Wolfgang Groß (74) von den Ahrtalbahnfreunden kann es kaum erwarten: Die neue elektrische Ahrtalbahn steht schon seit einer Stunde am Bahnhof Dernau. Am Freitag um 12.05 Uhr soll die Sonderfahrt nach Altenahr starten. „Für uns geht ein Traum in Erfüllung“, sagt Groß, der zu dem besonderen Anlass das gelbe Vereinsshirt seines Ahrtalfreunde-Vereins trägt. Seit 1971 arbeitete er in verschiedenen Funktionen für die Deutsche Bahn, er sei ein „Eisenbahner aus Leidenschaft“.
Plötzlich geht jedoch alles ganz schnell: Die Ahrtalbahn ist überpünktlich. Groß und seine Freunde vom Ahrtalbahn-Verein Edgar Steinborn und Ulrich Stumm, ebenfalls im Vereinstrikot, steigen gerade noch rechtzeitig ein, um einen Sitzplatz zu bekommen. Surrend, nicht pfeifend wie die alten Dieselloks setzt sich um 11.50 Uhr der Sonderzug nach Altenahr in Bewegung, die zahlreichen Gäste aus Politik, Wirtschaft, Tourismus und natürlich der Deutschen Bahn klatschen. „Merken Sie, was das für eine Übersetzung ist?“, fragt Wolfgang Groß mit leuchtenden Augen, während der Zug vorbei an Rech und Mayschoß bis nach Altenahr fährt. „Das ist doch ein ganz anderes Fahrgefühl in einer elektrischen Bahn.“
Zerfetzt wie Basteldraht
Rech, Mayschoß, Altenahr: Viereinhalb Jahre lang standen diese Orte vor allem für die katastrophale Zerstörung der Flut vom 14. auf den 15. Juli 2021. „Zerfetzt“ hatte die Flut die Gleise, die Brücken, die Tunnel, sagt Landrätin Cornelia Weigand am Freitag: „Wie Basteldraht, den jemand mit der Hand gebogen hat, hingen die zerstörten Gleise in der Luft.“
Jetzt, nach einer Rekordzeit von genau zwei Jahren und drei Monaten, ist alles brandneu: 19 Bahnübergänge und neun Weichen wurden neu gebaut, zehn Bahnhöfe und Haltepunkte saniert, fünf Tunnel saniert und für die Elektrifizierung erweitert, 15 Brücken neu gebaut, sieben Brücken saniert – all das für die neue 29 Kilometer lange Bahn. 590 Millionen Euro kostete der Wiederaufbau der Strecke, der eigentlich in weiten Teilen ein Neubau ist. 90 Prozent der Summe übernimmt der Bund, zehn Prozent das Land, sagte Verkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) am Freitag.
Alles, was er sich in seinen „kühnsten Träumen gewünscht hatte“, sagt Wolfgang Groß, sei erfüllt worden: Der „Clou“ sei die Elektrifizierung, mit der die Bahn ein Zeichen für die Energie- und Mobilitätswende und für den Klimaschutz setze. Die Bahnsteige sind barrierefrei, es gibt ein neues Zentralstellwerk in Ahrweiler, und künftig werde die Bahn sogar im 20-Minuten-Takt durch das Ahrtal düsen. Aktuell läuft wegen technischer Nachbesserungen in Heimersheim noch ein 30-Minuten-Takt.
„Ein Zufall. Die haben 24/7 reingeklotzt“
Dass sie die Strecke in so kurzer Zeit und mit allen modernsten Neuerungen gebaut haben, schien die Verantwortlichen selbst zu überraschen. Ein Grund dafür war, dass sich die Bahn nicht an Planfeststellungsverfahren halten musste, sondern mit dem Spatenstich am 12. September 2023 loslegen konnte.
Im Allgemeinen Eisenbahngesetz (AEG) ist festgelegt, dass beim Wiederaufbau nach Naturkatastrophen in der Regel keine Planfeststellung nötig ist, eine Änderung des Gesetzes im Jahr 2020 verschaffte zusätzlichen Spielraum. „Ein Zufall. Die haben 24/7 reingeklotzt“, sagt Groß. „Ich bin ein großer Kritiker der Bahn, aber hier hat sie Großartiges geleistet.“
Zielgruppe Ruhrgebiet
Dieses „Ausnahmetempo der Deutschen Bahn im Ahrtal wird für Deutschland das Normaltempo“, versprach Schnieder. „Wir werden die Planung und Genehmigungen für Deutschland beschleunigen.“ Auch Bahnchefin Evelyn Palla versprach, dass von der Ahrtalbahn „ein Zeichen für Deutschland ausgehen“ werde. „Das Leid, was im Juli 2021 über diese Region hereingebrochen ist, ist unbeschreiblich“, sagt Palla, selbst erst seit Oktober im Amt. „Aber mit dieser Kraft, mit der wir hier gearbeitet haben, können wir mehr erreichen, nicht nur für das Ahrtal, sondern für ganz Deutschland.“
„Das hilft uns allen sehr“, sagt Christian Lindner vom Ahrtal Tourismusverein. „Zuletzt war es durch die vielen Baustellen doch oft sehr mühsam, von einem Ort zum anderen zu kommen.“ Jetzt sei es vor allem auch für die Touristen einfacher, sich mal eben in den Zug in Walporzheim zu setzen und durch das Ahrtal zu fahren. „Wir sind eine Weinregion, da ist ja klar, dass die Touristen das ein oder andere Glas trinken möchten, ohne sich Gedanken machen zu müssen, wie sie nach Hause kommen.“
Für den Tourismus werde die Bahn einen „enormen Schub geben“, sagt auch Tourismus-Chef Andreas Lambeck. Mit der Bahn erweitere das Ahrtal seinen Einzugskreis auf 20 Millionen Menschen. Das Ziel: Auch Menschen aus dem Ruhrgebiet sollen schnell in die Region kommen können.
FOCUS online Earth widmet sich der Klimakrise und ihrer Bewältigung.
Faktenzentriert. Fundiert. Konstruktiv. Jeden Freitag als Newsletter.