Warum entscheiden sich immer mehr Menschen für Geräte wie Dumbphones oder Light Phones?
Emma (28) hielt ihr nagelneues Light Phone in der Hand – ein schlankes Gerät, das nur Anrufe, SMS und eine Taschenlampe kann. "Nach 8 Stunden täglicher Bildschirmzeit war ich am Ende", gesteht die Marketingmanagerin.
Wie ihr geht es immer mehr Menschen: Die Studie „Zukunft Gesundheit 2019“ der Schwenninger Krankenkasse und der Stiftung „Die Gesundarbeiter“ zeigt, dass 41Prozent aller jungen Bundesbürger sich durch digitale Medien gestresst fühlen.
Über Anabel Ternès
Prof. Dr. Anabel Ternès ist Unternehmerin, Zukunftsforscherin, Autorin, Radio- und TV-Moderatorin. Sie ist bekannt für ihre Arbeit im Bereich digitale Transformation, Innovation und Leadership. Zudem ist Ternès Präsidentin des Club of Budapest Germany, Vorstand des Friends of Social Business und Club of Rome Mitglied.
Die digitale Überdosis
Aktuelle Zahlen schlagen Alarm:
- Durchschnittliche Handy-Nutzung bei Jugendlichen: 3,5 Stunden/Tag
- Ein Viertel der Millennials (Generation der zwischen 1980 und 2000 Geborenen) schaut laut Mobil Krankenkassen “mehr als 100 Mal täglich auf das Smartphone”
- “Fast ein Viertel aller Kinder und Jugendlichen ist gefährdet, ernste gesundheitliche Probleme zu entwickeln”, so die DAK.
Das Phänomen der sogenannten Digital-Zombies oder auch Smombies genannt scheint ansteckend zu sein. Aber worum handelt es sich hier eigentlich? Nicole Tennler erklärt es so: “Der Begriff "Smombie" ist keineswegs verwandt mit dem ähnlich klingenden "Smoothie".
Vielmehr handelt es sich um ein sogenanntes Kofferwort aus den beiden Teilen "Smartphone" und "Zombie" (…) , einen Menschen, der so vertieft in sein Smartphone ist, dass er nicht mehr viel von seiner Umwelt mitbekommt. Wie ein Untoter, ein Zombie eben.” Umso wichtiger sind die Gegentrends, wie zum Beispiel die sogenannten Dumbphones.
Die Gegenbewegung: Warum Dumbphones boomen
Der Markt für Dumphones oder auch Feature-Phones genannt verzeichnete eine stabile Entwicklung. So schreibt Idealo: “Einst noch als Seniorenhandys abgetan, heute ein Trend vor allem unter jungen Leuten: Dumbphones als Gegenbewegung zu Smartphones symbolisieren einen Lifestylewandel.”
Die Top-Gründe:
- Gehirn-Entgiftung
- Produktivitäts-Kick
- Psychohygiene
“Wenn der direkte Dopaminschuss nicht mehr zwei Klicks entfernt ist, kann man sein Hirn neu ausrichten”, so der Deutschlandfunk.
“Weniger Smartphone-Nutzung kann depressive Symptome um 27 Prozent senken und den Schlaf um 18 Prozent verbessern – nach nur drei Wochen.”, so Utopia.
Wie eine 90er-Jahre-Revolution
Die Welt vibriert, summt, blinkt – unentwegt. Jede Sekunde eine neue Push-Nachricht, jede Minute eine dringende E-Mail, alle fünf Minuten ein Update aus dem digitalen Kosmos, der uns umgibt. Für viele ist das Smartphone längst ein unentbehrlicher Begleiter, ein verlängerter Arm des Gehirns, ein Tor zur Welt – und gleichzeitig eine Quelle unendlichen Stresses. Doch was, wenn es anders geht? Was, wenn die Lösung nicht in noch mehr Technik, noch mehr Vernetzung liegt, sondern in einem radikalen Schritt zurück?
Mitten in dieser hypervernetzten Ära steht ein Mann, der sich weigert, mitzuspielen. Mark Rutte, Premierminister der Niederlande, einer der mächtigsten Politiker Europas, trägt kein iPhone in der Tasche. Kein Samsung, kein Huawei. Stattdessen: ein Nokia 301. Ein Klapphandy? Fast. Ein Relikt aus einer Zeit, als Telefone noch zum Telefonieren da waren und nicht als All-in-one-Lebensmanager. Ein Dumbphone – dumm im besten Sinne.
Rutte ist kein Technikverweigerer. Er nutzt ein Smartphone – aber nur, um Nachrichten zu lesen. Alles andere? Läuft über sein Nokia. SMS statt WhatsApp, Tasten statt Touchscreen, Einfachheit statt Algorithmen. Und das Erstaunliche: Es funktioniert. Nicht nur für ihn, sondern auch für sein Image. Während andere Politiker in Skandale um geheime Chats oder abgehörte Kommunikation verwickelt sind, wirkt Rutte wie ein Mann, der nichts zu verbergen hat – weil er schlicht nicht die Mittel dazu nutzt. Sein Nokia kann nicht gehackt werden, keine Spionage-App, keine versteckte Hintertür. "Wenn ich aus dem Ausland komme, muss mein Smartphone platt gemacht werden", verriet er einmal. "Aber mein Nokia kann ich behalten."
"Ich kann keiner App-Gruppe beitreten", sagte Rutte grinsend vor Studierenden in Leiden. "In meinem Umfeld sehe ich Menschen, die gestresst sind, weil sie mit all diesen Gruppen mithalten müssen. Ich dagegen gehe ziemlich entspannt durchs Leben."
1. Zukunft oder Nische?
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Während der globale Smartphone-Markt schrumpft, explodieren die Verkäufe von Dumbphones – von 400 Millionen im Jahr 2019 auf eine Milliarde 2021. Ein Zufall? Oder der Beginn einer Gegenbewegung?
Kaiwei Tang, Mitgründer des Light Phone, beobachtet einen unerwarteten Trend: Die meisten Käufer:innen sind junge Erwachsene zwischen 25 und 35. Menschen wie Beek Groot, ein 26-jähriger Filmstudent, der sein Klapphandy liebt. "Facebook und Instagram sind nutzlos", sagt er. "Die wollen nur Geld mit dir verdienen."
Doch ist das mehr als ein Nischenphänomen? Ein kurzer Aufstand gegen den digitalen Overload – bevor alle wieder ins Smartphone-Lager zurückkehren? Oder steckt dahinter eine echte Sehnsucht nach einem Leben ohne "geistiges Jucken", wie Psychologe Stefan van der Stigchel es nennt?
Die Antwort könnte in den Niederlanden liegen, wo selbst der Premierminister mit seinem Nokia lässiger wirkt als jeder Influencer mit dem neuesten iPhone. Vielleicht ist die Zukunft gar nicht so smart, wie alle dachten.
2. Der Komplexitäts-Kollaps
Es beginnt mit einem leisen Summen. Ein Vibrieren in der Tasche. Ein roter Punkt auf dem Display. Plötzlich ist da dieser Drang – sofort nachsehen zu müssen. Doch warum?
Stefan van der Stigchel, Aufmerksamkeitsforscher, erklärt es so: Unser Gehirn ist darauf programmiert, auf Signale zu reagieren. Jede Benachrichtigung könnte die ersehnte Nachricht sein – oder eine Gefahr. "Selbst wenn wir widerstehen, bleibt ein geistiges Jucken zurück."
Die Folge: Ein ständiger Zustand der Ablenkung. Eine Überforderung durch zu viele Optionen, zu viele Reize. "Ich möchte, dass mein Handy tut, was ich will – nicht umgekehrt", sagt Beek Groot. Genau das ist der Punkt.
Denn während Smartphones uns mit Funktionen überhäufen, die wir nie brauchten, bieten Dumbphones etwas Unerwartetes: Freiheit. Die Freiheit, nicht getrieben zu sein. Die Frage ist nur – wie lange hält diese Rebellion gegen den Komplexitäts-Kollaps? Oder wird sie selbst zur neuen Norm?
Markus (54) starrte verzweifelt auf drei verschiedene Fernbedienungen. "Um einen Film zu starten, muss ich erst das TV-Menü, dann die Soundbar und schließlich den Streaming-Dienst bedienen", seufzte der Lehrer. Bis er den OneForAll Streamer Remote entdeckte – eine Universalfernbedienung mit genau sechs Tasten. "Plötzlich war Fernsehen wieder so einfach wie 1995."
Welche aktuellen Innovationen gibt es, die unser tägliches Leben durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz, Robotik und weiterer technologischen Highlights einfacher machen?
Minimalismus-Revolution: Diese Lösungen überzeugen
Der Markt für bewusst vereinfachte Technik wächst – und hinter vielen Produkten stehen klare, belegbare Trends.
1. Smart-TVs im "Easy Mode"
Samsung bietet seit Jahren den „Easy Mode“ für Smartphones und Smart-TVs an – eine stark vereinfachte Benutzeroberfläche mit größeren Icons und reduzierten Optionen. Offizielle Zahlen zur Menüreduktion gibt es nicht, aber Tech-Portale beziffern die Vereinfachung mit „50–70 Prozent weniger Funktionen“. Händler wie MediaMarkt und Saturn berichten seit 2024 von einem stark gesteigerten Interesse älterer Nutzer:innen.
2. "Dumbphones" 2.0 – Light Phone III
Das Light Phone III, das nur das Nötigste bietet – Telefonie, SMS, Fahrkarten und Musik – ging Mitte 2024 in den Vorverkauf, mit einem Einführungspreis von circa 399 US-Dollar (später 799 USD) und erster Auslieferung geplant für Anfang 2025. Genauere Absatz-Zahlen gab das Unternehmen nicht bekannt.
Ein großer positiver Nebeneffekt: “Kinder deren Eltern häufig am Gerät waren, zeigten geringere kognitive Fähigkeiten, eher emotionale Probleme sowie Verhaltensprobleme und verhielten sich weniger sozial. Außerdem hätten diese Kinder eine insgesamt schwächere Bindung an ihre Eltern und verbrächten selbst viel Zeit vor Bildschirmen” so Forschende der University of Wollongong in Australien.
Warum „simpler = smarter“ wirkt
Studien belegen, dass Menschen nur begrenzt kognitive Ressourcen haben: Jede zusätzliche Option kostet Energie. Studien zum digitalen Minimalismus zeigen:
- Bessere Konzentration nach Einführung klarer digitaler Regeln – laut einer Stanford-Studie 2024.
- Besserer Schlaf – dokumentiert in Forschung zu digitaler Achtsamkeit (ExpressVPN-Survey, 2024).
Das bestätigt: Weniger Funktionen = mehr Fokus, weniger Ablenkung, höhere Lebensqualität.
Faustregeln für smarte Minimaltechnik
Erfahrungsbasiert haben sich folgende Richtlinien bewährt:
- Maximal drei Hauptfunktionen je Gerät – weniger ist mehr.
- Physische Tasten für Kernaktionen – sie bauen Verbindung statt virtuelle Distanz.
- Nur eine App pro Aufgabe – damit bleibt Klarheit erhalten.
Diese Faustregeln unterstützen mentale Entlastung und effiziente Nutzung.
Und wer nicht gleich komplett minimal digital werden möchte:
Für den eignet sich zum Beispiel die kontrollierte Nutzung, wie zum Beispiel die 3-2-1-Methode:
- 3 feste Check-in-Zeiten täglich
- 2 Stunden bildschirmfreie Zeit vor dem Schlaf
- 1 Social-Media-App löschen pro Monat
Zukunftstrend oder Nostalgie?
Laut ExpressVPN-Umfrage (2024) befürworten zunehmende Nutzer jeden Alters digitalen Minimalismus und eine signifikant hohe Zahl der Gen Z reduzieren aktiv ihre Bildschirmzeit.
Digitalkritiker wie Cal Newport vergleichen Smartphones mit Zigaretten – ein Produkt der Gewohnheit, nicht des Mehrwerts
Was sehen wir als Trend? Die Minimalismus-Revolution ist mehr als ein nostalgischer Trend. Sie ist ein Gegentrend zur digitalen Überforderung – unterstützt durch konkrete Studien zu Stressreduktion, Konzentration und Schlaf. Das Prinzip ist einfach und wirkungsvoll: Weniger Funktionen schaffen Raum für Klarheit, Fokus und Lebensqualität.
Minimalismus bedeutet nicht Verzicht, sondern bewusste Wahl. Dies funktioniert überall dort, wo digitale Systeme gezielt reduziert werden – und damit Raum entsteht für das, was wirklich zählt.
Dieser Beitrag stammt aus dem EXPERTS Circle – einem Netzwerk ausgewählter Fachleute mit fundiertem Wissen und langjähriger Erfahrung. Die Inhalte basieren auf individuellen Einschätzungen und orientieren sich am aktuellen Stand von Wissenschaft und Praxis.