Die Ukraine war wegen des US-Verbote für weitreichende Waffen gezwungen, eigene Systeme zu entwickeln. Bald könnte der neuartige Marschflugkörper Flamingo russische Ziele angreifen.
Kiew – Selbst Ziele weit hinter dem Uralgebirge wären in Gefahr: Die Ukraine hat eine neuartige Rakete mit angeblich 3000 Kilometern Reichweite präsentiert. Noch befindet sich die Rakete in der Testphase, bis Jahresende will sich Kiew aber ein größeres Arsenal solcher Waffen zugelegt haben.
Nicht ohne Stolz sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am vergangenen Wochenende in einer Pressekonferenz zur Diskussion um mögliche US-Verbote für den Einsatz weitreichender amerikanischer Waffen gegen Ziele in Russland: „Wir setzen unsere im Inland hergestellten Langstreckenwaffen ein.“ Die Ukraine habe „in letzter Zeit solche Dinge nicht mit den USA diskutiert, das war mal früher“, ergänzte Selenskyj.
Ukrainische Rakete Flamingo: USA hatten Einsatz von weitreichenden Waffen blockiert
Zuvor hatte es Medienberichte, darunter einen des Wall Street Journals, darüber gegeben, dass das Pentagon seit Monaten den Einsatz von Raketen mit größerer Reichweite durch die Ukraine für Angriffe auf Ziele in Russland blockiere. Unter dem ehemaligen US-Präsident Joe Biden hatten die USA der Ukraine im vergangenen Jahr Angriffe mit weitreichenden Waffen gegen militärische Objekte in Russland erlaubt. US-Präsident Donald Trump hatte vergangene Woche gepostet, es sei sehr schwer, wenn nicht unmöglich, einen Krieg zu gewinnen, ohne das Land des Invasors anzugreifen.
Nun sollen die von dem ukrainischen Rüstungsunternehmen Fire Point entwickelten bodengestützten FP-5 Flamingo-Marschflugkörper Abhilfe schaffen. Pro Tag soll zunächst eine Rakete produziert werden können. Bis zum Jahresende will das Unternehmen die Zahl versiebenfachen und auf mehr als 200 Stück pro Monat beziehungsweise 2500 pro Jahr steigern.
Marschflugkörper Flamingo: Reichweite sechsmal so hoch wie von Taurus
Eine solche Rakete hat eine Spannweite von etwa sechs Metern und wiegt um die 6000 Kilogramm, die Nutzlast beträgt 1150, die Gefechtslast mehr als 1000 Kilogramm. Das entspricht 450 bis 550 Kilo Sprengstoff, schätz der Militärblog Missile Matters. Die Reichweite beträgt demnach bis zu 3000 Kilometer – das ist gut sechsmal so viel wie die des deutschen Marschflugkörpers Taurus.
Das hohe Gewicht kombiniert mit der hohen Endgeschwindigkeit des Flamingos soll dafür sorgen können, dass der Sprengkopf tiefer in das Ziel eindringen kann, bevor er explodiert - so soll die Zerstörungskraft erheblich gesteigert werden können. Auch der Wirkungsradius soll enorm sein. Langfristig könnte der Flamingo so zu einem entscheidenden Instrument der Abschreckung für Kiew werden, schreibt der Militärblog.
Neuartige Rakete Flamingo: Deutschland könnte an Entwicklung beteiligt gewesen sein
Spannend ist zudem, dass auch Deutschland möglicherweise an der Entwicklung der Marschflugkörper beteiligt gewesen ist. Bundeskanzler Friedrich Merz hatte bei seinem ersten Amtsbesuch in Kiew erklärt, künftig deutsche Waffenlieferungen nicht mehr in der Öffentlichkeit bekanntzugeben. So soll erreicht werden, dass Russland nicht im Voraus weiß, welche Waffen an die Ukraine geliefert werden. Zudem gab er bekannt, dass in die ukrainische Rüstungsindustrie investiert werden soll. Ob die deutsche Bundesregierung den Flamingo mitfinanziert hat, ist unklar.
Dem TV-Sender Euronews sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums, „aus Gründen der militärischen Sicherheit“ könnten keine Fragen „zu einzelnen Waffensystemen bzw. der Unterstützung einzelner Wirtschaftsunternehmen“ beantwortet werden. Allerdings wies er auf eine Pressemitteilung zur Unterstützung weitreichender Waffen in der Ukraine vom 28. Mai hin. Dort heißt es, Deutschland werde „künftig die Produktion von weitreichenden Waffensystemen in der Ukraine finanzieren“.
Ukrainisch-deutsche Zusammenarbeit: Klingbeil will „ukranische Armee stark machen“
Weiter steht in der Mitteilung des Ministeriums: „Noch in 2025 soll so eine erhebliche Stückzahl von weitreichenden Waffensystemen produziert werden. Die Waffensysteme stehen den ukrainischen Streitkräften rasch zur Verfügung - die ersten können bereits in wenigen Wochen zum Einsatz kommen.“
Auch der Besuch des Vizekanzlers und Bundesfinanzministers Lars Klingbeil in der Ukraine könnte damit zumindest in einem größer gefassten Rahmen in Zusammenhang stehen. In der ARD sagte Klingbeil, er wolle „die ukrainische Armee stark machen“. Es gehe darum, wie der ukrainischen Armee in jedem Szenario geholfen werden kann. Im Fokus seines Besuchs habe die Frage gestanden: „Wie können wir die Ukraine in einen Zustand bringen, dass sie nie wieder von Russland angegriffen werden kann?“ Ein „großer Wunsch an Deutschland“ sei es, dass deutsche und ukrainische Firmen bei der Rüstungsproduktion zusammenarbeiten. (fmü/dpa)