Behörden lassen Flutopfer auf riesigem Schuldenberg sitzen – bis zu diesem Bericht

Am späten Abend des 14. Juli 2021 geht Melanie Kalt die längsten 20 Meter ihres Lebens. Es ist stockduster. Von unten rollt eine schwarz-braune Wasserwalze die Bungertstraße in Mayschoß hoch: Die Ahr war über die Ufer getreten und breitete sich sintflutartig aus. Kalt muss mit ihren beiden schlafenden Kindern ihre Wohnung verlassen. Den Einjährigen hält sie auf dem linken Arm, den Vierjährigen auf dem rechten. 

Die damals 30-jährige Bundespolizistin sieht ihr Auto durch die Straße schwimmen, das Wasser steht ihr hüfthoch. Nach einer gefühlten Ewigkeit ziehen Nachbarn sie ins Haus, Kalt und ihre Kinder sind in Sicherheit. Wo ihr Mann Dominik ist, ob er lebt, weiß sie in diesem Moment nicht. Der Feuerwehrmann war am frühen Abend zu seinem Elternhaus in Mayschoß-Laach gegangen, das Luftlinie vielleicht 500 Meter entfernt liegt. Am nächsten Morgen erfährt sie von einem Nachbarn, dass ihr Mann und seine Eltern die Nacht überlebt haben. Dominik Kalt hatte sich mit seiner Mutter Anette und seinem Vater Josef auf den Dachboden des Hauses an der Bundesstraße verschanzt und die ersten Dachziegel eingetreten – um im äußersten Notfall in die Weinberge flüchten zu können. 

Jahre später werden die beiden Söhne von Melanie Kalt erzählen, dass sie sich an die Nacht, als das Ahrtal zerstört wurde und 135 Menschen ihr Leben verloren, gar nicht mehr erinnern können. „Gott sei Dank“, sagt Melanie Kalt. 

30 Jahre FOCUS online - 30 Mut-Storys
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30 Jahre FOCUS online – 30 Storys, die Mut machen

FOCUS online wird 30. In den vergangenen Jahren haben unsere Redakteurinnen und Redakteure unzählige Geschichten recherchiert und erzählt. Manche davon sind ihnen ganz besonders in Erinnerung geblieben. Zum Jubiläum sind wir 30 dieser besonderen Storys noch einmal nachgegangen und zeigen, wie es damit weitergegangen ist und was uns daran Mut macht. 

Der Beginn eines Horrorfilms

Diese Episode aus der Flutnacht erzählte mir Melanie Kalt bei unserem ersten Gespräch in ihrem neuen Haus Anfang 2025. Die Bilder und die Vorstellung der dramatischen Situation sind mir bis heute nicht aus dem Kopf gegangen. Das Szenario am späten Abend des 14. Juli 2021 wirkt wie der Anfang eines Horrorfilms. 

Der Grund, warum ich Melanie und ihre Schwiegermutter im Januar 2025 besuche, führt zum Kern der Flut und ihren Folgen, mit denen sich viele Menschen an der Ahr bis heute herumzuschlagen haben.

Das Elternhaus an der Bundesstraße in Mayschoß-Laach aus dem Jahre 1804 musste nach der Hochwasserkatastrophe abgerissen werden. Die Familie kam zunächst bei Verwandten im Bergischen Land, dann in einem Ferienhaus an der Ahr unter. Im Vertrauen darauf, dass das Land Rheinland-Pfalz einen Neubau des Hauses mit Geld aus dem Wiederaufbaufonds unterstützt, bauen die Kalts ein neues Haus für die gesamte Familie nur wenige Meter vom ursprünglichen Standort entfernt. Im April 2024 ziehen sie ein.

Das Haus der Familie Kalt nach der Flut
Rotes Kreuz bedeutet Abriss: Das Haus der Familie Kalt aus dem Jahr 1804 war nach der Flut im Ahrtal nicht mehr zu retten. Melanie Kalt

„Nicht die Flut hat uns zu Opfern gemacht“

Doch im Januar 2025, dreieinhalb Jahre nach der Flut, haben die Kalts bis auf einen kleinen Abschlag noch kein Geld gesehen. Die Familie ist hochverschuldet, zwei Vollzeiteinkommen reichen nicht. Nebenbei schlägt sich Melanie Kalt mit den Behörden herum. Ihr Ehemann, der Berufsfeuerwehrmann, erkrankt psychisch und wird in eine Tagesklinik eingewiesen. Er ist über Monate hinweg arbeitsunfähig. Der Schwiegervater stirbt wenige Monate nach dem Einzug in das neue Haus. 

Die junge Familie sitzt auf einem riesigen Schuldenberg, Melanie Kalt scheint resigniert zu haben. Seit sie sich damit abgefunden habe, dass sie das Geld nicht bekommt, obwohl es ihr zustehe, gehe es ihr besser, sagte sie beim ersten Gespräch mit FOCUS online Earth. Ihre Schwiegermutter Anette formulierte es anders: „Nicht die Flut hat uns zu Opfern gemacht, sondern die Behörden.“

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Wenn die Behörde einen 200 Jahre alten Grundriss verlangt

Bei der Recherche ergab sich, dass die Investitions-und Strukturbank (ISB) des Landes Rheinland-Pfalz, die für die Auszahlung der Entschädigung an Flutopfer zuständig ist, den Fall verschleppt hat. FOCUS online Earth konnte der Staatskanzlei und der ISB nachweisen, dass der Entschädigungsantrag monatelang nicht bearbeitet wurde, Ansprechpartner nicht erreichbar waren und die Familie unzumutbare Auflagen erfüllen sollte. Besonders abstrus: Die Behörden verlangten einen Grundriss des Kellers aus dem Jahre 1804. 

Nach der Reportage von FOCUS online Earth erhielt die Familie Kalt Mitte 2025 den ihr zustehenden Anteil für den Wiederaufbau; wir berichteten darüber in einem weiteren Beitrag. 

Es stellte sich heraus, dass die Geschichte der Familie Kalt kein Einzelfall im Ahrtal ist. Bis zum vierten Gedenktag der Flut am 14. Juli 2025 waren nach Recherchen von FOCUS online Earth erst etwas mehr als zwei Milliarden Euro aus dem 15-Milliarden-Euro-Topf des Landes ausgezahlt worden. Davon flossen 145 Millionen für private Haushalte und 635 Millionen Euro für private Gebäude und 1,06 Milliarden Euro für die kommunale Infrastruktur. Im Juni 2026 läuft die Antragsfrist für die Entschädigungen ab. Hier liegt ein Hauptproblem des Wiederaufbaus im Ahrtal, wie eine Serie von FOCUS online Earth und weitere Berichte aufgedeckt haben.

In der Flutnacht steht das Haus der Familie Kalt unter Wasser
Letzter Zufluchtsort Dachboden: Dominik Kalt hatte für den äußersten Notfall sogar schon die Dachziegel eingetreten. Melanie Kalt

Die langsamen Mühlen im Ahrtal

Den Kalts geht es heute gut, wie mir Melanie Kalt am Telefon erzählt: „Wir haben unser Geld, wir können wieder ruhig in die Zukunft blicken“, sagt sie. Ihr Mann geht wieder arbeiten, die schwerste Zeit ist offenbar überstanden. Kalt ist froh, dass sie FOCUS online Earth ihre Geschichte erzählt hat: „Das war ein absoluter Segen. Ohne die Reportage würden wir heute noch vergeblich auf unser Geld warten.“ 

So wie viele andere Bewohnerinnen und Bewohner des Ahrtals auch, die seit Jahren vergeblich gegen die Mühlen der Entschädigungs-Bürokratie ankämpfen und teilweise ihre Ersparnisse auflösen mussten, um ihre Häuser zu sanieren oder wieder aufzubauen. Einige haben sich inzwischen der Initiative des Gastronomen Thorsten Rech vom „Bahnsteig 1“ in Mayschoß angeschlossen und kritisieren öffentlichkeitswirksam die Arbeit der ISB, die für die Auszahlung des Geldes zuständig ist. FOCUS online Earth berichtete im August darüber als erstes Medium

„Ich muss Ihnen da mal was erzählen“

Auch ich bin froh, die Kalts kennengelernt zu haben. Ihre Geschichte zeigte einmal mehr, dass konstruktiver, sorgfältiger und hartnäckiger Journalismus etwas bewirken kann. Die Aufdeckung der behördlichen Schlamperei war möglich, weil Betroffene nicht locker ließen und sich in einem letzten Schritt über eine engagierte Ahrtal-Kümmerin an die Presse wandten. Denn: Auf den Fall der Kalts ist FOCUS online Earth durch eine Informantin gestoßen. Sie besuchte eines Tages das Klimabüro in Bad Neuenahr-Ahrweiler, mit den Worten: „Ich muss Ihnen da mal etwas erzählen..." 

Als mich Melanie Kalt im Mai informierte, dass ihre Familie nun endlich das Geld bekommt – mehrere hunderttausend Euro –, freute mich das sehr. Gleichzeitig stellte ich mir die Frage, wie viele Menschen im Ahrtal ebenso betroffen sind wie die Kalts, sich aber nicht an die Öffentlichkeit wagen. Es sind offenbar viele.

Denn an vielen Stellen sieht es auch nach viereinhalb Jahren noch so aus, als wäre die Flut erst vor wenigen Tagen durch das Ahrtal gerauscht. Aber nach dieser langen Zeit wollen sich die Menschen nicht länger fügen, der Protest wird seit Monaten immer lauter und gipfelte zuletzt in der Pressekonferenz im September im Bahnsteig 1. Einen wichtigen Anstoß dazu hatte die Berichterstattung der Familie Kalt gegeben, sagte mir Initiator Thorsten Rech, der sich nach dem Artikel vom Januar 2025 per Mail an uns gewandt hatte. Er will weiter kämpfen, gegen die großen Mühlen im Ahrtal.