Brecht, Hauptmann und Weill sind die drei großen Namen, die man mit der Dreigroschenoper verbindet. Nun gesellen sich, zumindest in Landsberg, noch zwei weitere dazu, nämlich das Projekttheater Landsberg und Profischauspielerin Jarah Maria Anders (34). Unter der Regie von Roman Groß (26), der Theaterwissenschaften an der Universität Wien studiert, sorgten sie am vergangenen Wochenende für volles Haus im Stadttheater.
Landsberg - Drei Stunden tauchten die Gäste, darunter viele Jugendliche, ein in eine Welt ohne Moral, in der sich jeder selbst der nächste ist. Verrat ist alltäglich und selbst aus bitterster Armut lässt sich noch ein Geschäft machen. Wer schwach oder naiv ist, hat verloren. Toxische Männlichkeit dominiert diese Londoner Unterwelt der 1920-er Jahre, in der Macheath, genannt Mackie Messer, Gangsterkönig ist und Peachum der der Bettler. Ausbeutung da und dort, Skrupel sind beiden fremd.
Dreigroschenoper im Landsberger Stadttheater - Ein aktuelles Stück
Mit den 15 Laienspielerinnen und -spielern des Projekttheaters sowie Anders und Groß, die beide in Landsberg aufwuchsen und die Waldorfschule besuchten, kam das Stück nun in „Landsberger Hand“. 2024, ist da nicht alles besser? Wer nagt in Zeiten von Sozialhilfe denn noch am Hungertuch oder muss seinen Leib wie die Turnbridge Huren zu Markte tragen? Nun, vielleicht ist der Aufprall am Boden der Gesellschaft heute nicht mehr ganz so hart wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Aber der Mensch an sich hat sich nicht geändert. Allzuoft zählt der eigene Vorteil mehr als Moral und Nächstenliebe, die Intoleranz nimmt zu und der Blick an die Regierungsspitzen der Weltnationen zeigt uns vielfach Narzissten und machtgetriebene Herrscher, die über Grenzen gehen, wie der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine zeigt. So ist das Grundmotiv der Dreigroschenoper so aktuell wie vor 100 Jahren.
Baugerüste dominieren die Bühne, kahl und kalt wie die Räume in der Londoner Unterwelt, in denen die Szenen spielen: im christlich verbrämten Bettlerladen von Peachum, bei den Turnbridge Huren, gespielt von Andrea Ridder, Stina Rupp, Vanessa Terrode, Milana Volosian und Dragqueen Darron Terrode, und in der Gefängniszelle von Old Bailey, in der Mackie Messer durch den Verrat seiner Geliebten, Spelunken-Jenny (Heike Böhling mit herrlich verruchter Stimme), landet. Durch die Szenen führt Luis Steer als Erzähler und Moritatensänger, startet mit dem bekannten Lied „Und der Haifisch, der hat Zähne, und die trägt er im Gesicht, und Macheath, der hat ein Messer, doch das Messer sieht man nicht“.
Beim „Jahrmarkt in Soho“ versammeln sich die Gestalten der Unterwelt und bereits in diesen ersten Minuten zeigt sich, wer diese sich in ihrem Elend nur noch marionettenartig bewegenden Figuren beherrscht: Mackie Messer, gespielt von – und das ist das Besondere – Jarah Maria Anders. Roter Samtanzug, Glacehandschuhe, Stock und Hut, die langen Haare zum Dutt aufgebunden. Die weiblichen Gesichtszüge kontrastieren mit dem männlichen Auftreten. Anders macht Mackie Messer zu einem androgynen Wesen, das über Geschlechtergrenzen hinweg sowohl körperliche Nähe aufbauen als auch beherrschen kann. Wie sie das macht, Szene für Szene, ist einfach grandios, zeigt uns, wie Einflussnahme (oder influencen) funktioniert und reißt somit all den Blendern dieser Welt die Maske vom Gesicht. Mackie Messer ist nicht mehr und nicht weniger als ein Spieler, der mit allem und jedem spielt und sogar mit seinem eigenen Leben. Er ist klug, verkauft jeden Freund, geht über Leichen, nimmt sich, was er will. So auch die naive Polly (Michelle Greiner), Tochter von Bettlerkönig Peachum (Andreas Keller, fein im Nadelstreifenanzug). Mit Anders als Mackie Messer und Greiner als Polly ist Regisseur Groß eine perfekte Besetzung gelungen – größer könnte der Kontrast nicht sein als zwischen dem berechnenden Messer, der jedem die Person vorgaukelt, die der sich wünscht, und der hübschen Polly, die doch tatsächlich so dumm ist, an die wahre Liebe zu glauben.
Längst davon abgerückt ist Messers Geliebte Lucy (Carola Schuppert), Tochter von Polizeichef Brown (Robert Steer), ein ordenbehängter Schwächling, der so dumm ist, an Freundschaft zu glauben. Und eine weitere seiner Geliebten, die Hure Spelunken-Jenny, die ihn gleich zwei Mal verkauft und so an den Galgen bringt. Selbst dort beherrscht Mackie Messer die Szene, behält die Contenance, versucht es mit Bestechung, verlangt von seinen Gaunerkollegen, die er ohne mit der Wimper zu zucken über die Klinge springen lassen würde, dass sie Geld dafür besorgen. Jarah Maria Anders, die Arme über Kopf gefesselt, wird mit der letzten Mahlzeit gefüttert, spielt um ihr Leben, holt noch einmal alles aus sich heraus, was diesen Mackie Messer ausmacht. Großartig, wie sie ihre großen, sprechenden Augen dafür einsetzt, sie hat alle im Blick, beherrscht und betört, bricht Herzen durch Nichtbeachtung, lässt Liebe mit einem Blick wieder aufflammen, wo sie gerade am Absterben war. Die Bestechung misslingt, die Schlinge baumelt schon über seinem Kopf, da verkündet ein Bote der Königin seine Begnadigung. Er wird in den Adelsstand erhoben und erhält eine monatliche Rente. Mit einem diabolischen Lachen von Mackie Messer endet das Stück – dass sogar letztlich die Königin auf die Moral pfeift, um ihre Krönungszeremonie nicht durch seine weit mehr beachtete Hinrichtung zu gefährden, ist die „Krönung“ des Unmoralischen.
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Sowohl von der Länge des Stücks als auch gesanglich durch die vielen Balladen hat das Stück den Schauspielerinnen und Schauspielern viel abverlangt. Dass nicht immer jeder Ton exakt getroffen wurde, ist bei einem Laienschauspiel verzeihlich, ja verstärkte sogar die Wahrnehmung dieser schrägen Welt, die mit großer Spielfreude dargestellt wurde. Anders, nach vielen Filmproduktionen nun erstmals wieder in einem Theaterstück zu sehen, gab ihrem Mackie Messer einen Anflug von Jack Sparrow. Weit über 30 Personen standen am Ende auf der Bühne, denn Regisseur Roman Groß holte das gesamte Team dazu, darunter seinen Bruder Severin Groß (Sounddesign), Paula Glawion (Kostüme), Andrea Winterhalder (Musik) und Lichtdesigner Noam Braun.
von Dagmar Kübler