Die spanische Neurowissenschaftlerin Liset Menéndez de la Prida erforscht am Cajal-Institut in Madrid, wie das Gehirn Erinnerungen bildet, Zeit wahrnimmt und Orientierung schafft. Im Interview mit der spanischen Tageszeitung „El País“ beschreibt sie das Gehirn als „mächtigstes Organ des Universums“ – ein System, das Kultur ermöglicht, aber zugleich anfällig für Überlastung ist.
Wie Erinnerungen entstehen – und warum sie sich ständig verändern
Laut „El País“ erklärt die Forscherin, dass Menschen ein biologisches Navigationssystem besitzen, das Orte, Erlebnisse und zeitliche Abfolgen miteinander verknüpft. Erinnerungen sind dabei nie exakte Abbilder, sondern rekonstruiert und durch Emotionen formbar. Genau deshalb können vertraute Ereignisse im Rückblick verzerrt erscheinen.
Ein zentraler Punkt des Interviews betrifft den Einfluss moderner Lebensgewohnheiten. Ständige Reize – etwa durch Social Media, Informationsflut oder künstlich erzeugte Dopamin-Kicks – erhöhen die Belastung des Nervensystems. Wörtlich sagt sie: „Nicht normal, ständig nach Vergnügen zu streben; es ist wichtig, sich zu langweilen.“ Nur in Ruhephasen könne das Gehirn seine Aktivität neu ordnen und langfristig stabil halten.
Technologischer Wandel überfordert die Biologie
Laut „El País“ schreitet die technologische Entwicklung schneller voran als die evolutionäre Anpassungsfähigkeit des Menschen. Das erhöhe das Risiko funktioneller Belastungen wie Stress, Aufmerksamkeitsproblemen oder mentaler Erschöpfung. Die Forscherin erwartet, dass Mensch und Maschine künftig stärker verschmelzen, sieht darin aber auch Chancen für neue Fähigkeiten.
Trotz aller Herausforderungen bleibt Menéndez de la Prida optimistisch. Das Gehirn sei außergewöhnlich anpassungsfähig und berge weiterhin große Rätsel: Was ist Bewusstsein? Wo liegen die Grenzen der kognitiven Kapazität? Die Wissenschaft, so betont sie, stehe hier erst am Anfang.
Warum Langeweile Kindern hilft
Eine ähnliche Beobachtung macht Pädagogin Georgia Christakis, wie das Magazin „Newsweek“ berichtet. Kinder, die nicht ständig beschäftigt werden, entwickeln oft mehr Fantasie, Problemlösefähigkeit und Selbstständigkeit.
Expertinnen weisen zudem darauf hin, dass kurze Momente der Unterforderung helfen können, emotionale Resilienz aufzubauen und den natürlichen Umgang mit Frust zu lernen.