Das Bank-Geheimnis von Gelsenkirchen

Es gibt ja Jobs, um die man niemanden beneidet. Berliner Polizisten in der heutigen Silvesternacht zum Beispiel. Oder Kanzler (den ganzen Rest des Jahres). Seit dieser Woche gehört auf meine persönliche Liste auch der leidgeprüfte Sparkassen-Vorstand im Gelsenkirchener Stadtteil Buer.

Bislang dachte ich ja: Das Gefährlichste, was in so einer Bankfiliale passieren kann, ist ein eingetrocknetes Stempelkissen. Inzwischen ist das Institut aber ein Tatort. Die Weltpresse ist vor Ort. Und seit Montag skandieren heterogen besetzte Sprechchöre vorm Eingang „Lasst uns rein! Lasst uns rein!“

Das gibt’s nicht so oft: empörte Ruhrgebiets-Rentner Seit‘ an Seit‘ mit überwiegend männlichen Vertretern von migrationshintergründigen Großfamilien, die keinen Spaß verstehen.

Feierten die Täter Heiligabend im Tresorraum?

Es ist ja auch ernst: Am verlängerten Weihnachtswochenende haben sich Profis mit schwerem Bohrgerät hier Zugang durch eine 45 Zentimeter dicke Tresorstahlwand zu rund 3300 Schließfächern verschafft und alles ausgeräumt.  Bisschen wie der Louvre-Raub am 19. Oktober in Paris. Nur halt Gelsenkirchen und ohne Kronjuwelen, aber mit Tchibo-Shop in der Nachbarschaft.

Ich frage mich, ob die Täter in dem Bankgebäude schon Heiligabend gefeiert haben. So mit Spekulatius und Wunderkerzen. Sie hatten ja Zeit. Immerhin soll während der Feiertage ein Brandmelder angeschlagen haben. Die Polizei zog aber offenkundig wieder schulterzuckend ab, was noch diverse juristische Nachspiele haben dürfte, wie das ganze Spektakel.

Und sicher ist auch meine Weihnachtsidee zu romantisch. Aber der Pott-Plot hat ansonsten alles, was es in unübersichtlichen Zeiten wie jetzt braucht: eine klar umrissene Tat, wahre Emotionen und echte Fakten. Zum Beispiel, dass die Depots nur mit einem Wert von 10.300 Euro versichert waren. So kommt man auch auf die erste Schadensschätzung von irgendwas über 30 Millionen Euro, was nicht reichen dürfte.

Bunkerte die Sparkasse auch Clan-Millionen?

Schon haben sich die ersten Opfer gemeldet, die angeblich „Geld und Gold im Wert von 100.000 Euro“ in ihrem Schließfach hatten, was auch das Finanzamt interessieren könnte. Man fragt sich überhaupt sehr viel jetzt: Lagen in den Boxen nur Oma Ernas Bernstein-Schmuck und das Eiserne Kreuz von Großonkel Egon? Oder hatten die Einbrecher vielleicht Hinweise auf Clan-Millionen in dieser so betont unauffälligen Sparkasse?

Der Coup von Gelsenkirchen ist wie Schwarz-Rot in Berlin: Hier wie dort fehlt es völlig an Krisenkommunikation. Auf einmal ist ein Haufen Geld weg. Der Staat ist eh an allem schuld, und „die da oben“ kriegen nix gerissen.

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  • AISSIST

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„Arschlecken“, beschimpfte eine sichtlich empörte Bürgerin die Ordnungshüter, die ihr den Zugang zur bis auf Weiteres geschlossenen Bank verwehrten. So gut gesichert wie gestern war die Sparkasse vorher jedenfalls nie.

Der ersten Polizei-Pressekonferenz fiebere ich schon jetzt mehr entgegen als der „Avatar“-Fortsetzung, die zurzeit in den Kinos läuft: Drei bis vier Kriminalbeamte werden in hornhautfarbener Zivilkleidung dann reglos an einem Resopaltisch hinter einer Thermoskanne sitzen und uns tonlos erklären, dass sich die maskierten Täter in einem Audi RS6 am Sonntagfrüh vom Tatort entfernt haben und warum die Sparkasse keine Bewegungsmelder hatte.

Der einzige Trost in dem Drama: Wir Deutschen lieben Krimis wie kaum ein anderes Volk der Erde. Jetzt haben wir endlich mal einen Live-„Tatort“ mit großem Eskapismus-Potenzial.

Wie lange wird man in der Hotline verhungern?

Es wird in den nächsten Tagen viele Investigativ-Storys darüber geben, wie schlecht deutsche Banken gesichert sind. Bärbel Bas wird als SPD-Pott-Maskottchen den Geschädigten ihr Mitgefühl aussprechen und vielleicht auch noch die internationale Hochfinanz verurteilen. Und in drei Jahren, wenn die gefassten Täter schon wieder auf freiem Fuß sind, wird Netflix den Coup verfilmen – mit Elias M‘Barek als Bandenchef in der Hauptrolle.

Die Sparkasse Gelsenkirchen-Buer hat übrigens schon eine Hotline eingerichtet. Das kennen wir alle, wenn es nach zwei Stunden in der Warteschleife heißt: „Für Fragen zu Ihrem Girokonto drücken Sie die Eins… Für Millionenverluste in Ihrem Schließfach drücken Sie die 603 218 7754 299… chrtzch …92 ghrch … achtzwölfzig …“

Информация на этой странице взята из источника: https://www.focus.de/politik/briefing/das-bank-geheimnis-von-gelsenkirchen_70398fe4-1bf8-4bba-bba9-485cb67e4179.html