Shoppingtrends mit Tradition auf dem Erdinger Kirchweihmarkt

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Der bestbesuchte Markt: An Kirchweih triff sich Erding in der Innenstadt. Viele schauten der Trachtengruppe vom Edelweiß-Stamm Erding zu. Auch die Erdinger Stadtkapelle spielte auf. © HANS STERR

Wo man am Erdinger Kirchweihmarkt seit Jahrzehnten einkauft.

Erding – „Provenzialisch, karibisch oder blau“, will Herbert Kassecker von einer Kundin wissen, die ihn nach einem Fischgewürz fragt. Der 65-Jährige steht seit elf Jahren mit seinem Gewürzstand vor dem Schönen Turm, vor ihm bot über 30 Jahre lang Uwe Schulze duftende Ware aus aller Herren Länder an. Kassecker, zuvor Inhaber der Frutti Bar am Flughafen, führte den Stand unter dem früheren Namen weiter. Denn der „Gewürz Uwe“ ist in Erding ein Begriff, an den Marktsonntagen schnuppern nicht nur zufällige Passanten in die Welt der tausend Düfte hinein.

Gewürze für Exotik und Hausmannskost

„Zu mir kommen viele Stammkunden“, sagt Kassecker. Zu diesen gehören Manfred und Georgine Huber aus Reisen. „Guade Ware hod er ja“, sagt Manfred Huber, der sich gerne einen verbalen Schlagabtausch mit dem Fieranten aus Feldkirchen liefert. „Jetzt leit‘s da dann a Leberkassemmel“, frotzelt er, nachdem er bezahlt hat. Kassecker lacht und schüttelt mit dem Kopf. „Ich esse gar keine Leberkassemmeln“, stellt er später klar. Zu exotische Würzmischungen nimmt Georgine Huber nicht mit, denn: „Wir kochen hauptsächlich bayerisch und ein Gewürz muss zu dem passen, was man kocht.“

Kassecker kauft seine Salze, Pfeffer, Gewürze und Kräuter an der Börse in Hamburg, ein Teil kommt aus Franken. Die Gewürzmischungen, die er an seiner selbst geschreinerten Auslage anbietet, mischt er selbst. Inspirieren lässt er sich dabei von seinem eigenen Geschmack, aber auch bewährten Rezepturen von anderen. So gibt es seit kurzem den Freisinger Pfeffer, den „der Günther vom Löwenwirt in Freising“ für seine „Schweinelendchen in Pfefferkruste“ verwendete. „In dem Pfeffer lebt der Günther weiter“, sagt Kassecker und wendet sich seiner nächsten Kundin zu, die „scharfen Chili“ verlangt. „Richtig scharf oder gemein scharf“, fragt er sie.

Flauschiges mit Tradition: Michael Laurich bietet seit 29 Jahren auf dem Erdinger Kirchweihmarkt Lamm- und Schaffellprodukte an.
Flauschiges mit Tradition: Michael Laurich bietet seit 29 Jahren auf der Erdinger Kirta Lamm- und Schaffellprodukte an. © HANS STERR

Schräg gegenüber breitet Michael Laurich (47) seine flauschigen Schaffelle auf einem langen Tisch aus. Seit halb vier Uhr morgens richtet er seinen Stand vor dem Rathaus her, stellt kleine und größere Fellschühchen in Reih und Glied und hängt Unterbetten und Kinderfellsäcke auf. Seit er 18 Jahre alt war, fährt er mit seinen Kuschelprodukten auf Märkte. Auch in Erding ist er seit rund 29 Jahren präsent, auch an Kirchweih. Seine Eltern sind derweil auf der Auer Dult in München, am Münchner Christkindlmarkt ist dann das gesamte Familienunternehmen gefordert.

Gefertigt werden die Pantoffeln und Handschuhe, die Autositzbezüge und Nackenstützen, die Mützen und Schuheinlagen in den Werkstätten in Ringelsdorf und Inning am Holz. Die Lamm- und Schaffelle kommen aus der ganzen Welt: Ein Robustes, Raues aus Straubing, ein graues Gelocktes aus Gotland, ein Langhaariges von der Nordseeküste und ein seidig Zartes aus Portugal. „Wir arbeiten nur mit Fellen von Tieren, die gegessen werden“, erklärt Laurich. Die mit Olivenextrakt, Taraschote oder die medizinisch gegerbten Felle müssen zunächst nach ihrer Oberflächenbeschaffenheit sortiert werden. Anschließend näht sie Laurich zusammen, fasst sie ein, bügelt und schert sie.

Fellbeschuhte Kinderfüßchen

Zu den Verkaufsschlagern gehören die Hausschuhe. Laurich selbst schlüpft am liebsten in die Pantoffeln, sein Freund Philipp Frank, ein Münchner Künstler, der ihm heute am Stand hilft, mag am liebsten die, die bis über die Knöchel reichen. Die nimmt er sogar mit, wenn er in Thailand arbeitet – für die kühlen Nächte. Die kleinen Schühchen für Kleinkinder hat Laurichs Mutter designt – sie sind immer noch sehr beliebt bei den Kunden. Wer am Kirchweihmarkt keine Zeit hatte, kann die flauschigen Produkte auch am 2. und 16. November in der Werkstatt in Ringelsdorf kaufen.

Die Welt in Holzkästchen: Herbert Kassecker verkauft an seinem Stand exotische und regionale Gewürze, Salze und Kräuter.
Die Welt in Holzkästchen: Herbert Kassecker verkauft exotische und regionale Gewürze, Salze und Kräuter. © HANS STERR

Verarbeitete Tierhaare gibt‘s auch an einem weiteren traditionsreichen Stand auf dem Erdinger Kirchweihmarkt: Gregor Staubert aus Abensberg hat seit 37 Jahren Bürsten und Besen für jeden Gebrauch im Angebot. Aus dem Ausland stammen lediglich Materialien wie die Fibre-Borsten aus Mexiko oder die Straußenfedern aus Südafrika. Alles andere, vom Holz bis zum Haar, kommt aus Niederbayern, dem Schwarzwald oder aus Ostdeutschland. Einige Produkte, wie bestimmte Bürsten aus Ziegenhaar oder die gedrehten Bürsten, fertigt Staubert selbst, andere bezieht er von anderen Bürstenmachern in Deutschland.

Über 700 Bürsten und Besen hat er in Erding dabei. Darunter exotische wie die Blattbürste zum Entstauben von Grünpflanzen und saisonale wie den Reisigbesen. „Bürsten nimmt man unbewusst in die Hand, aber jeder benutzt sie jeden Tag“, sagt seine Frau Maria. Bei einer Bürste kann man das zumindest hoffen: der Scheißheislbürste.

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