Haben wir die Bienen gerettet? Vor fünf Jahren unterschrieben 1,75 Millionen Menschen in Bayern das Volksbegehren „Artenvielfalt & Naturschönheit in Bayern“, besser bekannt unter „Rettet die Bienen“. Im August 2019 wurde das Naturschutzgesetz geändert. Eine Zwischenbilanz präsentierte LBV-Vorsitzender Dr. Norbert Schäffer in Landsberg.
Landkreis – „Natürlich ging es nicht um die Honigbienen“, sagt der Biologe Schäffer bei seinem Vortrag. „Aber mit ‚Rettet die Stechmücken‘ hätten wir nie im Leben gewonnen.“ Mit wir meint er die Träger des Volksbegehrens, darunter der Landesbund für Vogelschutz (LBV). Schäffers Fazit nach fünf Jahren: „Wir sind auf einem guten Weg. Aber das ist kein Selbstläufer! Wir haben noch viel vor uns, bis die Anzahl der Vögel wieder nach oben geht.“ Vögel deshalb, weil sie ein guter Indikator für den Zustand der Artenvielfalt sind. In den letzten 40 Jahren seien 20 Prozent der Arten verloren gegangen – allein bei den Feldvögeln 60 Prozent: „Beim Rebhuhn haben wir 95 Prozent verloren.“
Die Verursacher lokalisiert Schäffer nicht unter den Landwirten. Sondern in der Agrarpolitik. Naturschutz habe aktuell Gegenwind: „Naturschützer werden eher als Irritation wahrgenommen.“ Dabei seien zwei Krisen zu bewältigen: die Biodiversitätskrise – „Werden wir überleben?“ – und die Klimakrise: „Wie werden wir überleben?“
Mehr Streuobstwiesen, mehr Gewässerrandstreifen: Die Erfolge des Volksbegehrens
Um die Zwischenbilanz korrekt und faktenbasiert zu ziehen, hat der LBV Professor Roman Lenz von der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen beauftragt, der zahlreiche Indikatoren „abgearbeitet“ habe, berichtet Schäffer. Die Ergebnisse lassen hoffen, auch wenn es in manchen Bereichen noch Probleme gibt. Schäffer startet mit den Erfolgen:
• Streuobstwiesen. Der Bestand ging in den letzten 50 Jahren von 20 Millionen Bäumen auf fünf Millionen zurück – auch, weil viele altersbedingt abgestorbene nicht nachgepflanzt wurden. In diesem Punkt sei das Volksbegehren „sensationell erfolgreich gewesen“, resümiert der Biologe: 2021 wurde der Bayerische Streuobst-Pakt geschlossen. Dessen Ziel: Der jetzige Bestand wird erhalten, abgestorbene Bäume werden 1:1 ersetzt, zudem wird eine Million neuer Streuobstbäume gepflanzt – Maßnahmen, bei denen der Streuobstprofi-Nachbar Baden-Württemberg ganz neidisch werde, wenn er es dort erzähle, sagt Schäffer. Der Freistaat habe sogar 30 Streuobstberater angestellt.
• Naturwälder. Das Ziel: Zehn Prozent der Staatswälder sollen aus der Nutzung genommen werden – was bereits erreicht wurde. „Wir haben etliche tausend Hektar neue Schutzgebiete“, freut sich Schäffer. Eine Forderung, die der LBV dennoch weiterhin aufrecht erhalte, sei die nach einem dritten Nationalpark, und zwar das Laubwaldgebiet Steigerwald.
• Grünland. Das Problem: Grünflächen wie Parks oder Stadtwälder werden immer früher gemäht. Deshalb ist Ziel, dass zehn Prozent der Flächen erst nach dem 15. Juni gemäht werden. Das werde zu einem Großteil schon erfüllt, auch, weil die Landwirte fürs Später-Mähen Geld vom Staat erhielten, sagt Schäffer: „Die Landwirte sind hier die Gewinner des Volksbegehrens, auch wenn erst einmal eine Wunde aufgerissen wurde.“
• Gewässerrandstreifen. Bisher wurde geackert bis zur Kante – weshalb kleine Bäche und Durchflüsse verschlammten. „Wir sind gut weitergekommen“, findet Schäffer: Seit August 2019 ist es in fünf Metern von der Uferlinie entfernt verboten, das Land ackerbaulich zu nutzen. Die Gewässer „ziehen sich wie ein grünes Rückgrat durchs Land“.
Einiges hat aber bisher noch nicht funktioniert: die Probleme
Bis dahin scheint das Volksbegehren gut zu laufen. Aber es gibt auch Punkte, die nicht gut abschneiden:
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• Ökolandbau. Das Ziel: Bis 2025 sollen 20 Prozent, bis 2030 30 Prozent der Landwirtschaft ökologisch bewirtschaftet werden. „Während der Pandemie hat sich viel getan“, weiß Schäffer und spricht von einem „Bioboom“. Der sei aber inzwischen verpufft, jetzt werde es zäh. Sein Vorschlag: Der Staat soll da, wo er Einkäufer ist, auf Bio setzen. Jeden Tag würden in Mensen mehr als eine Million Essen zubereitet, „da hat der Staat Steuermöglichkeiten.“
• Pestizideinsatz. Das Ziel ist die Halbierung der Pestizide bis 2028. „Aber das wurde in Brüssel ausgehebelt“, so Schäffer. Über Kulturwirtschaftsprogramme könnten Landwirte Geld dafür erhalten, dass sie „nicht spritzen“, aber da sei noch „viel Luft nach oben“.
• Lichtverschmutzung. Immerhin: Es sind weniger öffentliche Gebäude, die inzwischen nach 23 Uhr angestrahlt werden. Aber dafür steige die Beleuchtungslust im privaten Bereich massiv, weiß der Biologe: Dank sparsamer Leuchtmittel, meist solarbetrieben, hätten inzwischen zahlreiche Häuser solche Lichtquellen ums Haus und im Garten. „Das ist eine harte Konkurrenz für Glühwürmchen!“
• Gärten. Während Schäffer in der Bewirtschaftung öffentlicher Flächen wie etwa an Straßenrändern immer mehr ‚schöne Unordnung‘ sieht, fehlt ihm diese in privaten Gärten: Zwar gebe es inzwischen „wildere Gärten, aber leider auch immer öfter das absolute Gegenteil: Flächen mit Englischem Rasen, Steingärten, Gabionen mit Folien und Pflanzen aus Plastik“. Die Gartengestaltung sei wichtig, sie präge das Bild von Natur beim Menschen. Auszeichnungen von Ämtern oder auch dem LBV wie beispielsweise der naturfreundliche oder der vogelfreundliche Garten könnten hier helfen: „Sie zeigen: Das ist nicht schlampig, das gehört so!“
Auch beim laut Schäffer wichtigsten Thema – „wichtiger als alle anderen Ziele zusammen“ – ist noch Handlungsbedarf:
• Biotopverbund. Das Ziel: Zehn Prozent der gesamten Fläche sollen bis 2023 Biotopverbund sein, 13 Prozent bis 2027 und 15 Prozent bis 2030. „Aktuell liegen wir bei 10,4 Prozent“, sagt der Biologe, also im Rahmen. Aber die Gebiete müssten auch qualitativ gut sein, „nicht die Autobahnmittelstreifen“, und auch gut verteilt. Zudem würden Ausgleichsflächen so gerechnet, als seien alle schon umsetzt – „aber da ist nur die Hälfte davon da, das ist eine Luftnummer.“ Ein großes Problem sieht Schäffer für die nächsten fünf Prozent. Die könnten nicht mehr durch Renaturierung gewonnen, sondern „müssen neu angelegt werden. Und wenn das geschieht, ändert sich das landschaftliche Gesicht Bayerns grundlegend. Dann gibt es auch wieder Rebhühner.“
Fünf Jahre „Rettet die Bienen“ - Das Fazit
Der Ansatz stimmt, aber es gibt noch viel zu tun. Mögliche Stellschrauben sind für Schäffer die Senkung des Fleischverbrauchs und des Anbaus von Energiepflanzen wie Mais und Raps: „Die schlimmste PV-Anlage ist besser als der beste Maisacker! Unter PV-Anlagen können Rebhühner leben.“ Letztendlich müsse sich jeder an die eigene Nase packen und versuchen, weniger Lebensmittel wegzuwerfen. Aktuell landet ein Drittel der gekauften Waren im Müll. „Das ist auch respektlos den Landwirten gegenüber.“
Problematisch sei der Naturschutz aktuell, weil ihn andere Themen, vor allem der Krieg in der Ukraine, verdrängen. Auch die Zugeständnisse für die Landwirtschaft aus Brüssel seien nicht hilfreich: „Umweltstandards zu senken, ist grundfalsch.“ Dabei sieht Schäffer die „schwierigen Bedingungen“ für die Landwirte. Hier müsse der Staat helfen. Der LBV werde von vielen Landwirten unterstützt, auch der Bauernverband sei „kein monolithischer Block“. Probleme habe der LBV vor allem mit den Großbauern. Es sei nachvollziehbar, dass Landwirte an den Subventionen festhielten, „auch wenn es eigentlich schlecht ist“. Landwirte bräuchten Planungssicherheit. Aber gerade wegen der Subventionen „hat die Gesellschaft auch das Recht, da mitzureden“. Insgesamt müsse man erreichen, dass Landwirte für den Naturschutz belohnt würden: „Bayern kann sich das leisten.“
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