Donald Trumps neidischer Blick nach Europa

Sind Sie heute auch aufgewacht, ohne den leisesten Anflug von zivilisatorischer Auslöschung oder kulturellem Verfall? Dann geht’s Ihnen wie mir.

Zugegeben: Thomas Tuma und ich sind an dieser Stelle traditionell gut ausgelastet damit, zu kommentieren, was schon wieder / noch immer / seit Neuestem schiefläuft in Berlin / Deutschland / Europa. Doch nach einer Woche Text-Exegese von Donald Trumps neuer Marschroute – mag er Europa endgültig nicht mehr? Ist das womöglich Hilfe zur Selbsthilfe? Tough love? Steht da nicht doch noch irgendwo ein netter Halbsatz über uns? – ist es Zeit für eine Rückfrage.

Denn das Einzige, was ich mit absoluter Gewissheit über das Dokument sagen kann, ist: Es strotzt vor Selbstbewusstsein.

Kein Mangel an Problemen

Warum eigentlich? Die amerikanische Gesellschaft steckt bis zum Bauch in Schwierigkeiten.

  • Das Land hat cancel-wütige Linke, die Heidi Reichinnek wie ein FDP-Mitglied aussehen lassen und verschwörungs-verliebte Rechte, gegen die Björn Höcke ein Chorknabe ist.
  • Die Bereicherung des Trump-Clans geschieht vor aller Augen, was sie nicht zügelt, sondern eher beflügelt.
  • Die Tech-Elite hat ein Rückgrat, das so biegsam ist wie ein Ladekabel.
  • Allein im Schuljahr 2024/25 wurden, laut PEN America, fast 4000 Buchtitel aus öffentlichen Bibliotheken verbannt – darunter Anthony Burgess’ Klassiker „A Clockwork Orange“ und Jodi Picoults Bestseller „Nineteen Minutes“ über ein Schulmassaker.
  • Massaker, wohlgemerkt, die sich in tragischer Regelmäßigkeit wiederholen – sofern die jungen Menschen oder ihre Eltern nicht vorher der Opioid-Krise zum Opfer fallen.
  • Oder es hält einfach mal wieder jemand für eine tolle Idee, auf prominente Meinungsführer zu schießen.
  • Die Schuldenquote liegt derweil bei 125 Prozent des BIP (Euro-Zone: 88 Prozent).
  • Und das Haushaltsdefizit sank zuletzt nur, weil die Ausgaben des US-Bildungsministeriums um 233 Milliarden Dollar reduziert wurden – das sind 87 Prozent.

Donald Trump ist eifersüchtig

Wie das „Handelsblatt“ gerade vermutete, steckt hinter Trumps Attacke also womöglich auch einfach: Neid. Weil Medikamente bei uns günstiger sind, Europäer länger leben und mehr Jahresurlaub haben.

Ich bin ein großer Fan der amerikanischen Kultur – der Dynamik, der Innovation und der „can do“-Einstellung. Das Land hat allen Grund, selbstbewusst zu sein. Aber wir doch auch.

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Trotz aller Herausforderungen: Sozialsysteme, irreguläre Migration, Bürokratie, Trägheit, Überheblichkeit – Europa ist nicht schwach. Und muss sich von diesem US-Präsidenten ganz sicher nicht belehren lassen, was Zivilisation bedeutet.

Oder doch? Schreiben Sie mir an: feedback@focus-magazin.de.

Информация на этой странице взята из источника: https://www.focus.de/politik/briefing/donald-trumps-neidischer-blick-nach-europa_a726f73f-0d51-47a9-8a94-26e343902a15.html