Silvester in Deutschland klingt nach Knall, riecht nach Rauch und steht für diesen kurzen Moment, in dem die Nacht hell wird. Für viele ist das gelebte Freiheit, Ritual, Kindheitserinnerung. Für andere ist es Kontrollverlust, Verletzungsgefahr, Feinstaub und Gewalt. Zwei Wirklichkeiten, ein Datum. Selten standen sie sich so unversöhnlich gegenüber wie jetzt. Und eine Frage wird immer größer: Wann kommt das Böllerverbot auch in Deutschland?
Es tobt eine Debatte, die jedes Jahr lauter wird. Der Jahreswechsel 2024 hat die Diskussion weiter angeheizt. Es gab Tote. Hunderte Verletzte. Allein in Berliner Kliniken über 360 Behandelte. Dazu Bilder, die hängen bleiben: Kugelbomben, die Straßenzüge zerreißen. Angriffe auf Polizei und Feuerwehr. Eine Rakete, die in ein Wohnhaus einschlägt.
Böllerverbot: Immer mehr Befürworter in Deutschland
Es geht auch längst um mehr als Lärm und Müll. Haustiere verfallen in Panik. Wildtiere werden aufgeschreckt und erleiden einen Energieverlust im Winter. Umweltverbände zählen Feinstaubspitzen und Müllberge für ein Spektakel von Minuten.
Die Stimmung in Deutschland kippt. Schon 2022 sprachen sich 53 Prozent für ein Verbot privater Pyrotechnik aus, neuere Umfragen liegen heute höher. So kommt eine aktuelle Forsa-Erhebung zu dem Ergebnis, dass sich eine klare Mehrheit der Bevölkerung Einschränkungen beim privaten Silvesterfeuerwerk wünscht.
Frauen unterstützen ein Verbot deutlich häufiger
Rund sechs von zehn Befragten befürworten ein entsprechendes Verbot. Auffällig sind die Unterschiede zwischen den Geschlechtern: Frauen unterstützen ein Verbot deutlich häufiger als Männer. Zwar überwiegt auch unter Männern knapp die Zustimmung, doch bei jungen Männern zwischen 18 und 29 Jahren kippt das Bild – hier überwiegt die Ablehnung leicht.
Deutlich wird der Meinungsgraben auch entlang politischer Linien: Besonders groß ist die Zustimmung in der Wählerschaft der Linken, während Anhänger der AfD als einzige größere Gruppe mehrheitlich gegen ein Verbot votieren.
Dieses Umfrageergebnis spiegelt sich derzeit auch in Petitionen, die sich für ein Böllerverbot aussprechen. Sie haben bereits Millionen an Unterschriften gesammelt. Die Petition „Bundesweites Böllerverbot, jetzt!“, initiiert von der Gewerkschaft der Polizei Berlin, kommt allein schon auf rund 2,6 Millionen Unterschriften. Das Bündnis #böllerciao, getragen von Umwelt-, Ärzte-, Kinder- und Polizeiverbänden hat fast eine Million Unterschriften.
Die Argumente für ein Böllerverbot
Die Befürworter argumentieren klar und entlang harter Linien. Auch prominente Stimmen häufen sich. Ärztepräsident Klaus Reinhardt spricht etwa von einer „wilden Böllerei“, die eine „reife Gesellschaft“ nicht mehr akzeptieren könne.
Die Bereiche Sicherheit und Gesundheit sind den Verbots-Befürwortern zufolge stark betroffen. Jedes Jahr gibt es schwere Verletzungen, teils irreversibel. Notaufnahmen laufen am Limit.
Der Schutz von Einsatzkräften kann zudem nicht gewährleistet werden. Polizeigewerkschaften berichten jedes Jahr von gezielten Angriffen mit Pyrotechnik. Böller werden als Waffe eingesetzt – traurige Realität in Deutschland.
Umwelt und Tiere leiden außerdem extrem: Feinstaub, Müll, Stress bis zur Todesangst bei Tieren. Besonders fatal ist die Böllerei für Wildtiere im Winter.
Hinzu kommen Probleme mit illegaler Pyrotechnik. Verbotene Kugelbomben tauchen immer häufiger auf öffentlichen Plätzen auf und gefährden Menschen.
Der Kern des Verbots-Arguments: Ein bundesweites Verbot schafft Klarheit. Der kommunale Flickenteppich überfordert hier, rechtlich wie praktisch.
Die Gegenargumente: Tradition, Freiheit, Wirtschaft
Die Gegenseite warnt jedoch jedes Jahr aufs Neue vor dem großen Schnitt. Für viele gehört privates Feuerwerk zur Silvesterkultur. Ein pauschales Verbot treffe auch jene, die sich an Regeln halten. Der Verband der pyrotechnischen Industrie (VPI) verweist darauf, dass schwere Unfälle meist durch illegale Ware verursacht werden und nicht durch zugelassene Produkte.
Und da ist noch das Geld. Rund 197 Millionen Euro Umsatz bringt das Silvestergeschäft, laut VPI. Marktführer hierzulande ist Weco, der letzte größere Produzent mit eigener Fertigung: etwa 260 Beschäftigte, 136 Millionen Euro Umsatz 2023/24. Doch auch hier zeigt sich Abhängigkeit: Nur etwa 15 Prozent des Firmenumsatzes entfallen auf Waren aus eigener Produktion. Der Rest ist Importware, vor allem aus China.
Ein Blick auf die Zahlen: Importboom trotz Debatte
Die Statistik offenbart: Von Januar bis September 2025 wurden über 42.400 Tonnen Feuerwerkskörper importiert. Das entspricht dem Gewicht von mehr als 70.000 Mittelklassewagen, oder der Ladung von fünf bis sechs großen Containerschiffen.
Das macht ein Plus von 62,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. 98 Prozent davon aus China. Wenn also eine Wirtschaft stark vom Böllerverkauf profitiert, dann ist es die chinesische.
Deutsche Feuerwerkskörper-Exporte spielen nur eine Nebenrolle. Der starke Importzuwachs spiegelt vielmehr eine wachsende Nachfrage auf dem deutschen Binnenmarkt wider. Was zeigt: gesellschaftliche Skepsis hier, aber robuste Nachfrage dort.
Müllberge und hohe Kosten für den Steuerzahler
Und wo die einen verdienen, zahlen andere kräftig drauf: In vielen Großstädten fallen nach dem Jahreswechsel zig Tonnen Müll an, die von der Stadtreinigung in Sonderschichten beseitigt werden. Je nach Stadt summieren sich die Aufräumkosten auf Hunderttausende Euro pro Jahr.
Da die Verursacher in der Regel nicht individuell ermittelt werden können, werden diese Ausgaben über kommunale Haushalte und Gebühren finanziert – und damit letztlich von Steuer- und Gebührenzahlern getragen.
Zwar gilt rechtlich das Verursacherprinzip: Wer Feuerwerksreste auf Gehwegen, Straßen oder in Grünanlagen hinterlässt, ist zur Beseitigung verpflichtet und kann mit Bußgeldern im dreistelligen bis vierstelligen Bereich belegt werden, in schweren Fällen auch deutlich höher.
In der Praxis werden jedoch nur wenige Verstöße geahndet. Der Großteil der Kosten für Reinigung, Entsorgung und Sicherung öffentlicher Flächen bleibt deshalb bei der Allgemeinheit.
Böllerverbot: Dass es anders geht, zeigen andere Länder
International ist privates Feuerwerk indes eher die Ausnahme als die Regel. Das erhöht auch hierzulande den Druck für ein Verbot.
Paris etwa setzt in weiten Teilen auf kommunale Shows. In New York ist privates Feuerwerk verboten, der Jahreswechsel wird am Times Square mit Konfetti und Licht gefeiert. Sydney untersagt privates Zündeln wegen extremer Brandgefahr und liefert dafür eines der spektakulärsten organisierten Feuerwerke der Welt. Wien kennt weitreichende Verbote im Stadtgebiet – mit bekannten Durchsetzungsproblemen.
Der Befund: Verzicht ist möglich, ohne den Jahreswechsel zu entkernen.
Noch weiter ist man zuletzt in der Niederlande gegangen: Die Regierung in Den Haag hat ein landesweites Verbot privaten Feuerwerks beschlossen. Ab dem Jahreswechsel 2026/2027 dürfen Privatpersonen weder Raketen noch Böller kaufen oder zünden.
Anlass waren wiederholte schwere Ausschreitungen, Verletzungen von Einsatzkräften sowie hohe Schäden in den Kommunen rund um den Jahreswechsel. Probleme, die man auch in Deutschland kennt.
Künftig soll der Jahreswechsel ausschließlich mit zentral organisierten Feuerwerken begangen werden. Die niederländische Regierung verweist auf positive Erfahrungen einzelner Städte und erwartet eine deutliche Entlastung für Polizei, Feuerwehr und Krankenhäuser.
Deutschlands Nachbarn zeigen: Ein vollständiger Abschied vom privaten Böllern ist politisch durchsetzbar, sofern Sicherheits- und Ordnungserwägungen Vorrang vor der Tradition erhalten.
Die Rechtslage: Hohe Hürden für ein bundesweites Verbot
Entscheidend bleibt aber das Recht. Das Sprengstoffrecht ist Bundesrecht. Ein flächendeckendes Verbot erfordert eine Änderung des Sprengstoffgesetzes. Länder und Kommunen dürfen bislang nur punktuell eingreifen. Gerichte haben diese Kompetenzverteilung zuletzt bestätigt und kommunale Totalverbote kassiert.
Eine Umfrage des „Spiegel“ zeigt, dass ein bundesweites Böllerverbot unter den Ländern derzeit keine Mehrheit findet. In der Abfrage unter allen 16 Bundesländern sprachen sich unter anderem Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen und Thüringen ausdrücklich gegen ein solches Verbot aus. Weitere Länder lehnten den Schritt ebenfalls ab oder verwiesen auf die bestehende Rechtslage, die lediglich kommunale Verbotszonen erlaubt.
Explizite Unterstützung für ein bundesweites Verbot kam nur aus Berlin und Bremen. Einige Länder – darunter Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern – zeigten sich zwar offen für weitergehende Einschränkungen, legten sich jedoch nicht eindeutig fest.
Realistisch sind daher in Deutschland eher Verschärfungen im Detail, wie etwa größere Verbotszonen, schärfere Kontrollen oder ein härteres Vorgehen gegen illegale Importe.
Kommt das Böllerverbot in Deutschland? Verbot unwahrscheinlich, Verschärfungen realistisch
Die Debatte ist so aufgeheizt wie selten. Die gesellschaftliche Stimmung kippt langsam. Petitionen gewinnen Gewicht. Die Argumente werden schärfer. Gleichzeitig stehen hohe rechtliche Hürden, föderale Widerstände und wirtschaftliche Interessen einem schnellen Kurswechsel entgegen.
Ein bundesweites Böllerverbot bleibt demnach auf absehbare Zeit unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist der leise Umbau: mehr Verbotszonen, mehr Kontrolle, weniger Toleranz für illegale Pyrotechnik und ein schrittweiser kultureller Wandel hin zu zentral organisierten Feuerwerken.
Ob das private Böllern irgendwann Geschichte ist, entscheidet sich nicht in einer einzigen Silvesternacht. Sondern in der Frage, ob Politik und Gesellschaft bereit sind, Tradition neu zu denken.