Ein Wort zeigt, wie unterschiedlich Merz und Söder ticken

Bei der Jungen Union Bayern spielen sie regelmäßig "Söder-Bingo“. Da der Ministerpräsident so viel unterwegs ist im Land wie wohl kein zweiter Politiker in Deutschland, ist er auch gezwungen, bei seinen Reden auf ein Repertoire an Textbausteinen zurückzugreifen.

"Wir klatschen uns ab bei Sätzen, die wir von Söder schon kennen“

Fast immer im Gepäck hat er die Mütterrente, oft auch das Autoland mit dem Verbrenner, neuerdings die notwendigerweise aufmüpfige Parteijugend, die er aber trotzdem nicht missen will, und natürlich die Auslandsqualitäten von Friedrich Merz.

"Wir klatschen uns dann immer ab, wenn wieder ein Satz kommt, den wir alle schon kennen“, sagt eine Frau von der Jungen Union. "Und leider können wir vieles nicht mehr hören.“ Der Groll auf die für die junge Generation teure Mütterrente sitzt noch immer tief.

Also wagen wir für FOCUS online ein "Söder-Merz-Bingo“ und blicken auf Textbausteine, Redekunst, Gestik, Fairness und Foulspiel. Zugegeben sind die Voraussetzungen der beiden etwas unterschiedlich.

Markus Söder hat in seiner Rede am Freitag alles gegeben und sich trotzdem eine Watschn eingefangen - nur 83,6 Prozent wählten ihn – eine Watschn für den obersten Bayern und trotzdem stehende Ovationen. Heute folgte Merz, freilich ohne eine Abstimmung, aber der Applaus sagt ja auch eine Menge.

Redekunst

Textbausteine hat Markus Söder – folgt man der Jungen Union – wieder jede Menge wiederholt: Mütterrente, das Lob der Jungen Union, Aufweichung des Verbrennerverbots. Auffällig sei, so sagen einige, aber das penetrante Eigenlob, was ihm persönlich in Berlin gelungen sei. Fazit der jungen Kritiker: „Eigenlob stinkt.“

Textbausteine gebraucht natürlich auch der Bundeskanzler und wird dabei manchmal arg technisch: "Biotechnlogie, Quantentechnologie, Fusionstechnoloige, Künstliche Intelligenz" lobt er als Erfolgsgaranten - so wie bei fast jeder seiner Reden. Im Saal mag dabei keine Stimmung aufkommen.

Einen Punkt macht Merz hingegen, als es um den politischen Gegner in der Koalition geht, die SPD: "Die Sozialpartnerschaft ist ein großes Erfolgsmodell in 75 Jahren Geschichte. Wir als Union kritisieren nicht im Grundsatz die Gewerkschaft." 

In Richtung von Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas ruft Merz: „Und ich bitte darum, dass nicht gegenüber den Arbeitgebern Klassenkampftöne angeschlagen werden.“ Merz erhält dafür lauten Applaus.

Er fügt hinzu: Es gebe eine Wählerschaft "jenseits der 13 Prozent", die auch gut fände, wenn die "Sozialdemokratie auch wieder Arbeitnehmerinteressen" in den Blick nehme. Trotzdem gelingt es Merz nicht, den Saal mitzureißen.

Die Redekunst Söders kommt kommt hingegen gut an beim Parteivolk. Er wird lauter, wenn es wichtig wird, und macht Redepausen, wenn es emotional wird. Sogar seine verstorbene Mutter bezieht er mit ein, um für die Mütterrente zu werben, da diese Generation Frauen selten eine auskömmliche Rente erarbeitet hätte. 

Söder verrät ein Geheimnis

Söder schmeichelt dem Parteivolk und sagt, dies sei "kein Parteitag nur von Funktionären und Apparatschiks", sondern ein Tag der CSU-Familie. 

Auch verleiht Söder dem Publikum das Gefühl, es hinter die Kulissen der Macht schauen zu lassen, wenn er erzählt, ein Foto von ihm durch das nächtliche Fenster des Kanzleramtes zeige ihn wütend gestikulierend, weil, ja, weil er da gerade gegen das totale Verbrennerverbot angeredet habe.

Auch Merz berichtet über die letzte Nacht im Koaltionsausschuss, bei dem "wir durchgesetzt" haben, dass die 500 Milliarden Investitionsbooster auch dem Straßenbau zugute kommen können. Merz sagt "Wir" und weit seltener "Ich" als Markus Söder.

Fairness

In Sachen Fairness entpuppt sich Söder neuerdings als überzeugter Gönner. Es werde viel an Friedrich Merz kritisiert, aber „ohne Friedrich Merz hätte Europa keine Stimme“. Auch lobt er Friedrich Merz beim Stadtbild-Satz: "Ich finde, Friedrich Merz hat recht, wenn er darüber redet, wie es in unseren Städten aussieht." Großer Applaus.

Bahnhöfe, Weihnachtsmärkte und Schwimmbäder seien nicht „mehr wie früher“. Söders Diagnose: "Wer die Wahrheit leugnet, obwohl es die Bürger jeden Tag sehen, der fördert Radikale."

Merz lobt Söder kaum

In seiner Begrüßung hebt Kanzler Merz die gemeinsame Fraktion von CDU und CSU als "wichtigstes Asset" hervor: "Dafür stehen Markus Söder und ich." Ansonsten lobt er vor allem Bundesinnenminister Alexander Dobrindt für seine Erfolge in der Asylpolitik und die Halbierung der Asylzahlen. Er erhält langanhaltenden Applaus dafür.

Großen Applaus erntet Merz mit einem Lob für CSU-Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer: "Du hast die Landwirtschaftspolitik vom Kopf auf die Füsse gestellt". Endlich sei die Politik der Belehrungen vorüber, ruft Merz.

Söder schaut grimmig aufs Handy, anstatt Merz zu applaudieren

Am lautesten wird das Applausometer bei seiner Absage an die ideologische Ausstiegspolitik, ob bei Atom oder beim Auto: "Wir steigen nicht mehr aus, sondern steigen ein. Diese ganze Ideologie liegt hinter uns." Es dürfe nie wieder so "ein Schaden an unserem Land" angerichtet werden wie durch "den permanenten Ausstieg. Das ist der entscheidende Unterschied." 

Das CSU-Publikum quittiert das mit einem Riesenapplaus. Söder hingegen schaut grimmig drein und applaudiert widerwillig. Bei anderer Gelegenheit schaut Söder sogar auf sein Handy, während alle anderen um ihn herum Merz applaudieren.

Foulspiel

Beim Foulspiel werden selbst Söders eingefleischte Fans nicht leugnen, dass er es beherrscht. Die kleine Spitze auf befreundete Konkurrenten gehört zu seinem festen Repertoire. Kürzlich erst distanzierte er sich von der Entscheidung, vor der Bundestagswahl in der Migrationspolitik mit der AfD gestimmt zu haben und nannte Merz als Urheber.

Bei seiner Parteitagsrede blieb er diesbezüglich fast abstinent. Aber nur fast: Söder sagt: "Wir sind eine Union, auch wenn wir im Hinterzimmer länger diskutieren.“ Dann: "Deshalb geben wir Friedrich Merz Rückendeckung.“ Und dann der unvermeidliche Söder-Satz: "Er hat sie auch gebraucht.“ 

Das Foulspiel ist hier kaum merklich, aber doch vorhanden: Mit dem kleinen Seitenhieb ist das Narrativ gesetzt: Merz braucht Söder. Von Merz ging keinerlei Foulspiel aus. Auffällig nur, dass er Söder so gut wie nicht erwähnte, außer zur Begrüßung.

JU-Frau Susanne Hutzler und Markus Söder
Susanne Hutzler ist Söder-Fan: "Er ist groß und ich mag seinen Bart". Sascha Adamek

FOCUS online hat sich bei Delegierten umgehört. Susanne Hutzler von der Jungen Union in Schwandorf ist wie die meisten JU-Delegierten gegen Söders Mütterrente. Trotzdem schwärmt sie von ihrem Parteichef - vor allem von seinem Aussehen. "Er ist groß und ich mag seinen Bart“, sagt sie FOCUS online. Hutzler ist Kandidatin für die Kreistagswahl im März.

Viele JU-Mitglieder sind nachhaltig sauer auf Söder und Merz

Während bei Merz von vielen Beobachtern gern mal ein „Frauenproblem“ hinsichtlich seiner Wählerschaft konstruiert wird, scheint Söder bei den Frauen zu polarisieren. Nicola Gehringer, stellvertretende Bundesvorsitzende der JU lobt gegenüber FOCUS online, er sei der „fleißigste Ministerpräsident Deutschlands“, weil er überall im Land präsent sei.

Andere sind nachhaltig sauer auf den Ministerpräsidenten wegen des Rentenpakets. „Wir wussten schon vorher, dass sein Ergebnis bei der Wahl schlecht wird, weil er uns Junge übergangen hat“, sagt eine JU-Frau, die ihren Namen nicht veröffentlicht sehen möchte - und natürlich sei man auch sauer auch auf Friedrich Merz.

Und wie kam die Merz-Rede an? Die JU-Frau Susanne Hutzler sagt: "Ich war überrascht von ihm. Uns hat er mitgerissen. Viele Themen und gut war, dass er ehrlich sagte, wo es noch hakt."

Resümee

Geht man nach dem Applaus hat Markus den Saal mehr mitgerissen als Merz. Andererseits zeigte das spärliche Wahlergebnis von Söder, wie wenig der Applaus-Stimmung im Saal zu trauen ist.

Wer beim Söder-Merz-Bingo gewonnen hat, ist schlecht zu sagen: Letztlich scheinen sich beide in ihren Stärken und Schwächen gut zu ergänzen. Merz benennt eher die Probleme, Söder steht für Gutwetter. Abzüge für Söders Performance gibt es für die Momente seines grimmigen Desinteresses während der Merz' Rede.

Am Ende verteilt Markus Söder selbst eine Note für die Rede des Bundeskanzlers: "Eine ernste Rede für eine ernste Zeit" sagt er auf der Bühne zu Friedrich Merz: "Wir sind froh, dass wir dich haben." Zum Abschied überreicht Söder Merz einen Trachtenhut als Geschenk. Doch Merz will sich diesen Hut nicht aufsetzen.