Grundwasser-Not-Betroffene aus Garching schreiben Brandbrief an Landrat: Göbel will finanzielle Zuwendungen prüfen

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Noch immer müssen ein paar Bürger aus dem Südosten Garchings Wasser aus den Kellern pumpen. Der Schaden ist immens. Deshalb hoffen Betroffene wie (v.l.) Patrick Löffler, Stadtrat Walter Kratzl (Grüne), Gabriele Oswald-Rübig, Claudia Howell, Christa Sauer, Tanja Pavars und Beatrice Löffler mit Noel auf Hilfe. © Ursula Baumgart

Seit Wochen haben Garchinger mit hohem Grundwasser zu kämpfen. Mittlerweile sinkt der Pegel zwar wieder und in die meisten Keller strömt kein Wasser, doch die Ängste und Sorgen der Betroffenen sind weiter groß. Sie haben einen Brandbrief an den Landrat geschrieben und hoffen auf Hilfe.

Garching – Hier und da sprudelt aus einem Schlauch Wasser auf den Asphalt, auf den Gehwegen und in den Vorgärten stehen vereinzelt Möbel und Gegenstände. Viele Hinweise auf den Ausnahmezustand, der derzeit im Südosten von Garching herrscht, gibt es nicht. Wer durch die Straßen geht, sieht nicht auf den ersten Blick, dass viele der Anwohner seit Wochen schlaflose Nächte haben. Die Katastrophe verbirgt sich nämlich hinter verschlossenen Türen, in den Kellern der Betroffenen – viele davon standen oder stehen unter Wasser (wir berichteten). Der Grund ist der hohe Grundwasserspiegel.

Die Situation hat sich mittlerweile so sehr zugespitzt, dass rund 80 Betroffene sich zusammengetan und einen Brandbrief an Landrat Christoph Göbel geschrieben haben. „Teilweise kämpfen Familien bereits seit über drei Wochen mit Wasser im Keller, pumpen dieses ohne Pause Tag und Nacht aus. In einigen wenigen Fällen ist das Wasser mittlerweile zurückgegangen. In allen Fällen bleibt jedoch ein erheblicher wirtschaftlicher Schaden, teilweise existenzbedrohend. Neben den blank liegenden Nerven treibt uns auch die Frage nach der Ursache und dem weiteren Vorgehen um“, heißt es in dem Schreiben, das Claudia Howell vertretend für alle Betroffenen verfasst hat.

Rund 80 Betroffene aus Garching hoffen auf Hilfe und Unterstützung

Die Garchinger hoffen, auf Unterstützung vom Landkreis. Landrat Göbel hat nicht lange überlegt und sich einen Tag nach Eingang des Briefes auf Einladung der Anwohner selbst ein Bild vom Ausmaß des Schadens und den Problemen der Betroffenen gemacht. Rund 20 Anwohner waren dabei.

Angebot der Stadt Garching für Betroffene

Die Stadt hat die E-Mail-Adresse hilfe@garching.de und die Telefonnummer (089) 32 08 91 57 eingerichtet, an die sich betroffene, ältere und hilfsbedürftige Bürger wenden können. Vereine und Institutionen haben ihre Unterstützung angeboten, wie etwa für die Mithilfe beim Ausräumen eines Kellers. Außerdem fährt die Firma Steiger eine Sperrmüll-Sondertour Anfang Januar. Zur Anmeldung werden die Sperrmüll-Bestellkarten (gibt es über www.garching.de/bestellkarte und in der Abfallbroschüre) verwendet. Um die Tour zuordnen zu können, werden die Bürger gebeten, den Betreff „Grundwasser“ zu vermerken. Bis Ende Januar fällt keine Sondernutzungsgebühr für das Aufstellen eines Abfallcontainers auf öffentlichem Grund an. Die Grundwasserpegelstände dreier Messstationen gibt es ab sofort unter www.garching.de/Grundwasserpegelstände.

Göbel sicherte den Betroffenen zu, alle Beobachtungen im Zusammenhang mit dem Anstieg des Grundwasserspiegels in Garching zur Prüfung an das Wasserwirtschaftsamt weiterzuleiten beziehungsweise im Landratsamt prüfen zu lassen.

Gabriele Oswald-Rübig: „Es war alles top in Schuss, jetzt ist es im Eimer.“

Göbel erklärte auch, dass die Ausrufung des Katastrophenfalls hier nicht möglich sei und den Bürgern auch keine finanzielle Hilfe bringen würde. Das bayerische Katastrophenschutzgesetz befasst sich ausschließlich mit der unmittelbaren Gefahrenabwehr und ermöglicht einen leichteren Zugriff auf Hilfskräfte, enthält aber keine Regelungen über die Beseitigung der Folgen. Der Landrat sicherte den Anwohnern jedoch zu, zu prüfen, inwieweit andere finanzielle Zuwendungen, beispielsweise über den bayerischen Härtefonds, greifen könnten, teilt das Landratsamt mit. Während seines einstündigen Besuchs in Garching besuchte Göbel auch den Keller von Gabriele Oswald-Rübig, die im Auweg wohnt.

So hoch stand das Wasser im Untergeschoss von Gabriele Oswald-Rübig im Auweg. Mittlerweile stehen neun Trocknungsgeräte in den Räumen.
So hoch stand das Wasser im Untergeschoss von Gabriele Oswald-Rübig im Auweg. Mittlerweile stehen neun Trocknungsgeräte in den Räumen. © Ursula Baumgart

Im Flur stehen mehrere Paare gelbe Gummistiefel, die Treppe ins Untergeschoss ist mit Vlies ausgelegt. Vor dem Kellereingang hängt ein Plastikvorhang, der Boden ist zwar nicht mehr mit Wasser bedeckt, doch die Luft fühlt sich noch feucht an, neun Trocknungsgeräte brummen. Ein Schrank ist unter der Last des Wassers zusammengebrochen, sagt Oswald-Rübig. Regale stehen krumm und schief mitten im Raum. Alle noch brauchbaren Gegenstände sind in dichte Wannen und Kisten verpackt. Schon 26 Jahren lebt Oswald-Rübig in dem Haus, mit Hochwasser hatte sie noch nie ein Problem. Seit Sonntag, 10. Dezember – an dem Tag wurde ihr Keller geflutet – steht ihr eine Fachfirma zur Seite und versucht die 90 Quadratmeter große Fläche wieder trocken zu bekommen und noch größere Schäden zu vermeiden. „Das Schlimme ist, dass es mit dem Trocknen ja nicht getan ist. Danach muss alles erneuert werden und verdichtet.“ Der erste Kostenvoranschlag der Fachfirma liegt bei rund 20 000 Euro, insgesamt rechnet sie mit rund 150 000 Euro. „Vor zwei Jahren habe ich das Haus für 100 000 Euro renoviert. Es war alles top in Schuss, jetzt ist es im Eimer“, sagt Oswald-Rübig niedergeschlagen. Bis vor drei Wochen hat sie solch eine Situation nicht für möglich gehalten. „Das lässt einen verzweifeln. Ich habe auch schon darüber nachgedacht wegzuziehen aus Angst, dass so etwas noch mal passiert. Das will ich nicht wieder erleben.“

Patrick Löffler: „Es gab Zeiten, da haben wir bereut, das Haus gekauft zu haben.“

Nur wenige Meter weiter steht das Haus von Patrick und Beatrice Löffler. „Es war unser Sechser im Lotto. Wir haben über zehn Jahre gesucht“, sagt Patrick Löffler. Erst im November hat das Ehepaar das Haus gekauft und mit den Renovierungsarbeiten begonnen. Kurz darauf, am 23. November, ist bereits Wasser in den Keller eingedrungen. „Das war weit vor dem heftigen Schneefall“, sagt Löffler, der nicht daran glaubt, dass der hohe Grundwasserspiegel nur vom Schmelzwasser kommt. Auch das Wasserwirtschaftsamt geht derzeit davon aus, dass eine gebündelte Grundwasserneubildung eine weitere Ursache für die vollgelaufenen Keller sein könnte. „Für den Kopf ist es schwierig, dass man nicht genau weiß, wie es zu dieser Situation gekommen ist, wie lange sie noch dauert und ob sie wieder kommt“, sagt Beatrice Löffler. „Es gab Zeiten, da haben wir bereut, das Haus gekauft zu haben“, sagt ihr Mann. „Wir waren zeitweise machtlos. Das Abpumpen war eine Sisyphusaufgabe.“

84 Mitglieder hat die Grundwasser-Whatsapp-Gruppe mittlerweile.
84 Mitglieder hat die Grundwasser-Whatsapp-Gruppe mittlerweile. © Ursula Baumgart

Mittlerweile ist das Wasser zurückgegangen. „Seit zwei Tagen haben wir nicht mehr ständig Tränen in den Augen.“ Auch dank des Zuspruch und der Hilfe von Freunden, Familie und Fremden, die über den Artikel im Münchner Merkur auf die Situation der Löfflers aufmerksam geworden sind, kommt etwas Hoffnung auf. Doch wenn Löffler an die Arbeit und Kosten denkt, die ihm noch bevorstehen, wird ihm ganz anders. Rund 100 000 Euro fallen an, um den Keller wieder auf Vordermann zu bringen und abzudichten. Geld, das für die Renovierung des Hauses gedacht war. „Wir können keine neuen Fenster kaufen, weil wir nicht wissen, was im Keller finanziell auf uns zukommt.“

Derzeit lebt die vierköpfige Familie noch in einer Wohnung in Garching. Die Dauerbelastung von Miete und Kredit können die Löfflers nur eine gewisse Zeit stemmen, doch nun verzögert sich der Einzugstermin. „Die Lage ist wirklich existenzbedrohend“, sagt Patrick Löffler.

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