Kaufering - Jürgen Nitz ist seit 1997 der Pfarrer der Pauluskirche in Kaufering. Am kommenden Wochenende wird der 64-Jährige nach 27 Jahren offiziell verabschiedet. Ein Interview mit dem unkonventionellen Würzburger.
Herr Nitz, fangen wir ganz vorne an. Wie sind Sie Pfarrer geworden?
Nitz: „Ich komme aus einem Elternhaus, das mit der Kirche keinerlei Berührungen hatte. Aber in der Konfirmandenzeit habe ich einen sehr unkonventionellen Pfarrer kennengelernt. Er hat eine ganz andere Art von Kirche gelebt und mich sehr geprägt.“
Also blieben Sie auch nach dieser Zeit in der Kirche?
Nitz: „Ja, in Würzburg gab es eine tolle kirchliche Jugendarbeit. Wir haben auch mit 15 Jahren eine Band gegründet und damit moderne Gottesdienste gefeiert. Das war für die damalige Zeit revolutionär.“
Die Kirche ließ Sie wohl nicht mehr los. Also ging es auch nach der Schule weiter in diese Richtung?
Nitz: „Meine Mutter meinte, dass ich ja eh nur noch in der Kirche bin und dass die Arbeit des Pfarrers eine gute wäre. Also studierte ich fünf Jahre an der theologischen Universität in Tübingen. Im letzten Semester habe ich dann meine Frau kennengelernt.“
Wie ging es dann für Sie weiter?
Nitz: „Ich habe mein Examen bestanden und kam 1985 in den Spessart zum Dekanat. In dem Dorf, in das ich kam, war der Pfarrer der Chef. Er war sehr konservativ und kirchlich. Wir passten eigentlich überhaupt nicht zusammen. Ich war gefrustet darüber, was Mainstream in der evangelischen Kirche bedeutet.“
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Also haben Sie das Dorf wieder verlassen?
Nitz: „Nein. Der Pfarrer starb 1987 und die Gemeinde war traumatisiert, weil er von heute auf morgen nicht mehr da war. Daher wollte die Gemeinde unbedingt, dass wir, meine Frau und ich, bleiben. Ich habe dann schon die Arbeit eines Pfarrers gemacht, obwohl ich eigentlich einen neuen Ausbildungspfarrer gebraucht hätte.“
Blieben Sie dann im Spessart, oder gab es noch einen Zwischenstopp vor Kaufering?
Nitz: „Im gleichen Jahr kamen wir nach Höchstädt an der Donau. Dort war ich dann zehn Jahre und 1997 ging es weiter nach Kaufering.“
Wie kam es überhaupt dazu?
Nitz: „Ich hab gehört, dass es eine sehr lebendige Gemeinde ist und dass der Pfarrer einen Verstärkungspfarrer bekommen soll. Der Pfarrer ging dann in den Ruhestand und ich bin geblieben.“
Was war dort die größte Herausforderung für Sie?
Nitz: „Dass die Menschen ziemlich schnell in rauen Mengen kamen. Wir hatten nach ein paar Jahren plötzlich Hunderte von Jugendlichen auf dem Hof und wir brauchten Personal, das sich um sie kümmerte. Von der evangelischen Kirche gab es aber keine Hilfe, keinen Plan. Wenn mehr Leute kommen, als der Personalschlüssel hergibt, dann wirst du damit alleine gelassen.“
Wie haben Sie das Problem dann gelöst?
Nitz: „Ich hab ein Fundraising-System in die Gemeinde integriert. Wir haben über viele Jahre mehr Spenden für Personal für die Jugendarbeit bekommen als von der Kirchensteuer.“
Funktioniert das heute auch noch?
Nitz: „ Ja. Wir sind eine Gemeinde, die in der evangelischen Kirche als eine vollkommen anders gestrickte Kirche wahrgenommen wird. Wir entfernen uns vom Mainstream, der nur noch Streichungen, Reduzierungen und Schließungen kennt.“
Dann haben Sie da ganz schön was ins Rollen gebracht. Gab es weitere Highlights in den letzten 27 Jahren?
Nitz: „Das war das Church Rocks-Projekt, mit dem wir eine Rock-Kirche zwischen Katholischen und Freikirchlichen initiierten. Ich war als Musiker dabei und wir haben zwischen 2010 und 2013 alle Konfessionen zusammengebracht. Dieses Projekt haben wir dann Schulen angeboten, indem wir Schulanfangsgottesdienste überkonfessionell vorbereiteten, mit guter Rockmusik und schönem Programm. Das war ein richtiger Knaller. Zu meinem Abschied habe ich auch die ganzen Church-Rocks-Bandmitglieder eingeladen.“
Und was haben Sie nach Ihrem Abschied vor?
Nitz: „Seit Corona gibt es noch ein zweites Herzensprojekt neben der Musik: das Radpilgern.“
Was ist das genau?
Nitz: „Während der Pandemie kam eine Anfrage der evangelischen Kirche, ob man für die Menschen etwas mit dem Fahrrad und Spiritualität anbieten könnte. Die Idee war, an den Jakobswegen auch eine Strecke fürs Rad zu schaffen. Die wurden von den ursprünglichen Fuß-Wegen getrennt, damit man sich gegenseitig nicht gefährdet. Das Jakobs-Radwege-Netz ist inzwischen 5.000 Kilometer groß und von Ehrenamtlichen gebaut und beschildert worden. Das ist ein Riesen ding, das mich in meinen Ruhestand begleiten wird, denn ich bleibe der Projektleiter.“
Über Ihren Ruhestand freut sich sicher auch die Familie.
Nitz: „Ja, ich habe ja inzwischen fünf Enkelkinder, meine Töchter und meine Frau. Und die warten alle darauf, dass der Herr Pfarrer jetzt voll und ganz ein Opa, Papa und Ehemann wird. Darum werde ich mich bemühen.“