter Alzheimer, aber auch Diabetes, Rheuma oder Morbus Crohn sowie manche Krebsarten. Wer die Mundflora im Gleichgewicht hält, tut also dem ganzen Körper etwas Gutes. 

Um das zu tun: Was sind Ihre drei Top-Tipps für eine gute Mundhygiene?

Arp: Zunächst einmal eine gute Schallzahnbürste. Die Marke ist zweitrangig, wichtig ist eine ausreichende Frequenz. Außerdem empfehle ich die Zahnzwischenräume mindestens jeden zweiten Tag mit Zahnseide oder Interdentalbürsten zu säubern, und zwar vor dem Zähneputzen. Nur so kommen die Wirkstoffe aus der Zahnpasta in die Zwischenräume.

Und der dritte Tipp?

Arp: Werfen Sie Ihre Mundspülung weg! Viele frei verkäufliche Produkte wirken wie ein starkes Desinfektionsmittel: Sie zerstören die nützlichen Bakterien, während die schädlichen Bakterien oft unberührt bleiben. Studien zeigen zudem, dass bestimmte Inhaltsstoffe – etwa Chlorhexidin – den Blutdruck beeinflussen können und bei täglicher Anwendung zu Antibiotika-Resistenzen führen können. Und das braucht man so gar nicht.

Das müssen Sie bitte genauer erklären.

Arp: Durch den Wirkstoff Chlorhexidin, der in vielen Mundspülungen enthalten ist, sterben bestimmte Nitratbakterien ab, die dafür sorgen, dass unsere Blutgefäße beweglich bleiben. Fehlen diese Bakterien, kann das langfristig zu Bluthochdruck führen. Mundspülungen sollten daher nur kurzfristig nach Eingriffen oder auf zahnärztliche Empfehlung eingesetzt werden. Das gewünschte Frische-Gefühl sollte durch eine geeignete Zahnpasta entstehen.