Es gibt immer weniger Sozialwohnungen, aber immer mehr Menschen brauchen sie im Süden von München. Neubauten sind nicht in Sicht - wegen der Bürokratie.
Bad Tölz-Wolfratshausen – Gerade in der Hochpreisregion im Münchner Süden sind sie Mangelware – und wahnsinnig begehrt: Sozialwohnungen und günstige Mietwohnungen. Längst haben nicht nur Menschen aus den untersten Gehaltsklassen und prekären Arbeitsverhältnissen einen Anspruch auf Förderwohnungen. Das Problem: Der große Sozial-Boom auf dem Bau ist vorbei. Inzwischen fallen deutschlandweit mehr Wohnungen aus der Preisbindung als neue nachkommen – und es werden immer mehr Interessenten.
2014 gab es im Landkreis noch 1553 Sozialwohnungen. Heute sind es laut Landratsamt nur noch 1112 – also über 400 weniger. Und das in einer Region, die immer weiter wächst. Wieso das so ist? Landratsamts-Pressesprecherin Marlis Peischer mutmaßt: „Es laufen Bindungsfristen der Sozialwohnungen aus und zugleich werden nicht entsprechend neue Wohnungen gebaut.“
Mietpreise um München sind hoch - Sozialwohnungen gibt es zu wenige.
Die Baugenossenschaft Wolfratshausen (BGW) hat keinen einzigen Namen auf der Warteliste. Das liegt nicht daran, dass in der Loisachstadt genügend Wohnungen zur Verfügung stehen würden – ganz im Gegenteil: „Wir führen keine Liste mehr“, sagt Vorstandsmitglied Britta Wurm. Über Jahre war die Zahl von Interessenten angewachsen – die Liste füllte mehrere DINA4-Seiten. „Wir stellen freie Wohnungen jetzt auf unsere Homepage, und man kann sich darauf bewerben.“ Ein paar Tage lässt die Baugenossenschaft die Angebote dort einsehbar. Vergeben könnte sie sie aber schon in Minuten. „Es ist totaler Druck da“, sagt Wurm. „Fast täglich klingelt das Telefon, weil Leute eine Wohnung suchen. Die Situation hat sich nicht entspannt. Ganz im Gegenteil.“ 199 einkommensorientiert geförderte (EOF) Wohnungen gehören zum Bestand, insgesamt verwaltet die Baugenossenschaft 473 Einheiten.
Bezahlbare Mieten: Im Süden von München sinkt die Zahl der Sozialwohnungen dramatisch
Und auch wenn sich die Genossenschaft finanziell immer wieder mächtig streckt und neue Gebäude schafft, aufstockt und plant: Der riesigen Nachfrage wird sie nicht Herr. 18 Millionen Euro nimmt die Genossenschaft etwa in die Hand, um einen Neubau im Ortsteil Farchet zu realisieren. Es ist ein Ersatz für alte Wohnungen – 57 standen dort, 82 schafft die BGW. Davon sollen 66 Einheiten nach EOF-Kriterien gebaut werden. „Ich glaube, das ist eine gute Quote“, sagt Wurm. Ausreichend aber bei Weitem nicht – und noch dazu nur durch lange, schwierige Abstimmungen möglich. Wurm beklagt hohe Barrieren für bezahlbaren Wohnbau.
Meine news
„Es ist totaler Druck da“: Immer mehr Menschen brauchen Sozialwohnung - aber es gibt immer weniger
„Das Thema ist ständig in aller Munde, aber ich habe nicht den Eindruck, dass deshalb auch irgendwas passieren würde.“ Erleichterungen für den Bau bezahlbarer Wohnungen, vermisst sie etwa. Die Ausgestaltung von sogenannten einkommensorientiert geförderten Wohnungen – Sozialwohnungen nannte man sie früher – ist streng geregelt. „Es sind sehr viele Anforderungen, die wir erfüllen müssen.“ Zum Beispiel, was die Barrierefreiheit betrifft. Auch die Größe der Wohneinheiten ist definiert. „Es wird immer komplizierter, und unabhängig von der Inflation und steigenden Baukosten allgemein wird es immer kostspieliger, EOF-Wohnungen zu bauen.“
Mietpreise südlich von München explodieren - Günstige Wohnungen fehlen
Einen ganz anderen Weg hat deshalb die Baugenossenschaft Lenggries gewählt. Sie unterhält keine einzige EOF-Wohnung. „Diese Planungen sind mit weit mehr Auflagen, Bestimmungen und Forderungen verbunden als ein frei geplantes Bauvorhaben“, erklärt die Vorsitzende Maria Haubner. Ein Vorteil: „Für unsere Genossenschaft entsteht kein Problem, wenn Wohnungen aus der Preisbindung fallen. Auch für unsere Mieter stellt dies kein Problem dar.“ Auch ohne Sozialbindung: „Unsere Mieten bewegen sich immer weit unter der ortsüblichen Miete.“ Erhöhungen seien stets „nur sehr moderat“. An ihrer Strategie – günstiger Wohnraum statt Sozialwohnungen – möchte die Lenggrieser Genossenschaft festhalten. „Es ist derzeit nicht geplant, geförderte Wohnungen zu bauen.“ Um bezahlbare Mieten und Wohnraum für alle anzubieten, „ist es nicht erforderlich, neue Sozialwohnungen zu bauen“.
Millionen Euro für Mietzuschüsse: Dass Wohnungen fehlen, kostet den Landkreis viel Geld
Den Steuerzahler kostet der Mangel an Sozialwohnungen viel Geld: Menschen, die eine Berechtigung hätten, in einer Förderwohnung zu leben, aber keine finden, können Wohngeld-Zuschüsse beantragen. „2023 kamen 1012 Fälle zur Auszahlung“, so Landratsamtspressesprecherin Peischer. Und damit ist das Interesse noch nicht abgedeckt. „Wir erhalten eine weitaus größere Zahl an Anfragen – telefonisch, per Mail, persönlich – als letztlich Anträge auf einen Wohnberechtigungsschein gestellt werden“, so Peischer. 2023 gingen 573 Anträge im Postfach der Behörde ein. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr rund 3,15 Millionen Euro vom Landkreis ausbezahlt.
(Unser Wolfratshausen-Geretsried-Newsletter informiert Sie regelmäßig über alle wichtigen Geschichten aus Ihrer Region. Melden Sie sich hier an.)