Mitgelacht, mitgefangen

Im "Zeit-Magazin" habe ich eine Geschichte über einen Auftritt der Schauspielerin Désirée Nosbusch in der ARD-Show "Auf Los geht’s los" gelesen. Das Ganze liegt etwas zurück, Nosbusch war damals 16 Jahre alt. Die Sendung wurde von Joachim Fuchsberger moderiert, dessen Popularität so groß war wie die von Gottschalk und Jauch zusammen. In der Mediathek gibt es einen Ausschnitt der Show. Ich habe mir ihn angesehen.

Früher TV-Skandal, heute Polizei in der Tür

Neben Désirée Nosbusch sitzt eine junge Frau, die gerne Beamtin wäre, was sie aber nicht darf, weil sie etwas pummelig ist. Bodyshaming kannte man damals noch nicht. Dann wird Franz Josef Strauß fernmündlich zugeschaltet, der sinngemäß sagt, dass es mit der Verweigerung der Verbeamtung schon seine Richtigkeit habe. Wer sich als junger Mensch nicht im Griff habe, der werde es später im Leben erst recht nicht können.

Alle finden das okay, bis auf Désirée Nosbusch. Sie könne überhaupt nicht verstehen, was das solle, regt sie sich über Strauß auf. "Irgendwie finde ich das alles sehr blöd. Von wegen in dem Alter Disziplin lernen."

Wie ich dem Artikel im "Zeit-Magazin" entnommen habe, ging darauf über der Schauspielerin ein furchtbares Scherbengericht nieder, wie man den Shitstorm früher nannte. Über Nacht verlor sie alle Engagements, beim Bayerischen Rundfunk erhielt sie Auftrittsverbot. Es gab dann einen zweiten Auftritt, bei dem sie sich entschuldigte und Fuchsberger großmütig erklärte, dass er darauf verzichte, ihr den Hosenboden zu versohlen.

Eine junge Frau, die niedergemacht wird, weil sie es an Respekt gegenüber einer Autoritätsperson hat mangeln lassen? Es ist eine Geschichte, bei der man sagt: Wie gut, dass diese Zeit hinter uns liegt und wir heute weiter sind. Aber sind wir das? Vielleicht fallen sie nicht mehr im Fernsehen über einen her, wenn man sich despektierlich über einen landesweit bekannten Politiker äußert. Dafür steht die Polizei in der Tür.

Hunderte Strafanträge: Merz versteht keinen Spaß

Der "Welt am Sonntag" verdanken wir einen Einblick in die Klagetätigkeit des Abgeordneten Friedrich Merz, von der die Öffentlichkeit bislang nichts wusste. Den von dem Blatt ausgewerteten Unterlagen zufolge hat Merz Hunderte Strafanträge wegen Beleidigung gestellt. Gut, kann man sagen, die Verfolgung geschieht hier nicht auf offener Bühne, sondern im Verborgenen. Aber ob das für die Betroffenen eine Erleichterung ist, bleibt dahingestellt.

In den meisten Fällen handelt es sich um Schmähungen und nicht nur um Widerworte, auch das ist ein Unterschied. Aber dass man den Delikten besonderes Gewicht beimisst, weil es sich um einen wichtigen Politiker handelt, verbindet Merz mit Strauß. So hat sich in den Unterlagen der Aktenvermerk einer Polizistin erhalten, die bei der Verfolgung besondere Eilbedürftigkeit anmahnte, "um eine Präventionswirkung rechtzeitig vor der Bundestagswahl" zu erzielen.

Kann man beleidigt werden, ohne von der Beleidigung zu wissen? Das ist eine interessante Frage. In vielen Fällen hatte Merz überhaupt nur deshalb Kenntnis von dem Schmähvorgang, weil ihm eine Firma, die sich auf derlei Delikte spezialisiert hat, die Vorfälle zur Kenntnis brachte. Würde es die Firma nicht geben, wüsste der Kanzler bis heute nicht, dass ihn eine schwerbehinderte Rentnerin einen "kleinen Nazi" genannt hat. So aber setzte sich das Räderwerk in Gang. Im Fall der Rentnerin: Anzeige, Hausdurchsuchung, Beschlagnahme des Mobiltelefons.

Carolin Blüchel und Jan Fleischhauer moderieren gemeinsam den Podcast „Der Schwarze Kanal“.
Carolin Blüchel und Jan Fleischhauer moderieren gemeinsam den Podcast „Der Schwarze Kanal“. Quelle: FOCUS ©FOCUS

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Wenn Lachen zur Staatsaffäre wird

Es braucht nicht viel, um ins Fadenkreuz der Ermittler zu geraten. In Mecklenburg-Vorpommern landete ein Ingenieur im Gefängnis, nachdem er die Ministerpräsidentin Manuela Schwesig in einer Mail eine "Märchenerzählerin" genannt hatte. 30 Tage Beugehaft, weil er eine Geldstrafe nicht akzeptieren wollte? Ziemlich happig, würde ich sagen. Das hat es nicht mal zu Zeiten von Joachim Fuchsberger gegeben.

Und es wird immer doller. Wie wir jetzt wissen, kann einen schon das Lachen an der falschen Stelle in Schwierigkeiten bringen. "Auslachen einer Ministerin geht gar nicht", hat der SPD-Fraktionschef Matthias Miersch anlässlich des verunglückten Auftritts seiner Parteifreundin Bärbel Bas am Arbeitgebertag erklärt.

In dem Fall landete noch niemand im Gefängnis, dafür rief die Ministerin zum Kampf gegen alle Arbeitgeber auf, ob mitgelacht oder nicht. Wenn ich die Wahl hätte zwischen einem Monat bei Brot und Wasser in Schwerin oder der ewigen Verdammnis durch die Arbeitsministerin, ich wüsste nicht, wofür ich mich entscheiden würde.

Man macht sich lächerlich, wenn man wegen Kritik klagt

Es ist leicht, anderen zu raten, sie sollten weniger empfindlich sein, wenn man selbst nichts aushalten muss. In der Hinsicht habe ich eine saubere Weste. Was musste ich mir nicht allein in den vergangenen Wochen alles anhören? Im "Spiegel" stand, ich hätte mir das Adjektiv "linksgrünversifft" zu eigen gemacht und würde dafür mit einer Sendung im ZDF belohnt, die leider an "Big Brother" erinnere und auch sonst nichts tauge. Die "taz" sprach von "Faschoscheiße".

Gegen den Kritiker beim "Spiegel" würde ich sofort jede Klage gewinnen. Das Wort "linksgrünversifft" habe ich nachweislich nie benutzt. Er hat es einfach erfunden, um mir besser am Zeuge flicken zu können.

Ich habe ihm geschrieben, um ihn auf den Fehler hinzuweisen. Weil er, wie viele im Kritikergewerbe, eine feige Socke ist, hat er auf meine Mail nicht geantwortet. Wahrscheinlich ist die Mail im Spam-Ordner gelandet. Käme ich deshalb auf die Idee, den "Spiegel" zu verklagen? Oder die "taz"? Natürlich nicht. Ich finde, man macht sich lächerlich, wenn man sich auf das Niveau begibt.

Die verlorene Lässigkeit der Grünen

Mein Respekt vor Robert Habeck hat empfindlich gelitten, seit ich weiß, dass er Leuten, die ihn als "Schwachkopf" bezeichnen, die Staatsanwaltschaft auf den Hals hetzt. Katrin Göring-Eckardt hat eine Frau zur Anzeige gebracht, die ihr "Dürre im Kopf" attestierte. Gegen "Faschoscheiße" ist das geradezu wohlwollend.

Man kann über Joschka Fischer sagen, was man will. Aber der wäre im Leben nicht auf die Idee gekommen, eine arme Oma wegen Beleidigung anzuzeigen. Wenn jemand meinte, ihn als Arschloch bezeichnen zu müssen, sei’s drum. In seinen wilderen Tagen hätte er eventuell persönlich vorbeigeschaut, um dem Übeltäter heimzuleuchten. Aber die Polizei in Marsch setzen? Das hätte er als grundfeige empfunden.

Woher kommt die Empfindlichkeit?

Woher kommt diese neue Empfindlichkeit? Ich glaube, viele Politiker reagieren so sensibel, weil sie den Staat mit sich selbst verwechseln. Deshalb haben sie auch den alten Majestätsbeleidigungsparagrafen reaktiviert, der eigentlich ausgemustert worden war. Seitdem gibt es bei sogenannten Äußerungsdelikten, die sich gegen Personen des politischen Lebens richten, einen Strafaufschlag.

Allen, die nun sagen: "Ja, so sind der Merz und der Habeck", ein Wort der Warnung. Wer steht auf der Liste der Anzeigenhauptmeister ganz oben? Die engagierte Frau Weidel, die im Parlament so tapfer für die Meinungsfreiheit streitet. Es ist eben das eine, die Meinungsfreiheit im Generellen zu verteidigen, und etwas ganz anderes, zu seinem Wort zu stehen, wenn es einen selbst trifft. Schön wäre es, wenn beides zusammenfiele.

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