Häufige Kopfschmerzen, Unkonzentriertheit und das permanente Gefühl, nie ganz bei der Sache sein: Schüler Nino erkennt bereits mit 16 Jahren, dass ihm sein Smartphone mehr schadet als nutzt. „Es ist eine richtige Sucht, die uns alle betrifft. Das muss man sich erst einmal eingestehen“, erzählt der Kasseler. „Das habe ich selbst erst so wirklich gemerkt, als ich versucht habe, die Nutzung bewusst einzuschränken.“
Dem Zehntklässler gelingt es in dieser Zeit nur selten, die fünf Stunden tägliche Bildschirmzeit zu reduzieren. „Ich ertappte mich selbst immer wieder dabei, dass ich beim Warten auf den Bus oder auch während ich mit Freunden zusammen war, doch wieder durch Social Media scrollte oder meine Nachrichten gecheckt habe. Obwohl ich das eigentlich gar nicht wollte.“
Seine Versuche, das Smartphone in einen anderen Raum zu legen, führen ebenfalls nicht zu langfristigem Erfolg. „Dabei merkte ich deutlich: Das Smartphone tat mir nicht gut, führte zu einer ständigen inneren Unruhe und raubte mir Zeit, für die Dinge, die mir wirklich wichtig sind – meine Hobbys und meine Freunde.“
Tastenhandy statt Smartphone
So trifft Nino Anfang 2025 einen radikalen Entschluss: Er verbannt sein Smartphone dauerhaft in die Schublade und kauft sich für 15 Euro ein Tastenhandy auf Ebay. „Die Entscheidung ist mir anfangs überhaupt nicht leichtgefallen“, erinnert sich der 16-Jährige. „Man hat so viele Ausreden vor sich selbst, warum das jetzt doch nicht geht. Sei es wegen der Abfahrzeiten des Busses oder kurzfristiger Absprachen mit Freunden. Doch ich habe es irgendwann trotzdem einfach gemacht. Und bis heute nicht bereut.“
Erfolgreiche Neujahrsvorsätze
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Denn was Nino gewinnt, ist wertvolle Zeit und ein Leben im Hier und Jetzt. „Mir ist in den ersten Wochen ohne Smartphone erst so wirklich aufgefallen, wie irre es ist, dass wir während wir mit Freunden zusammen sind, dennoch am Smartphone hängen. Wir greifen mitten in Unterhaltungen zum Handy, um zu checken, ob wir eine neue Nachricht haben oder ob jemand auf unseren Post reagiert hat. Wir unterhalten uns über das Smartphone permanent mit Leuten überall auf der Welt – während wir unseren engsten Freunden gegenübersitzen und diese nicht einmal anschauen. All das wurde mir plötzlich immer bewusster.“
Denn Ninos Freunde und auch die meisten anderen Menschen in seinem Umfeld verbringen weiterhin viel Zeit am Bildschirm. „Wir alle verpassen so viel dadurch, nehmen unsere Umwelt kaum noch richtig wahr.“
„Es war sehr ungewohnt, einfach nichts zu machen“
Doch es gibt am Anfang auch die Momente, in denen Nino sein Smartphone vermisst: „Beim Warten auf den Bus oder auf die Bahn war es sehr ungewohnt, einfach nichts zu machen“, erinnert er sich. „Es kommt einem wie sinnlose Langeweile vor. Wir sind es so gewöhnt, dass unser Kopf nie die Zeit hat, mal kurz runterzukommen oder über Dinge, die in unserem eigenen Leben passieren, nachzudenken. Unser Gehirn wird stattdessen permanent mit überflüssigen Informationen zugeschüttet.“
Mehr Aufmerksamkeit, mehr Zeit
Nach etwa zwei Wochen hat Nino sich an das Leben „im Off“ gewöhnt. Und auch innerlich wird er langsam ruhiger und entspannter. „Es fiel so viel von mir ab, seit ich nicht mehr den permanenten Drang verspürte, auf mein Smartphone zu schauen“, erzählt er. „Mittlerweile sind sogar schon 20 Minuten für mich eine wertvolle Zeit. Ich kann sie dafür nutzen, um noch ein Video zu schneiden oder an meiner Musik zu arbeiten. Früher hätte ich diese 20 Minuten einfach sinnlos weggescrollt.“
Nino ist außerdem viel geduldiger geworden und kann sich auf einzelne Gespräche oder Situationen besser fokussieren. „Mit Smartphone hat man immer den unterbewussten Gedanken: Wenn das jetzt nicht spannend genug ist, hole ich mein Smartphone raus“, erzählt er nachdenklich. „Und wenn man den Anspruch hat, dass jedes Gespräch und alles, was man sieht und hört, so krass sein muss wie die ganzen Videos auf Social Media, dann ist es kein Wunder, dass wir dauernd auf den Bildschirm starren.“
Am Laptop mit der Welt verbunden
Einen Instagram-Account hat der 16-Jährige trotzdem noch. „Ich nutze diesen vor allem, weil ich selbst Musik mache, die ich auf meinem Kanal vorstelle“, erzählt Nino. „Vor wenigen Monaten erschien mein Song ,Tastenhandy‘, mit dem ich vielleicht auch andere Leute dazu inspiriere, auf ein analoges Handy umzusteigen.“
Online geht Nino nur von zu Hause aus über den Laptop, wenn er etwas posten möchte. „Sobald ich dann merke, dass ich doch wieder durchscrolle, beende ich das ganz schnell. Am Laptop ist das schon noch etwas anderes, es ist irgendwie offizieller, nicht so automatisch und nebenbei wie am Smartphone.“
„Habe eine ganz andere Sicht aufs Leben bekommen“
Wenn Nino unterwegs mal eine Busverbindung braucht, spricht er mittlerweile einfach jemanden an. „So habe ich gelernt, aus seiner Komfortzone rauszukommen und auf fremde Menschen zuzugehen. Auch das zeigt für mich: Man gewinnt eindeutig mehr als man verliert.“ Und wenn da mal niemand ist, ruft er einfach einen Freund an und fragt, ob der ihm schnell eine Busverbindung raussucht. „Das ist alles kein großes Ding und sollte nie der Grund sein, an seinem Smartphone festzuhalten, wenn es einem ansonsten nicht guttut.“
Nino jedenfalls ist rundum glücklich mit seiner Entscheidung. „Ich habe heute eine ganz andere Sicht aufs Leben bekommen und genieße den Moment bewusster“, so der 16-Jährige. „Wenn man ein Smartphone hat, ist Zeit wenig wert.“