„Kinder haben mit den Gästen schwimmen gelernt“: Traditionsreicher Hof in Oberbayern bietet Ferien mit Familienanschluss

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Drei Generationen unter einem Dach: (v. li.) Anna (77), Veronika (13), Martha (47), Katharina (11) und Sepp Orterer (53) leben auf dem Langerbauernhof. © Arndt Pröhl

Der Langerbauernhof von Familie Orterer in der Jachenau hat eine lange Geschichte. Auf der dazugehörigen Staffelalm finden Kunstfreunde einen besonderen Schatz.

Jachenau – Gastlichkeit hat im Tölzer Land Tradition. Es gibt viele Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen, die über Generationen hinweg in Familienhand sind. Über die Jahrzehnte hat sich vieles verändert: Aus einfachen Herbergen wurden oft komfortable Feriendomizile. Die Serie „Gastgeber mit Geschichte“ beleuchtet Beherbergungsbetriebe im Wandel der Zeit. Heute: der Langerbauernhof in Jachenau.

Zum Langerbauernhof der Familie Orterer geht es über eine Abzweigung von der Staatsstraße beim Jachenauer Dorfladen einen guten Kilometer eine Anhöhe hinauf. So ruhig und abgeschieden der Hof auch liegt, so weit ist der Blick von oben und so weltoffen und lebhaft geht es dort zu. „Mich hat es nie weggezogen“, sagt Anna Orterer. „Die Gäste sind immer zu uns gekommen – und jeder hatte was zu erzählen.“

Langerbauernhof in Jachenau hat lange Tradition

Wer Urlaub auf dem Langerbauernhof macht, der ist mittendrin in einem Stück Geschichte. Denn hier, im Ortsteil Berg, befindet sich mit dem Krinnerhof das älteste historisch belegte Anwesen der Jachenau mit Ursprung im 12. Jahrhundert. Aus dessen Dreiteilung entstanden 1451 die bis heute bestehenden Höfe Krinner-, Cölestin- und Langerbauer. Letzterer ist seit jener Zeit ununterbrochen in Familienbesitz. Kaspar Orterer errichtete den Hof, wie er heute dasteht, 1858. Zehn Jahre später baute er auch Staffelalm, berühmt durch ihre Wandmalereien von Franz Marc. Aktuell führt mit Sepp und Martha die achte Generation mit dem Namen Orterer den Langerbauernhof.

Wunderbarer Ausblick: Vom Pool im Garten der Familie Orterer im Ortsteil Berg bietet sich ein einmaliges Panorama.
Auf der Höhe: Vom Pool im Garten der Familie Orterer im Ortsteil Berg bietet sich ein einmaliges Panorama. © Arndt Pröhl

Dazu gehört – mittlerweile in der vierten Generation – die Unterbringung von Feriengästen. Die Großmutter ihres 2011 verstorbenem Mannes habe damit angefangen, berichtet Anna Orterer (77). „Damals gab es noch kein fließendes Wasser auf den Zimmern, dort standen nur Krüge und Waschschüsseln.“ Alle Gäste teilten sich eine Toilette im Parterre.

Übernachtung kostete 7,50 Mark

Die aus Lenggries stammende Anna heiratete 1970 auf den Langerbauernhof. Als die Orterers einige Jahre den zweiten Stock des Hofgebäudes ausbauten, „waren wir ziemlich die ersten, die Zimmer mit Dusche und WC hatten“, erinnert sie sich. Eine Übernachtung mit Frühstück kostete 7,50 Mark.

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Die Gäste bekamen Urlaub mit Familienanschluss. Ihre Bedürfnisse hatten Vorrang. „Wenn jahrelange Stammgäste gekommen sind, dann mussten wir aus unserem Zimmer rausgehen“, berichtet Anna. „Da hatte ich schon zwei Kinder.“ Ihre Kleidung habe sie im Schrank stets so gestapelt aufbewahrt, dass sie den ganzen Packen leicht nehmen und damit ein Stockwerk höher ziehen konnte. An Weihnachten musste die Stube spätestens am 2. Feiertag wieder aufgeräumt sein. Denn dann wollten die Gäste hier ihr Frühstück einnehmen. „Und mein Mann hat oft zu den Kindern gesagt: Seid‘s staad, haut‘s die Tür nicht so zu, es sind Gäste da.“

Jachenauer besuchen ihre Gäste in den USA

Doch das enge Zusammenleben mit den Auswärtigen hatte auch schöne Seiten. „Ich möchte die Zeit nicht missen“, sagt Anna Orterer. „Meine Kinder haben alle bei den Gästen schwimmen gelernt.“ Sie wurden auf Ausflüge mitgenommen und spielten mit den Kindern der Urlauber Fußball. Sepp Orterer erinnert sich, dass dabei auch Hansjörg Schneider mitkickte, ein Zweitliga-Profi von Fortuna Köln. „Der hat solche Waden gehabt!“ Schneider habe auch beim Heuen mitgeholfen. „Wie der die Gabel gepackt hat, war phänomenal.“ Der Kontakt besteht bis heute.

Steckbrief

Gründungsjahr: Beginn der Gästebeherbergung vor über 100 Jahren – genaues Datum nicht mehr ermittelbar

Wievielte Generation: Vierte Generation

Anzahl der Ferienwohnungen: Drei Ferienwohnungen und ein Gästezimmer

Mit Gastronomie: Gastronomisches Angebot auf der hofeigenen Staffelalm am Rabenkopf

Bekanntester Gast: Helmut Schleich

Besonderheit des Hauses: Auffahrten zur Staffelalm mit dem Thema Franz Marc und eigene Hofkäserei

Durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Gäste: 6,5 Tage

„Es sind viele schöne Freundschaften entstanden“, bestätigt Martha Orterer. Im Lauf der Jahre brach die Jachenauer Familie auch zu Gegenbesuchen auf – zweimal bis nach Oregon in den USA.

Urlauberin aus Wuppertal weint vor Heimweh

Vieles hat sich geändert auf dem Langerbauernhof. Mitte der 1990er-Jahre stieg man von Gästezimmern auf Ferienwohnungen um. „Die Gäste wollten mehr Platz“, sagt Sepp Orterer. „Sogar Ehepaare sagen, dass sie getrennte Schlafzimmer brauchen, weil die Schlafgeräusche ihrer Partner keinen erholsamen Urlaub erlauben.“ Jede Ferienwohnung habe heute zudem zwei Bäder. „Wir investieren jedes Jahr in die Qualität“, sagt Martha Orterer.

Bett mit Ausblick: Familie Orterer investiert regelmäßig in die Ausstattung des Hauses – hier die Ferienwohnung „Karwendelblick“.
Bett mit Ausblick: Familie Orterer investiert regelmäßig in die Qualität ihrer Ferienwohnungen. © Familie Orterer

Die Wohnbereiche der Familie und die Ferienwohnungen sind heutzutage voneinander getrennt. „Es gibt Gäste, die sieht man nach der Ankunft die ganze Woche nicht mehr“, sagt Sepp Orterer. Neben den Buchungen von Stammgästen sowie mittlerweile deren Kindern und Enkeln spielt längst die Reservierung übers Internet eine entscheidende Rolle. Und die Gäste bleiben kürzer – im Schnitt immerhin noch sechseinhalb Tage, manchmal aber auch nur spontan übers Wochenende. Aus früherer Zeit erinnert sich Anna Orterer an eine Familie aus Wuppertal, die sich für sechs Wochen einquartierte. „Und einmal saß die Mutter im Zimmer und hat geweint, weil sie solches Heimweh hatte.“

Nach Stallarbeit das Frühstück gemacht

Für Anna Orterer bedeutete Fremdenverkehr viel Arbeit neben dem Hof und der Erziehung ihrer fünf Kinder. Da ging es in aller Frühe in den Stall, dann wurden die Kinder für die Schule fertig gemacht, anschließend richtete sie das Frühstück für die Gäste und machte täglich deren Zimmer sauber.

Die nächste Generation geht andere Wege. „Die Landwirtschaft haben wir reduziert“, sagt Sepp Orterer. „Wir haben keine Milchviehhaltung mehr, sondern betreiben nur noch extensive Weidehaltung.“ Auf dem Hof arbeitet seit Kurzem eine Auszubildende, die ein duales Studium absolviert, auch bei der Reinigung der Ferienwohnungen hilft eine Mitarbeiterin. Martha Orterer arbeitet in Teilzeit als Juristin in einer Münchner Brauerei. „Wir haben uns den Betrieb so eingerichtet, dass wir auch selber ein bisserl wegfahren können“, sagt Sepp Orterer. „Die Kinder sollen sehen, dass es attraktiv ist, so wie wir es machen. Denn es soll ja in Zukunft weitergehen.“ (ast)

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