Ventsislav Zhelev aus Gütersloh hat die Schule abgebrochen und sich an seinem 18. Geburtstag selbstständig gemacht. Seit einem halben Jahr reinigt er Fenster, Fassaden und Einfahrten. Nebenher teilt er seinen Weg auf Social Media und ging auf TikTok und Instagram viral. Insgesamt haben rund fünf Millionen Menschen seine Videos gesehen.
FOCUS online: Mehrarbeit, Verantwortung, Risiko – warum willst du dein eigener Chef sein?
Ventsislav Zhelev: Natürlich müsste ich mir mit einem festen Arbeitsplatz keine Sorgen machen. Ich könnte nach meiner Schicht einfach nach Hause gehen. Dass viele das so wollen und damit zufrieden sind, verstehe ich. Mir wäre das aber nicht genug – auch finanziell nicht.
Ich könnte mir nicht vorstellen, jeden Tag starr von acht bis 17 Uhr irgendwo zu arbeiten. Selbst wenn der Arbeitsplatz variiert, will ich lieber selbstständig sein und für meinen eigenen Weg Verantwortung tragen. Mein Ziel ist mehr Geld und, wenn es später gut läuft, auch mehr Freizeit.
Warum haben Sie eine Reinigungsfirma gegründet und kein IT-Start-up, wie der Großteil junger Unternehmer?
Zhelev: Schon mit 13 Jahren habe ich mein eigenes Geld online verdient. Damals, während der Corona-Zeit, habe ich live auf Twitch gestreamt. Das hat mir gefallen. Aber ich war auch schon immer handwerklich aktiv. Außerdem liebe ich es, unter Menschen zu sein. Deswegen ist das Reinigen für mich ein super Job, auch wenn ich das sicher nicht mein ganzes Leben lang machen werde.
Wenn alles klappt, kann ich die Reinigungsfirma in vier oder fünf Jahren automatisieren und ein weiteres Unternehmen gründen. Ich möchte in meinem Leben wirklich erfolgreich werden.
„Ich habe immer gesagt: Wenn das funktioniert, breche ich die Schule ab“
Weiter zur Schule gehen wollten Sie nicht – warum?
Zhelev: Ich habe mein Fachabitur in Fachinformatik angefangen und währenddessen mein Business gestartet. Um Videos für Social Media zu drehen und Reichweite zu generieren, habe ich anfangs gratis geputzt. Ich habe mir immer gesagt: „Wenn das funktioniert, breche ich die Schule ab und arbeite Vollzeit selbstständig.“ Eines meiner Videos hat dann 2,8 Millionen Menschen erreicht. Das war der Startschuss, ab da habe ich Gas gegeben.
Was haben Ihre Freunde und Ihre Familie zu Ihren Plänen gesagt?
Zhelev: Ich hatte ein, zwei Freunde, die wirklich an mich geglaubt haben. Die fanden es krass, dass mein Video so oft geklickt wurde, und haben sich für mich gefreut. Aber es gab auch Bekannte – Freunde will ich sie nicht nennen –, die neidisch waren. Sie haben darüber gelacht und mich erst als „Putze“ abgestempelt. Dabei reinige ich professionell.
Meine Eltern wollten eigentlich, dass ich eine sichere Festanstellung habe. Nachdem sie aber gesehen haben, wie hart ich arbeite und als meine Geschichte in der Lokalzeitung stand, fingen sie an, an mich zu glauben. Sie sind zwar noch nicht restlos überzeugt, unterstützen mich aber trotzdem.
„Noch immer lerne ich mit jedem neuen Auftrag dazu“
Sie sprechen vom professionellen Reinigen und nicht vom Putzen – wie haben Sie das gelernt?
Zhelev: Während meiner Schulzeit habe ich ein Praktikum in einer Reinigungsfirma gemacht. Dort macht jetzt ein Freund von mir seine Ausbildung. Eigentlich wollten wir das Unternehmen zusammen aufbauen, jetzt mache ich allein weiter. Während des Praktikums habe ich das Handwerk gelernt und erste Erfahrungen gesammelt. Aber ich lerne noch immer mit jedem neuen Auftrag dazu.
Wie viel haben Sie bisher in Ihre Firma investiert?
Zhelev: Ich habe in einem Imbiss auf Minijobbasis gearbeitet und gegrilltes Fleisch verkauft. Den Lohn habe ich gespart, um investieren zu können – vor allem in Arbeitskleidung, Reinigungsmittel und Hochdruckreiniger. Es waren insgesamt zwischen 800 und 1000 Euro. Meinen ersten Hochdruckreiniger hatte ich mir allerdings schon gekauft, als ich 17 war.
„Die Flyer verteile ich, wenn ich mit meiner Freundin spazieren gehe“
Wie erreichen Sie Ihre Kunden?
Zhelev: Meine Videos auf Social Media und die Zeitungsartikel helfen dabei, Vertrauen aufzubauen. Aber um direkt Kunden zu binden, reicht das oft nicht. Die meisten Aufträge erhalte ich durch Kaltakquise, Weiterempfehlungen und klassische Werbung wie Visitenkarten oder Flyer. Das Design sowie das Drehen und Schneiden der Videos mache ich alles selbst. Die Flyer verteile ich oft, wenn ich mit meiner Freundin spazieren gehe. Dann klingele ich direkt und frage nach oder werfe sie in die Briefkästen.
Seit Juli sind Sie offiziell selbstständig – wie läuft es bisher?
Zhelev: Mein Freund, mit dem ich gemeinsam starten wollte, ist ausgestiegen. Das war ein harter Rückschlag, das Projekt stand über einen Monat still. Aber ich will weitermachen. Meine Freundin unterstützt mich dabei sehr. Vor etwa einem Monat habe ich zusätzlich angefangen, für 20 Stunden die Woche in der Logistik zu arbeiten, um Kapital anzusammeln und meinen Führerschein finanzieren zu können.
Wenn Sie noch nicht mobil sind – wer bringt Sie zu den Aufträgen?
Zhelev: Meine Kumpels helfen mir aus und fahren mich. Im Notfall springt auch meine Mutter ein.
„Wenn es richtig gut läuft, sind locker 5000 Euro im Monat möglich“
Wie viele Kunden haben Sie aktuell?
Zhelev: Meinen ersten zahlenden Kunden hatte ich am 11. Juli. Momentan sind es wieder etwas weniger, aber in meiner besten Woche hatte ich fünf Kunden. Das, was ich bisher verdiene, reicht mir aber noch nicht. Mir fehlen regelmäßige Aufträge, die im Schnitt 150 Euro bringen. Je nach Aufwand sind es pro Auftrag zwischen 80 und 350 Euro. Wenn es richtig gut läuft, sind locker 5000 Euro Umsatz im Monat möglich.
Wie sind Ihre Erfahrungen mit den Kunden vor Ort?
Zhelev: Ich hatte schon Kunden Anfang 20, aber vor allem für ältere Menschen arbeite ich gerne, weil ich weiß, dass ich ihnen wirklich helfen kann. Eine Kundin war so begeistert, dass wir nach der Arbeit noch etwas zusammen getrunken haben. Eine andere brachte mir sogar kostenlos Abzieher und Reinigungsmittel zu mir nach Hause vorbei, weil ihr Bruder eine Großfirma für Reinigungsartikel hat. Das war wirklich süß.
Nur mit einem Kunden musste ich bisher diskutieren: Er wollte weniger zahlen und die private Rechnung über seine Firma laufen lassen – das geht natürlich nicht.
„Anpacken und mit dem Kopf durch die Wand“
Ein halbes Jahr ist vergangen – würden Sie jeden Schritt genauso wieder gehen?
Zhelev: Nein, ich bin ehrlich: Ich hätte lieber das Fachabi durchziehen und auf meine Eltern hören sollen. Es wäre nur noch ein Jahr gewesen. Das möchte ich auch allen anderen raten.
Trotzdem bin ich mir sicher, dass ich meine Ziele erreichen werde. Ich bereue nichts, aber vielleicht hätte ich noch konsequenter dranbleiben und mich weniger ablenken lassen sollen. Mein Motto ist: Anpacken und mit dem Kopf durch die Wand.
Wenn Sie in die Zukunft blicken – wovon träumen Sie?
Zhelev: Ich möchte die Firma so weit aufbauen, dass ich Angestellte einstellen kann. Das würde mir den Freiraum geben, weitere Businessmodelle zu starten. Ich möchte später in Aktien oder Immobilien investieren. Für den Jahresbeginn hoffe ich erst einmal auf regelmäßige Aufträge. Mein nächster großer Schritt ist der Führerschein und die Investition in einen eigenen, beschrifteten Firmenwagen. Das ist mein Plan.