Jetzt fürchten sogar Geheimdienste den Kipppunkt von Europas Wärmepumpe

Was, wenn der Klimawandel Europa langfristig nicht wärmer macht – sondern die Temperaturen in wenigen Jahrzehnten drastisch einbrechen? Wenn Winter härter, Stürme stärker und die Versorgung mit Nahrung und Energie massiv gestört wäre? Genau dieses Szenario rückt inzwischen in den Fokus von Wissenschaft und Politik.

Wenn Europas Wärmepumpe wankt

Grund dafür ist die Atlantische Umwälzströmung (Amoc), ein riesiges System von Meeresströmungen. Die Amoc transportiert warmes Wasser aus den Tropen in den Nordatlantik, wo das Wasser abkühlt, nach unten sinkt und wieder zurückströmt.

Dieses „Förderband“ hält Europas Klima mild und reguliert zugleich das globale Klimasystem. Schwächelt die Amoc – einer der wichtigsten Klima-Kipppunkte – gerät nicht nur Europa aus dem Gleichgewicht, sondern auch Niederschläge, Temperaturen und die CO2-Speicherung weltweit.

Der Unterschied zu früher: Die Amoc ist längst kein abstraktes Klimamodell mehr. Neue Studien zeigen die möglichen Risiken so deutlich, dass inzwischen sogar Staaten und Geheimdienste den möglichen Kollaps auf ihre Agenda gesetzt haben.

Was hinter dem Amoc-Kipppunkt steckt

Die Amoc ist ein stabiles, aber empfindliches System. Klimawandel und der Zufluss von abgeschmolzenem Süßwasser aus Grönland stören das Salz- und Temperaturgleichgewicht im Nordatlantik, wodurch das Absinken von Wasser – der zentrale Motor der Strömung – gebremst wird. Satellitendaten zeigen bereits eine spürbare Abschwächung.

Die Amoc habe einen Kipppunkt, ab dem sie versiegt, wenn der Nordatlantik mit Süßwasser verdünnt wird, erklärte Stefan Rahmstorf, Klimatologe am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, letzte Woche in dem sozialen Netzwerk Linkedin. Dadurch verringern sich Salzgehalt und Dichte, und die Strömung kann abrupt stoppen. Auch René van Westen von der Universität Utrecht betont, dass die Strömung sich dem „Kipppunkt des Klimawandels“ nähert, wie er bereits vor einem Jahr dem CNN erklärte.

Modellrechnungen zeigen, dass ein vollständiger Zusammenbruch weiterhin ein Extremereignis bleibt, inzwischen aber als realistisch gilt. Die Eintrittswahrscheinlichkeit hängt dabei entscheidend von der Menge der zukünftig ausgestoßenen CO2-Emissionen ab.

AMOC-Szenarien könnten Europas Klima drastisch verändern
AMOC-Szenarien könnten Europas Klima drastisch verändern Getty Images

Die möglichen Folgen eines Amoc-Kollapses sind gravierend:

  • Temperatursturz in Europa: Durchschnittlich 10 Grad Celsius kälter, regional bis zu 30 Grad.
  • Extremwetter: Stärkere Stürme, höhere Niederschläge, verstärkte Sturmfluten.
  • Landwirtschaft & Energie: Verschobene Vegetationsperioden, veränderte Winterlasten, kaum Anpassungsmöglichkeiten.
  • Globale Effekte: Verschiebung von Monsunmustern, Auswirkungen auf Afrika, Indien und Südamerika; Rückkopplungen auf andere Klimasysteme.

Die Forschung macht klar: Die Amoc ist kein fernes Risiko mehr. Ein möglicher Kollaps hätte drastische globale Folgen, und die Zeit für vorbeugende Maßnahmen ist begrenzt.

Sogar Staaten und Geheimdienste alarmiert

Die drohende Instabilität der Amoc ist längst kein rein wissenschaftliches Thema mehr. Verschiedene Staaten und Institutionen haben das Risiko auf ihre Sicherheitsagenda gesetzt und erste Maßnahmen eingeleitet.

  • Deutschland: Der Bundesnachrichtendienst und weitere wissenschaftliche Institute waren 2025 an der nationalen interdisziplinären Klimarisikoanalyse (NiKE) beteiligt. Der Bericht behandelt Klimarisiken als sicherheitspolitisches Thema, bewertet mögliche Auswirkungen auf Energieversorgung, Infrastruktur und gesellschaftliche Stabilität und unterstützt Politik und Verwaltung, auf seltene, aber gravierende Ereignisse vorbereitet zu sein. Eine explizite Warnung vor einem Amoc-Zusammenbruch ist zwar nicht dokumentiert, die Amoc wird allerdings als mögliches Kippelement im Rahmen der Risiken berücksichtigt.
  • Vereinigtes Königreich: Großbritannien hat ein umgerechnet rund 93 Millionen Euro schweres Forschungsprogramm gestartet, um ein Frühwarn- und Vorhersagesystem für Klima-Kipppunkte zu entwickeln. Dieses Programm berücksichtigt auch ozeanische Strömungen wie die Amoc, mit dem Ziel, die nationale Resilienz gegenüber abrupten Klimaveränderungen zu erhöhen – insbesondere in Landwirtschaft, Energieversorgung und Küstenmanagement.
  • Island: Die isländische Regierung stuft eine mögliche Amoc-Instabilität offiziell als nationale Sicherheitsbedrohung ein. Der Klimawandel und ein Zusammenbruch der Strömung gelten als existenzielle Gefahr, die höchste Aufmerksamkeit aller Ministerien erfordere. Island arbeitet an Strategien für Worst-Case-Szenarien, etwa für Energieversorgung, Infrastruktur und Ernährungssicherheit.
  • Europäische Union: Die EU-Weltraumbehörde ESA plant die sogenannte Next Generation Gravity Mission, die Veränderungen von Ozeanzirkulationen messen soll. Dabei könnten auch Aspekte der Amoc erfasst werden. Eine dedizierte Satellitenmission ausschließlich zur Überwachung der Amoc ist bislang nicht beschlossen, die geplanten Messungen dienen der allgemeinen Erforschung von Kippelementen im Klimasystem.

Die Amoc ist kein utopisches Szenario mehr – ihr möglicher Kollaps könnte Europa innerhalb weniger Jahrzehnte drastisch abkühlen, Extreme wie Stürme und Überschwemmungen verstärken und globale Klimasysteme durcheinanderbringen. Frühwarnsysteme und nationale Strategien zeigen, dass Staaten das Risiko ernst nehmen, doch die entscheidende Stellschraube bleibt die Reduktion von Treibhausgasen.

Die Amoc ist damit ein Symbol dafür, dass Klimaschutz nicht nur Umweltpolitik ist, sondern auch eine Frage der globalen Sicherheit.