Ein Ort gegen das Vergessen

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Die Metalltafel auf dem Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhof in Feldafing erinnert an die Opfer der NS-Gewaltherrschaft. Die Tafel soll abgenommen und archiviert werden. © Photographer: Andrea Jaksch

Die Gemeinde Feldafing will ihren jüdischen Friedhof sanieren. Dafür bekommt sie Fördermittel vom Bund und rechnet mit weiterer Unterstützung durch Stiftungen. Die Instandsetzung des Friedhofs ist Teil eines Konzepts für eine Erinnerungskultur in Feldafing.

Feldafing - Der jüdische Friedhof in Feldafing ist etwas Besonderes. Er entstand nach Kriegsende, wurde bis 1951 genutzt und ist einer der wenigen Friedhöfe jener Zeit, die noch existieren. Und er ist eines der wenigen noch bestehenden Zeugnisse, dass es in Feldafing nach dem Krieg das erste rein jüdische Lager für Displaced Persons in der US-Besatzungszone gab. Das waren Menschen, die kriegsbedingt ihre Heimat verloren hatten und die ohne Hilfe nicht zurückkehren oder sich in einem anderen Land neu ansiedeln konnten.

Der Zustand des Friedhofs ist allerdings traurig: Grabsteine sind umgefallen, Bäume wachsen in Gräber hinein, Inschriften sind nicht mehr zu lesen. Das soll sich nun ändern. Die Gemeinde hat sich beim Denkmalschutz-Sonderprogramm des Bundes um Fördermittel beworben – und die wurden jetzt bewilligt. Knapp 47 000 Euro fließen nach Feldafing. Das sind etwa die Hälfte der veranschlagten Kosten von etwas mehr als 90 000 Euro. Feldafing wird etwa zehn Prozent davon selber tragen, der Rest kommt voraussichtlich von Stiftungen.

Seit 2020 steht der Friedhof unter Denkmalschutz, doch auch das hat nichts genutzt, um seinen schlechten Zustand zu verbessern. „Wir bemühen uns seit Jahren, waren mit der jüdischen Kultusgemeinde und dem Landesamt für Denkmalpflege in Kontakt“, berichtet Bürgermeister Bernhard Sontheim. Die Gemeinde sei immer sehr vorsichtig gewesen, und zum Teil habe es widersprüchliche Aussagen zu Renovierungsmöglichkeiten gegeben. Umso mehr freut er sich, dass jetzt etwas passiert. „Der jüdische Friedhof in Feldafing hat eine überregionale Bedeutung“, sagt Sontheim. Es sei gut und wichtig, dass nun die Initiative und das Geld da seien, um ihn instand zu setzen.

Die Initiative, sich um Fördergelder seitens des Bundes zu bemühen, hat sich aus der Arbeit für das Buch über die NS- und Nachkriegszeit in Feldafing entwickelt, das die Pöckinger Historiker Prof. Dr. Marita Krauss und Erich Kasberger derzeit schreiben. Dem jüdischen Friedhof ist darin ein eigenes Kapitel gewidmet. Im Kontakt mit dem Landesamt für Denkmalpflege habe sich herauskristallisiert, dass es Stiftungen gebe, die das Vorhaben unterstützen könnten, sagt Krauss. Zusammen mit dem Geld aus dem Denkmalschutz-Sonderprogramm von Kulturstaatsministerin Claudia Roth sei es nun möglich, den Friedhof herzurichten.

„Geplant ist, die umgefallenen Grabsteine aufzurichten, die Schriften nachzuziehen und einen neuen Zaun zu errichten“, erklärt Krauss. „Es gibt Bäume, die sprengen Gräber, diese Bäume sollen entfernt werden.“ Spezialrestauratoren für jüdische Friedhöfe kämen nach Feldafing, auch, damit alles in Absprache mit den Regeln erfolge, die die jüdische Religion für Friedhöfe vorsehe. Dafür sorgt der Friedhofsdezernent des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, Joino Pollak. Er ist in die bisherigen Planungen eingebunden, ebenso Dr. Michael Schmidt vom Landesamt für Denkmalpflege.

Nachkommen der Bewohner des DP-Lagers haben im Mai 2022 den Friedhof besucht.
Nachkommen der Bewohner des DP-Lagers haben im Mai 2022 den Friedhof besucht. Sie waren erstaunt über den Zustand des Friedhofs und konnten die Gräber ihrer Angehörigen nicht finden. © Dagmar Rutt

Der Gedenkstein am jüdischen Friedhof soll ebenfalls hergerichtet werden, wie die Historikerin sagt. „Die darauf angebrachte Metalltafel wird abgenommen und archiviert.“ Denn die Tafel aus den 1970er- oder 1980er-Jahren sei irritierend. Auf Hebräisch steht dort: „Ein Massengrab der heiligen Söhne Israels, die von den Nazis ermordet wurden. Möge ihr Name ausgelöscht werden. Im Jahr 5700 bis 5705.“ Darunter ist auf Deutsch zu lesen: „Hier ruhen unzählige Opfer jüdischen Glaubens. Sie wurden in den Jahren 1933 bis 1945 durch Nazischergen ermordet.“ Krauss verweist auf die Tatsache, dass auf diesem Friedhof nur Menschen begraben wurden, die nach Kriegsende gestorben sind. Der Gedenkstein selbst sei auf einem Foto von der offiziellen Einweihung im Jahr 1950 zu sehen, sagt die Historikerin. Auf ihm steht: „Die Friede- und Heimatlosen nun ruhen in Abrahams Schoß.“

Für Krauss ist die Erneuerung des Friedhofs erst der Anfang eines erinnerungspolitischen Gesamtkonzepts. Ein weiterer bedeutender historischer Ort in Feldafing ist das Außenlager, das sich an der damaligen Firnhaber- und heutigen Siemensstraße befand. Dort wurden zur NS-Zeit sechs Baracken für KZ-Häftlinge errichtet, die unter anderem Zwangsarbeit beim Aufbau der Reichsschule der NSDAP leisten mussten. Der dritte wichtige Ort sind die Sturmblockhäuser auf dem heutigen Bundeswehrgelände. Sie wurden für die Reichsschule errichtet. Nach dem Krieg waren sie Teil des DP-Camps. Dort gibt es unter anderem Wandmalereien aus jener Zeit.

Bürgermeister Sontheim will zunächst eines nach dem anderen angehen. „Wir machen jetzt das Buch, dann den Friedhof, dann beschäftigen wir uns mit den anderen Dingen – Schritt für Schritt.“ Wichtig sei ihm allerdings, dass die Bundeswehr endlich ihrer historischen Verantwortung gerecht werde und eine Erinnerungsstätte einrichte. „Das kann nicht nur ein kleines Museum sein, das auf Abruf zu besichtigen ist“, stellt er klar. Aktuell gibt es Räume in einem Sturmblockhaus, die auf Anfrage zugänglich sind.

Letzte Ruhestätten und einige Rätsel

Die Pöckinger Historikerin Prof. Dr. Marita Krauss hat für das Buch „Marita Krauss und Erich Kasberger, Traum und Albtraum. Feldafing und der Nationalsozialismus“ zusammen mit der Feldafinger Friedhofsreferentin Miriam Witzan sehr sorgfältig nachgeforscht. Allein im Mai 1945 sind laut den gemeindlichen Sterbelisten mindestens 63 Menschen auf dem später rein jüdischen Friedhof bestattet worden: 30 jüdische Männer und eine Frau, weitere 15 jüdische Männer, die von anderen Orten im Oberland nach Feldafing überführt wurden, dazu elf nichtjüdische Zivilarbeiter und sechs Männer, die als unbekannte Russen in einem Massengrab beigesetzt wurden.

Etliche kamen mit Typhus, Fleckfieber und offener Tuberkulose in Feldafing an, im Mai 1945 grassierte Typhus auch im soeben eingerichteten DP-Camp auf dem Gelände der ehemaligen Reichsschule der NSDAP. Anfangs wurden jüdische und nichtjüdische Tote im selben Gräberfeld des Feldafinger Friedhofs begraben, so die Historikerin. Später im Jahr 1945, als auch das DP-Camp nur noch jüdische Bewohner hatte, seien die Bereiche getrennt worden.

Zwischen 1945 und 1951 wurden laut Krauss wohl 158 Jüdinnen und Juden beigesetzt, darunter 26 unbekannte jüdische Personen und 40 Babys und Kleinkinder. Wer genau begraben wurde, ist nicht immer klar. Anhand von Fotos und Grabsteinen konnte Krauss feststellen, dass auch Personen dort liegen, deren Namen nicht auf den Gräberlisten stehen.

Der Friedhof birgt verschiedene Rätsel, etwa das des Massengrabs für sechs Russen. Trotz aller Recherchen bleibe unklar, woher sie gekommen seien, sagt Krauss. Ebenso rätselhaft sind für Krauss die beiden Grabhäuschen. In einem sei ein 1945 verstorbener Rabbi begraben. „Aber er taucht in keinem Sterbebuch der Gemeinde auf.“

Der jüdische Friedhof in Feldafing hat eine überregionale Bedeutung.

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