Suchtberaterin Jenny war schwer alkoholsüchtig – so wurde sie trocken

Familie, Haus, interessanter Job – von außen sieht das Leben von Jenny toll aus. Und die Nachbarinnen und die Freundinnen, die trinken schließlich auch ganz gern mal einen über den Durst... Jenny muss erst mehrfach einen kompletten Filmriss haben, plus das Gefühl, ihrer Rolle als Mutter nicht mehr gerecht zu werden, um vor sechs Jahren diesen Entschluss zu fassen: Nie wieder auch nur einen einzigen Schluck Alkohol!

FOCUS online: Frau Guttmann, bei Instagram gehen Sie sehr offen mit Ihrer jahrelangen Alkoholabhängigkeit um. Inklusive Vorher-Nachher-Bilder – vor dem Rausch und danach – und dem Eingeständnis, oft mental abwesend gewesen zu sein, wenn Sie Dinge mit den Kindern getan haben: auf den Spielplatz gehen, sie zum Sport bringen, mit ihnen basteln etwa. Sie seien dann oft nur körperlich anwesend gewesen, sagen Sie. Und dass Sie oft froh waren, wenn die Mädchen abends endlich im Bett waren. Was treibt Sie zu diesen sehr persönlichen Einblicken?

Jenny Guttmann: Ich möchte Menschen erreichen, denen es ähnlich geht wie mir damals. Im Idealfall gelingt es mir dann, das Thema zu drehen. Weg vom Alkohol – das setzen viele bisher mit Verzicht gleich. Mehr sogar, mit Quälerei. Das Anonyme-Alkoholiker-Klischee spielt da ganz sicher mit rein. Sie wissen schon, alte Männer im Stuhlkreis. Reduziert auf die Abhängigkeit und den damit verbundenen Kampf, die Entbehrung. Das ist Bullshit.

Welches Bild bevorzugen Sie?

Guttmann: Das Bild vom geilen Leben. Ich habe vor sechs Jahren meinen letzten Schluck Bier getrunken und genau dieses Leben bekommen. Die Wahrheit ist: Nur ohne Alkohol kann ich frei sein, kann ich tun, was ich möchte. Mit einer Droge, die auf jede Phase des Nervensystems einwirkt, kann ich das nicht. Hier brauchen wir einen Switch, glaube ich. Mit der richtigen Einstellung ist Abstinenz keine Quälerei! Und für mich fängt die richtige Einstellung mit dem Hinterfragen der Bilder an, die uns die Gesellschaft liefert.

An was für Bilder denken Sie neben dem gerade beschriebenen Stuhlkreis noch?

Guttmann: Nun, das gute Glas gehört landauf, landab weiterhin dazu. Ob beim Sport, auf der Kirmes, beim Geburtstag – überall wird getrunken. Mütter und Väter wissen: Das gilt auch für Kita- und Schulfeste. Der Konsum wird schlicht als normal angesehen. 

Wer nicht konsumiert, muss sich dagegen auch im Jahr 2026 noch irgendwie rechtfertigen. Das muss aufhören. Machen wir uns klar: Alkohol ist und bleibt ein Zellgift. Ob teuer verpackt in einer hübschen Flasche aus Frankreich, die 200 Euro kostet, oder als Billigfusel vom Discounter. Wissen Sie, was das Tückische ist, gerade für Frauen wie mich damals.

Erzählen Sie.

Guttmann: Ich habe stets gesellschaftsfähig getrunken. Ich trank zum Beispiel nicht morgens und auch nicht täglich. In meinen Hochzeiten habe ich zwei bis vier Mal pro Woche Alkohol konsumiert. Will sagen: Die Droge hatte mit meinem Alltag nichts zu tun. Es gab nicht das Glas oder die Flasche, die ständig nirgendwo griffbereit rumstand. Es gab auch nicht das abendliche Glas Wein zum Essen. Für mich wären all das Indizien für eine Sucht gewesen. Auf mich trafen diese Punkte nicht zu – also war ich auch nicht süchtig. Dachte ich.

Über Jenny Guttmann

Jenny Guttmann, 48, ist Sozialpädagogin. Sie war rund zehn Jahre in der Suchtberatung tätig und arbeitet aktuell als Schulsozialarbeiterin. Daneben ist sie freiberuflich als Dozentin und Coach tätig und spricht auf ihrem Intagramprofil @soberqueen.de offen über Abstinenz. 

Wie konnten Sie in so einem Zustand als Mutter für Ihre Kinder sorgen?

Guttmann: Die beiden Väter meiner Kinder waren Gott sei Dank immer in der Lage, mit den Kindern aufzustehen. Später, als ich dann alleine mit den dreien war, bin ich vorzugsweise an den Wochenenden los – da waren die Kids bei ihren Papas. 

Die Zeit nach der Trennung von meinem zweiten Partner war besonders hart. Wie schon bei meinem ersten Mann waren wir einvernehmlich auseinandergegangen. Keine Dramen oder sowas. Und doch: Ich war jetzt eine alleinerziehende Mutter dreier Töchter und komplett überfordert mit der Situation. 

Ich konnte mir beispielsweise das Haus alleine nicht leisten, musste mir eine neue Bleibe suchen. Wenn ich in dieser Zeit abends zu einer Freundin gegangen bin und wir das erste Bier aufmachten, war das ein totales Befreiungsgefühl. Da waren all meine Probleme mit einem Schlag ganz weit weg.

Haben Sie als Suchtberaterin nicht bemerkt, dass Sie körperlich abhängig waren?

Guttmann: Das war ich nicht, behaupte ich mal. Ich hatte keine körperlichen Entzugserscheinungen, nicht das klassische Händezittern etwa, das weggeht, wenn man Alkohol trinkt. Psychisch abhängig war ich aber auf jeden Fall, und zwar heftigst. Ein besonderes Merkmal der psychischen Abhängigkeit ist der Kontrollverlust. Ich sagte ja eben, ich habe nicht jeden Abend etwas getrunken. Aber wenn ich getrunken habe, dann immer mehr als vorgenommen. 

Es gab Trinkregeln, die ich mir aufgestellt habe. Zum Beispiel: Ich trinke nach jedem Bier etwas Alkoholfreies. Oder: Ich trinke nur drei Bier am Abend. Oder, oder, oder. Das hat letztlich alles nicht geklappt, zumindest nicht auf Dauer. 

Wie haben Sie die Kurve gekriegt?

Guttmann: Ein Schlüsselmoment war dieser Herbstmorgen vor sechs Jahren, nach inzwischen bestimmt zehn Jahren Alkoholabhängigkeit. Seit einiger Zeit hatte ich eine neue Beziehung. Eine sehr toxische Beziehung, die mich in eine Art On-Off-Schleife rutschen ließ. Ich wusste: Ich muss weg von diesem Typen. Aber ich schaffte es nicht. Ich erinnere noch genau, wie ich im Bett liege. Die Kinder, damals 13, zehn und fünf Jahre alt, hämmern an meine Schlafzimmertür: „Mama, warum hast du abgeschlossen?“ „Dürfen wir fernsehen?“ „Mach doch mal auf“. 

Ich bekomme die Augen kaum auf. Mir platzt der Schädel. Ich schaue nach rechts, nicht schon wieder. Da liegt er, der Typ. Dabei wollte ich das doch nicht mehr. Ich weiß nicht, wie wir den Abend verbracht haben, ob wir Sex hatten. Ich ekele mich. Und dann erkenne ich etwas Entscheidendes: Ich werde nicht von diesem Typen wegkommen, solange ich beim Alkohol bin. Und ich werde nicht vom Alkohol wegkommen, solange ich bei diesem Typen bin. Das war der Moment, in dem ich beschlossen habe, durchzuziehen. Typ vor die Tür, endgültig. Und nie mehr einen Schluck Alkohol. 

Ist das der Beginn des geilen Lebens, wie Sie es eben genannt haben?

Guttmann: Es gibt nichts zu beschönigen, der Anfang war schwer. Ein doppelter Entzug sozusagen. Weg von diesem Mann und weg vom Alkohol. Raus aus den Umständen, die mich in der Abhängigkeit gehalten haben. Dazu gehörte auch, dass ich in der Suchtberatung gekündigt und mich selbstständig gemacht habe. 

Welche Strategien haben Ihnen beim Durchhalten geholfen?

Guttmann: Ganz wichtig war die Online-Beratung, an die ich mich gewendet habe. Dort traf ich Menschen, die schon da waren, wo ich hin wollte. Menschen, die keinen Alkohol mehr tranken und gut drauf waren. Viele Mütter übrigens. Für mich waren das Vorbilder. Eine riesige Motivation. Aus genau diesem Grund gehe ich übrigens mittlerweile selbst an die Öffentlichkeit. Vielleicht bin ich heute ja für andere ein Role-Model? Ganz wichtig, um Ihre Frage weiter zu beantworten, waren auch Strategien gegen das Craving.

Was ist das?

Guttmann: So nennt man es, wenn plötzlich dieses irrsinnige Suchtverlangen aufkommt. Oft wie aus dem Nichts, wie ein Hammer auf dem Kopf. An solchen Abenden bin ich beispielsweise früh ins Bett gegangen. Das war zwar langweilig, aber jede noch so große Langeweile ist besser als ein neuer Filmriss mit Hammerkopfschmerzen als Folge. 

Oft habe ich auch Sport gemacht. Oder mich in die Badewanne gelegt. Es ist wichtig, sich solche Strategien im Vorfeld zurecht zu legen und nicht erst in der Situation zu überlegen, was man tun kann. Insbesondere im ersten Jahr gab es viele Situationen, die mich getriggert haben und in denen ich froh war, vorbereitet zu sein.

Können Sie Beispiele für solche schwierigen Situationen nennen?

Guttmann: Als Erstes kam damals St. Martin, damit ging es direkt los, dass ich ordentlich getriggert wurde. Es folgte der Advent mit all den Glühweinständen, dann die Weihnachtszeit, dann Silvester… ohne Alkohol. Jede Jahreszeit, jede Saison kann triggern. Denken Sie an den Frühling, an die Biergärten. Alle sind draußen und haben Spaß – nur man selbst nicht. Denkt man. Ein hochgefährlicher Gedanke. 

Aber wenn man ein Jahr lang jede Saison geschafft hat, hat man im zweiten Jahr etwas, worauf man aufbauen kann. Man hat die Erfahrung gemacht, dass man bei Anlass x oder y auch ohne Alkohol Spaß haben kann. Oder vielleicht sogar erst recht.

Gibt es heute noch Situationen, in denen Sie Lust bekommen, Alkohol zu trinken?

Guttmann: Ehrliche Antwort: überhaupt nicht. Null. Das ist ja das Interessante. Wenn jetzt eine gute Fee käme und sagen würde: Du darfst trinken, dabei passiert dir nichts – ich würde es nicht machen. Ich will mich nicht mehr betäuben, das ist so weit weg von meiner Lebensrealität. Ich will auch nicht mehr diese Mutter sein, die nicht für ihre Kinder da sein kann – das tut mir im Rückblick unendlich leid. 

Aber auch hier drehe ich das Erlebte gern ins Positive. Denn das Gute war, dass ich tatsächlich ab dem ersten Moment ohne Alkohol jeden Morgen fit war, dass ich direkt eine viel bessere Mutter sein konnte. Und übrigens, auf Konzerte gehe ich immer noch. Ich liebe das. Sollen die anderen trinken, ist mir egal. Neulich habe ich sogar mal eine Bierdusche abbekommen. Das hat mir überhaupt nichts ausgemacht.

Waren Sie eine „Wine Mum“? Auf Social Media begegnet einem dieser Begriff in letzter Zeit öfter.

Guttmann: Ich finde diesen Hashtag total schwachsinnig, denn er suggeriert: Es ist cool und lässig, zu trinken. Zum Abschalten. Für mich hat das was Verharmlosendes. Stellen Sie sich nur mal vor, genauso würde mit anderen Drogen umgegangen. Ich bin eine Heroin-Mum, so etwa. Geht’s noch?

Lassen Sie uns dennoch einmal über den Aspekt Mutterschaft sprechen. Spielte das Muttersein im Zusammenhang mit Ihrem Alkoholkonsum eine Rolle?

Guttmann: Definitiv! Ich habe drei Kinder und weder in den Schwangerschaften noch in der Stillzeit je irgendetwas getrunken. Aber danach war der Alkohol auf jeden Fall eine Flucht. Ein Raus aus der Mutterrolle. Das sehe ich rückblickend schon beim ersten Kind ganz deutlich.

Fingen die Alkoholprobleme in dieser Zeit an?

Guttmann: Nein, die waren schon vorher Thema. Ich komme aus der Punk-Szene, war als Jugendliche und junge Erwachsene viel auf Konzerten unterwegs… und in der Punk-Szene wird allgemein sehr viel getrunken. Jeder von uns war ab und zu besoffen und jeder von uns hat mal gekotzt. 

Das ist es ja: Wenn es allen so geht, denkt man, das ist normal. War ich damals schon abhängig? Aus heutiger Sicht würde ich sagen ja. Auch, wenn die Sache in den Jahren darauf dann nochmal an Fahrt aufgenommen hat.

Mit dem ersten Kind, meinen Sie?

Guttmann: Da kam jedenfalls eine neue Komponente mit rein. Ich war 28 und glaubte, mir über den Alkohol ein Stück Freiheit zu bewahren. Nicht falsch verstehen, jedes meiner Kinder war ein absolutes Wunschkind. Ich wollte Mutter werden. 

Aber eines, das wollte ich auf gar keinen Fall: angepasst sein. Spießig sein. Mein damaliger Partner, der Vater meiner ersten beiden Kinder, hat mit mir mitgetrunken. Schon allein deshalb wäre ich nie auf die Idee gekommen, aufzuhören. Dafür hatten wir viel zu viel Spaß. Heute weiß ich: Ich hätte genauso viel Spaß ohne Alkohol haben können. Das, was ich meinen Klienten als Sozialarbeiterin und Suchtberaterin geraten habe, konnte ich zu Hause nicht umsetzen.

Sie sind in der Suchtberatung tätig?

Guttmann: Ich war es, zehn Jahre lang. In den verschiedensten Bereichen. Die haben Probleme, ich nicht – so dachte ich über meine Klienten. Und redete mich raus. Entweder damit, dass das Gegenüber schließlich illegale Drogen nahm und ich nicht. 

Oder auch mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, also beispielsweise damit, dass die Person ungepflegt war, arbeitslos oder gar wohnungslos. Ich war gepflegt, hatte einen Job und ein Haus. Und eine Reihe von Müttern in der Nachbarschaft, für die das alles auch galt. Mütter, mit denen ich regelmäßig sehr viel Alkohol konsumiert habe … die morgens vermutlich oft genauso verkatert aufgewacht sind wie ich. 

Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern, in der dann die ersten Online-Tests verfügbar waren: „Habe ich ein Problem mit dem Alkohol?“ Hätte ich die Fragen wahrheitsgemäß beantwortet, hätte ich mit Sicherheit ein anderes Ergebnis bekommen.

Wann haben Sie sich Ihre Sucht eingestanden?

Guttmann: Das war ein Prozess, das kam nicht mit einem Schlag. Irgendwann häuften sich die Situationen, in denen ich gespürt habe, dass ich mir was vormachte. Etwa, wenn ich morgens im Bad vor dem Spiegel stand, die Schminke verschmiert, das Gesicht aufgedunsen… da wusste ich, das geht so nicht weiter. 

Oder auch, wenn ich an den Wochenenden immer weniger Kraft hatte, etwas mit den Kindern zu unternehmen. Mal habe ich Veranstaltungen oder Ausflüge abgesagt, mal habe ich mich hin gequält. Besonders belastend: Oft wusste ich nicht, was in der Nacht davor passiert war. Wen ich getroffen hatte, ob vielleicht irgendetwas blöd gelaufen war…

Konnte Sie da denn nicht Ihren Partner fragen?

Guttmann: Die ganz heftigen Abstürze passierten jeweils, wenn ich auf eigene Faust unterwegs war. Wo eine Zeit lang das Treffen mit einer Freundin oder einer Nachbarin Anlass fürs Trinken gewesen war, wurde es auf die Dauer skurril. Ich ging in Kneipen, nur aus diesem einen Grund: um Bier zu trinken. Ich war mit den Leuten in diesen Kneipen nur wegen unseres gemeinsamen Hobbys in Kontakt. Wegen des Alkohols.

Was meinen Sie, wenn Sie sagen, Sie wussten nicht, ob etwas blöd gelaufen war?

Guttmann: Ich hatte regelmäßig den totalen Filmriss. Keinerlei Erinnerung an den Abend oder die Nacht davor. Das machte mir zunehmend Angst: Was, wenn mir etwas Schlimmes passiert? Eine Vergewaltigung vielleicht oder dass ich vom Auto angefahren werde?

Hilfe für Alkoholabhängige

Sollten Sie alkoholsüchtig sein und Hilfe suchen, finden Sie hier Hotlines und telefonische Beratungsstellen:

  • Sucht- und Drogen-Hotline (bundesweit und rund um die Uhr): 01806 313031 (20 Cent / Anruf aus dem Festnetz, 60 Cent / Anruf aus dem Mobilfunk)
  • BZgA-Infotelefon zur Suchtvorbeugung: 0221 892031 (Preis entsprechend der Preisliste deines Telefonanbieters für Gespräche ins deutsche Festnetz): Montags bis Donnerstags von 10 bis 22 Uhr, Freitags bis Sonntags von 10 bis 18 Uhr
  • Im Netz finden Sie etwa Hilfe bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) oder Anonyme Alkoholiker.
  • Bei Kenn dein Limit der BZgA gibt es zahlreiche Tipps, wie Sie weniger Alkohol trinken