Wer glaubt, kognitive Dissonanz sei auf die menschliche Psyche beschränkt, erlebt gerade das Gegenteil. Gemeint ist das Spannungsgefühl, wenn Überzeugungen und Verhalten frontal kollidieren – und das Gehirn versucht, den Widerspruch schönzureden.
Nehmen wir Neujahrsvorsätze: Man müsste wieder Sport machen, tatsächlich aber locken Sofa und Schokoreste der Feiertage. Ist ja auch eisig draußen. Und Kälte bekanntlich verletzungsfördernd.
Merz will Wirtschaftsfokus
Die SPD-Reaktion auf die Neujahrsvorsätze des Bundeskanzlers beweist: Kognitive Dissonanz regiert auch Deutschland. Denn kaum räumt Friedrich Merz in einem Brandbrief ein: läuft noch nicht bei uns, die Produktivität sei zu niedrig, Bürokratie- und Steuerkosten zu hoch.
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Da kommt der Kopf der SPD-Fraktion, Matthias Miersch, mit höherer Erbschaftssteuer „für große Vermögen“ und „Super-Erben“ um die Ecke. Schöngeredet wird diese intellektuelle Bequemlichkeit mit dem Bundesverfassungsgericht und dem Totschlagargument, „die Reichen“ müssten sich „mehr am Gemeinwohl“beteiligen. Noch mehr? Wer zahlt denn den Sozialstaat? Die Bedürftigen wohl eher nicht.
Fiskalische Gier
Eine Entscheidung aus Karlsruhe steht in der Tat an, da die ungleiche Besteuerung von Betriebs- und Privatvermögen im Erbfall verfassungswidrig sein könnte. Was stimmt: In Deutschland ist Vermögen nicht paritätisch verteilt. Sondern sehr ungleich: Im Westen wird zum Beispiel neunmal so viel vererbt wie im Osten.
Gerecht ist das nicht. Doch der Verdacht drängt sich auf, dass die Steuerfans nicht an mehr Gerechtigkeit interessiert sind – sondern schlicht an mehr Geld.
Deutschland behindert Vermögensaufbau
Denn das eigentliche deutsche Gerechtigkeits-Problem lautet: Sozialer Aufstieg, Vermögensaufbau und damit der Weg zum Wohlstand werden bei uns durch Überregulierung und Leistungsfeindlichkeit staatlich erschwert. Bildungsversagen wird hingenommen, Bauvorschriften machen Wohneigentum teils unbezahlbar und Selbständige werden mit Dokumentationspflichten drangsaliert.
Nichts davon wird gelöst, wenn man denen, die viel haben, mehr wegnimmt. Falls das überhaupt gelingt: Allein die Wertfeststellung für betriebliches Erbe hat kafkaeske Züge und kann Jahre dauern. Das Wort „Verschonungsbedarfsprüfung“ sagt bereits alles.
Risiko Kapitalflucht
Vor allem aber werden die „Extrem-Erben“ (SPD-Jargon) immer die Expertise haben, um neuen Belastungen zu entgehen. Kapital ist flüchtig. Wo es das nicht ist, also meist im Mittelstand, da erschweren Steuern auf Betriebsvermögen Investitionen – und damit Innovation und Wachstum.
Schweden hat vor zwanzig Jahren die Erbschaftssteuer abgeschafft. Ergebnis: Die Nachfolge von Familienunternehmen fiel leichter, Kapitalflucht ließ nach, es gab mehr Investitionen, wirtschaftliche Dynamik und Börsengänge. Laut Europäischer Investitionsbank (EIB) lag Stockholm 2025 bei „Unicorns pro Kopf“ (Start-ups im Wert von über einer Milliarde US-Dollar) weltweit an zweiter Stelle – nach dem Silicon Valley.
Und was hat Deutschland? Rekordsteuereinnahmen und Neidreflexe.
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