Früher hieß es: „Gott sei Dank, dass Ihr da seid“ – Heute sagen sie: „Wo seid ihr so lange geblieben?“

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Kein Fels ist zu steil für ihn: Das Foto zeigt Helmut Schmidt im Klettergebiet „Orpierre“ in Südfrankreich. Als wagemutig würde er sich selbst nicht bezeichnen. Aber er sei sehr viel unterwegs. „Und dann kommt man zwangsläufig in gefährliche Situationen.“ © privat

Der Heilbrunner Helmut Schmidt erinnert sich an seine Einsätze in 52 Jahren Dienst bei der Bergwacht. Für sein Engagement erhielt er jetzt eine besondere Auszeichnung.

Lenggries/Bad Heilbrunn – Wer im Internet nach „Helmut Schmidt“ sucht, der findet viele Einträge über den verstorbenen Bundeskanzler. Den Bad Heilbrunner Helmut Schmidt sucht man dagegen vergeblich. Bei Instagram taucht er nicht auf, auch sonst sei er in den sozialen Medien „sehr still unterwegs“, sagt der 69-Jährige. Dabei gäbe es über ihn viel zu erzählen. Beispielsweise, dass er sage und schreibe 52 Jahre lang bei der Lenggrieser Bergwacht gearbeitet und als Kletterer herausragende Leistungen erbracht hat. Für seine Lebensleistung erhielt er nun die Leistungsauszeichnung in Gold von Europaminister Eric Beißwenger.

Inspiriert vom bergaffinen Vater

Zum Bergsteigen sei er durch seinen „bergaffinen“ Vater gekommen, erinnert sich der Kletterexperte. Dieser sei allerdings von sieben Jahren russischer Kriegsgefangenschaft gezeichnet gewesen und habe aufgrund diverser Krankheiten keine herausfordernden Touren mit ihm unternehmen können: „Daher hat er mich in die Lenggrieser Sektion des Alpenvereins gesteckt“, sagt Schmidt: „Das Buch „Im extremen Fels“ war unsere Bibel.“ Eine Ausbildung zum Bergsteiger wie heutzutage habe es damals noch nicht gegeben: „Wir waren autodidaktisch unterwegs. Entweder du hattest was drauf – oder du hast Pech gehabt.“ Fast zeitgleich entschloss er sich, Mitglied bei der Bergwacht zu werden: „Ich habe mir gedacht: Vielleicht brauchst du bei diesen Touren auch mal jemanden, der dir hilft.“

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Schmidt hatte was drauf. Er absolvierte Klassiker wie die Laliderer Nordwände im Karwendel, den Torre Venezia und die Marmolada Südwand in den Dolomiten und die Eiger Nordwand in den Berner Alpen. In einer Seilschaft mit Hans Müller bewältigte er an einem Tag zwei Nordwände der Drei Zinnen: „In einer Seilschaft war das eine Sensation“, sagt Schmidt.

In den Bergen immer wieder Schutzengel gebraucht

Immer mal wieder mal benötigte er einen Schutzengel: „Ich war zwar nicht wagemutig unterwegs, aber viel. Und dann kommt man zwangsläufig in gefährliche Situationen.“ Beispielsweise, als er am Seekar von einer Lawine mitgerissen wurde: „Das war ein Riesenteil. Wenn ich nicht an einem Baum hängen geblieben wäre, hätte ich nicht überlebt.“ Ein weiteres Mal wurde er mitgerissen, als er am Hochmiesing am Schliersee wie oft zuvor kontrolliert eine Lawine auslösen wollte: „Ich bin staatlicher geprüfter Ski- und Bergführer, kenne mich vermeintlich gut aus – aber man sieht nie ganz genau, wo beim Schnee die Schwachstelle ist.“ Ein Absturz in der Laliderer Nordwand ging glimpflich aus, weil er angeseilt war.

Auszeichnung für die Lebensleistung: Bayerns Europaminister Eric Beißwenger (li.) und Thomas Lobensteiner (Vorsitzender der Bergwacht Bayern, re.) überreichten dem Bad Heilbrunner Helmut Schmidt in der Allerheiligen-Hofkirche in der Münchner Residenz die Leistungsauszeichnung in Gold.
Auszeichnung für die Lebensleistung: Bayerns Europaminister Eric Beißwenger (li.) und Thomas Lobensteiner (Vorsitzender der Bergwacht Bayern, re.) überreichten dem Bad Heilbrunner Helmut Schmidt in der Allerheiligen-Hofkirche in der Münchner Residenz die Leistungsauszeichnung in Gold. © Bayerische Staatskanzlei

Weniger Glück hatte er bei einem Absturz am Musterstein, bei dem er sich einen Bänderriss im Sprunggelenk zugezogen hat: „Ich hab‘ nicht die Bergwacht gerufen, bin selbst runtergegangen – leider, ich hab da heute noch Probleme.“ Die Hilfe seiner Bergwacht-Kollegen benötigte er nur ein einziges Mal, als er Ende der 1990er-Jahre beim Eisklettern in Fall acht Meter tief abstürzte, sich den Unterschenkel brach und mit dem Hubschrauber in die Klinik geflogen werden musste.

Helmut Schmidt war Ausbildungsleiter bei der Feuerwehr

An wirklich spektakuläre Einätze bei der Bergwacht kann er sich nicht erinnern, um Leben und Tod sei es nur bei den Einsätzen mit der Berufsfeuerwehr München gegangen, für die er 36 Jahre als Ausbildungsleiter der Höhenrettung tätig war. Einige Bergwacht-Einsätze bleiben ihm dennoch in Erinnerung, etwa der Großbrand am Fahrenberg: „Da war ich vier Tage unterwegs, hab‘ aufgepasst, dass die Feuerwehrleute absturzgesichert sind.“

In den all den Jahrzehnten bei der Bergwacht habe sich gesellschaftlich und ein einsatztechnisch „unglaublich viel“geändert, resümiert Schmidt: „Früher haben die Leute gesagt: „Gott sei Dank, dass Ihr da seid.“ Heute sagen sie: „Wo seid ihr so lange geblieben?“ Manche Menschen seien schockiert, wenn sie mit dem Akia abtransportiert werden – und nicht wie in Fernsehfilmen mit dem Hubschrauber: „Was man in Bergretter-Filmen sieht, ist Schwachsinn“, sagt der 69-Jährige.

„Hype“ lockt Großstädter in die Berge

„Hubschrauber-Einsätze gibt’s nur bei lebensgefährlichen Verletzungen, aber nicht bei einem verdrehten Knie.“ Immer öfter würden die Verunglückten nach einem Schuldigen suchen, „weil sich die Leute nicht eingestehen wollen, dass sie einfach zu blöd zum Skifahren waren“. Hinzu komme der „Hype“ ums Bergsteigen, der auch viele Menschen aus Großstädten in die Berge lockt: „Sie gehen zu spät los, sind schlecht vorbereitet, kommen in die Dunkelheit, verlaufen sich – lauter selbst verschuldete Einsätze.“

Doch letztlich gehe es nur darum, zu helfen: „Egal, wie, was und warum: Das ist unser Auftrag. Da gibt’s nichts zu rütteln“ Nachdem er 2015 in Ruhestand gegangenen war, arbeitete Schmidt noch acht Jahre für die Skiwacht. Im März dieses Jahres beendete er auch dort seinen Dienst. „Ich fühle mich zwar körperlich stark genug, um mitzumischen“, sagt Schmidt. „Aber meine Frau ist jetzt auch im Ruhestand. Ich möchte keine Termine und Verpflichtungen mehr haben, wir machen uns ein schönes Leben.“ Was ihn in all den Jahren angetrieben hat, immer und immer wieder zu Einsätzen auszurücken: „Ich glaube schon, dass ich eine soziale Ader habe. Ich helfe einfach gerne.“ (Patrick Staar)

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