Die Fakten am Morgen
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Was blieb Ihnen von 2025 besonders in Erinnerung? Der deutsche Regierungswechsel, Trump oder Putin? Ist ja alles wichtig, klar. Nur, wenn ich ehrlich bin, steht auf meiner eigenen Bedeutungsliste „Oma Ilse“ ganz oben.
So hieß sie natürlich nur für unsere Kinder. Ilse war meine Schwiegermutter. Sie starb am 25. November mit 91 Jahren, so alt wie Brigitte Bardot. Die beiden Damen kannten sich nicht. Und Sie müssen keine Sorge haben, dass es jetzt zu rührselig wird. Frau Bardot vermag ich zwar nicht beurteilen, aber Ilse wäre Pathos unangenehm gewesen.
Sie war eine sehr lustige und selbstbestimmte Frau. Ich erzähle ohnehin nur deshalb von ihr, weil ich während ihres Abschieds einiges übers Land und unseren Umgang mit Pflege, Sterben und Tod gelernt habe.
Ilse verwehte - wir übernahmen ihre Pflege selbst
Das Thema ist aktuell, wenngleich es das seit Jahren ist, was ihm wiederum nicht hilft. Erst gestern warnte der GKV-Spitzenverband der Krankenkassen, dass die Pflegeversicherung nur deshalb noch nicht kollabiert sei, weil der Bund mit Darlehen von 4,2 Milliarden Euro einspringt, also wir alle. GKV-Chef Oliver Blatt warnte, dass 2026 mehreren Kassen gar die Zahlungsunfähigkeit drohe. Da geht’s allerdings um Statistiken, nicht um Menschen.
Ilse hatte noch Glück – und wir deshalb auch. Sie war nicht jahrelang dement oder von Krebs gezeichnet, wie es Millionen anderen widerfährt. Nur die letzten sechs Wochen waren von ihrer wachsenden Erschöpfung geprägt. Sie verwehte. So entschieden wir uns als Familie, ihre Pflege zu übernehmen. Bei Ilse zu Hause. 600 Kilometer von uns entfernt auf dem Land. Omas wohnen selten in der Großstadt-Nachbarschaft.
Wie Osteuropa unseren Sozialstaat rettet
Und obwohl viermal am Tag die wunderbaren Pflegerinnen einer Sozialstation aus Ilses Dorf kamen, war das ein Rund-um-die-Uhr-Job, für den in Krankenhaus oder Heim schon heute niemand Zeit hätte. Ich verstehe das sogar. Ich verstehe aber eben nun auch besser die Geschichten von anderen, die ich vorher nicht glauben konnte. Von sedierten Heimbewohnern oder Senioren, die ans Bett gefesselt werden, weil sie „unruhig“ waren.
Ich verstehe jetzt überhaupt vieles besser: Dass in unserer alternden Gesellschaft in den nächsten Jahren Hunderttausende sehr einsam sterben werden, weil sie weder Angehörige noch Geldreserven haben. Und dass auf Deutschland auch in der Pflege ein gewaltiges Kostenproblem zurollt, das bislang niemand zu lösen bereit ist.
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Legal ist eine Vollzeitbetreuung zu Hause kaum zu bezahlen. Die Pflege ist einer der größten Schwarzarbeitssektoren. Ohne Hunderttausende von Osteuropäerinnen wäre die Republik längst zusammengebrochen.
Der sonst so penible Staat guckt lieber weg, als Lösungen anzubieten, die zumindest wir bei Ilse noch allein stemmen konnten. Meine Frau und deren Schwester übernahmen die Regie. Unsere erwachsenen Kinder kamen dazu, weil sie ihre Oma oft auf dem Land besucht hatten und wussten, dass das Sterben dort noch eher zum Leben gehört. Zwei Wochen war auch ich mit eingeplant in den Schichtdienst.
Ilse wollte uns nicht zur Last fallen
Manchmal machte Ilse uns die Nacht zum Tag, weil so viele Geschichten aus ihr heraussprudelten. Kindheit, Leben, Sterben – alles verschmolz. Manchmal wedelte sie mit den Armen, als würde sie Geister vertreiben. Meist konnte man sie mit ein paar freundlichen Worten beruhigen. Irgendwer von uns war immer an ihrem Bett. Und nicht nur das dürfte als Luxus eher Glückssache sein.
Ilses Hausarzt erlaubte ihr, den Medikamenten-Cocktail abzusetzen, an den sie jahrzehntelang gewohnt war. Das tat ihr überraschend gut. Überhaupt hatte sie uns früh klargemacht, dass sie Pharmazie und Medizin nicht weiter für lebensverlängernde Experimente zur Verfügung stand.
Sie wollte uns nicht zur Last fallen. Und sie wollte sterben. Aber erklären Sie einer 91-Jährigen mal, dass das nicht im Einflussbereich der Familie liegt!
Ilses letzte Nacht war ruhig. Sie dämmerte uns einfach weg. Wir blieben zurück: traurig, müde und zugleich erleichtert, dass sie am Ende so gelöst wirkte.
Warum wir nicht nur nach dem Staat rufen sollten
Wir werden diesen Teil des Lebens alle noch erfahren – als Angehörige, als Patienten. Ich kann nur empfehlen, sich mit den Fragen drum herum frühzeitig auseinanderzusetzen. Und ich rufe da nicht allzu laut nach dem Staat. Der hat zwar bei Pflege und Krankenversicherung noch große Hausaufgaben vor sich, wenn man bedenkt, wie er zurzeit schon an der Organisation künftiger Renten scheitert.
Aber wir sind schon selbst auch ein Gutteil mit dafür verantwortlich, dass die Pflege unserer Alten und Kranken künftig in Würde geschieht, finden Sie nicht? Schreiben Sie mir über Ihre Erfahrungen mit dem Thema: t.tuma@focus-magazin.de
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