"Meine Seele war ein Totalschaden": Als Verschickungskind wurde Markus missbraucht

Markus Schnermann ist fünf Jahre alt, als er für in eine Klink ins Allgäu geschickt wird. Der sechswöchige Aufenthalt wird ein Höllentrip, unter dem der 57-jährige Unternehmer bis heute leidet.

FOCUS online: Herr Schnermann, Sie wurden mit fünf Jahren von zu Hause weggeschickt. Von ihrer Heimat im Münsterland nach Lenggries im Allgäu, in eine Klinik. Ihre Mutter meinte, die Menschen dort würden nur das Beste für Sie wollen. Warum der Klinikbesuch?

Markus Schnermann: Gute Frage. Offiziell hieß es, ich sei zu dünn, müsse zunehmen. Zudem sollte ich normaler werden. 

Normaler? 

Schnermann: Eben. Was ist schon normal? Meine Tante hat damals öfter bei uns babygesittet. Als ich sie später auf das Thema angesprochen habe, hat sie gemeint, ich sei ein sehr aufgewecktes Kind gewesen.

Aufgeweckt im Sinne von impulsiv oder gar aggressiv?

Schnermann: Tatsächlich habe ich einige Monate später Medikamente gegen Aggressionen verschrieben bekommen. Aber die Aggressionen waren eine Folge der Traumatisierung. Nein, ich glaube, vorher war ich ein fittes Kind. Gut entwickelt, inzwischen. 

Warum inzwischen?

Schnermann: Ich habe spät gesprochen, spät laufen gelernt, war in vielem später dran als meine drei Geschwister. „Er ist nicht der Schnellste“, hieß es manchmal. Dabei hat das gar nichts zu sagen, wenn Kinder sich spät entwickeln. Bei Albert Einstein war das auch der Fall, auch er soll motorisch hinterher gewesen sein und spät sprechen gelernt haben…

Zurück zu Ihnen. Ist es nicht extrem ungewöhnlich, als fünfjähriges Kind allein wochenlang in eine Klinik geschickt zu werden?

Schnermann: Für damalige Verhältnisse nicht. Schätzungen gehen davon aus, dass zwischen den 50er und 80er Jahren drei bis zwölf Millionen Deutsche sogenannte Verschickungskinder waren. Kinder, die teilweise ab dem zweiten bis zwölften Lebensjahr für in der Regel sechs Wochen weggegeben wurden. Ohne Eltern. Die Gründe für die Verschickung waren vielfältig, lassen sich jedoch einfach zusammenfassen: Wer als Kind in irgendeiner Weise mit einem ungewöhnlichen Gesundheitszustand zu kämpfen hatte, für den die damalige Medizin keine rechte Erklärung oder Lösung fand, hatte gute Chancen, in so ein Programm zu kommen.

Markus Schnermann kurz nach seiner Verschickung: Das traumatisierte Kind kam auf die Sonderschule.
Markus Schnermann kurz nach seiner Verschickung: Das traumatisierte Kind kam auf die Sonderschule. privat

Wie kann man sich die Situation in der Klinik vorstellen?

Schnermann: Es gab einen Schlafsaal mit Gitterbetten, an dem ein weiß gekacheltes Etagenbad angeschlossen war. Und es gab „Tanten“, die alles unter Kontrolle hatten. Die Tage waren geprägt von bestimmten Routinen: hochkalorische Mahlzeiten, endlose Märsche, strenge Hygiene- und Ordnungsprozeduren. Wir wurden behandelt wie Jungsoldaten. Das alles hätte ich mittelfristig vielleicht noch einigermaßen weggesteckt…

Wieso mittelfristig?

Schnermann: Die ersten Folgen zeigten sich schnell. Während der Schlafenszeit auf die Toilette zu müssen, war unerwünscht. Wie einige andere Kinder wurde auch ich binnen Tagen zum Bettnässer, obwohl ich es zuvor nie gewesen bin. Wenn die Tanten das Malheur entdeckten, stellten sie uns vor versammelter Mannschaft bloß.

Und dann passierte es. Eines Nachts holte eine der Nachtwachen, ein junger Mann um die 30, mich aus dem Bett. Ich folgte ihm in einen Aufenthaltsraum im Keller. Ich erinnere mich noch an den Schreibtisch, den Fernseher und die Pritsche, auf der die Nachtwache schlafen konnten. Der Mann gab mir Süßigkeiten und Getränke und tröstete mich, als ich zu weinen begann. Zuerst war ich dankbar für die Aufmerksamkeit, die Fürsorge. Doch dann musste ich einen Preis dafür zahlen. Schon in dieser Nacht vergewaltigte er mich, und er tat es noch mehrere Male. Bis heute kann ich mich an alles erinnern: seine Worte, seine Haare, seinen Geruch. Er nahm mir meine Kindheit, meine Unschuld und meine Gesundheit.

Was haben die entsetzlichen Misshandlungen mit Ihnen gemacht?

Schnermann: Dieser Mann hat mir in gewisser Weise mein Leben genommen. Ich brauchte Jahrzehnte, um es ihm wieder zu entreißen. Und bis heute ist der verzweifelte Fünfjährige von damals immer noch ein Stück weit in meinem Herzen verkapselt. Der Unterschied zu damals: Mir ist das bewusst, ich kann damit umgehen. Davor hat sich meine Seele einen eigenen Weg des Umgangs gesucht.

Wie äußerte sich dieser konkret?

Schnermann: Ich hatte so genannte Absencen. Das ist eine klassische Traumafolgestörung und kann bis zur Schizophrenie, bis zur Persönlichkeitsstörung führen. Vereinfacht beschrieben, geht es um ein Abschalten des Systems, der Reize. Im Grunde ist das sehr kreativ vom Körper, vom Unbewussten. Es ist ein Schutz.

Wie kann man sich dieses Abschalten vorstellen?

Schnermann: Ich war von einem Moment auf den anderen von der Außenwahrnehmung abgeschirmt, war komplett nach innen gerichtet und dann teilweise minutenlang nicht ansprechbar. Hinterher konnte ich mich an nichts erinnern. Die ersten bewussten Momente waren jeweils die verärgerten Stimmen, die auf mich eingeredet haben. Ich solle mich zusammenreißen, so etwa. Auch Gelächter gab es oft, weil man sich über mich lustig machte: „Der Markus wieder…“. „Der träumt wieder…“.

Die Absencen traten in den verschiedensten Lebenssituationen auf. Im Unterricht, zu Hause beim Essen… und dann auch beim sogenannten Beschulungstest, bei dem ich prompt durchgefallen bin. Der Mitarbeiter des Medizinischen Dienstes meinte, ich gehörte auf eine Sonderschule. Der Besuch dieser Schule war dann im Grunde eine zweite Verschickung.

Warum das?

Schnermann: Ich wurde jeden Morgen um fünf geweckt und dann abgeholt. Der Bus sammelte sämtliche Sonderschüler aus der Gegend ein und kutschierte uns etwa zwei Stunden durchs Münsterland. Erst gegen Abend kam ich wieder nach Hause.

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Hat denn niemand nach der Ursache für die Absencen geforscht?

Schnermann: Für den Hausarzt bei uns auf dem Dorf war klar: Das sind Spastiken. Das sei nicht heilbar, das würde sich nicht auswachsen, sagte er zu meiner Mutter. Die Wahrheit ist: Der Hausarzt konnte sich die Symptome schlicht nicht erklären. Die Fehldiagnose ist der eine Skandal. Mindestens genauso skandalös finde ich, dass keiner der Kollegen dieses Hausarztes die Diagnose je infrage gestellt hat. Da war eine Schublade auf und wieder zugegangen. Damit war die Sache für all diese Menschen abgeschlossen.

Für „diese Menschen“ – das betonen Sie. Sahen Sie oder Ihre Eltern die Sache anders?

Schnermann: Ich selbst habe die Sonderschule immer hinterfragt. „Warum bin ich da?“ Auch an meine Mutter habe ich diese Frage gerichtet. Irgendwann hatte sie genug – und eine Idee: Sie schlug vor, dass ich doch neben meiner normalen Beschulung probehalber am Samstagsunterricht an einer normalen Schule teilnehmen könnte. Es gelang ihr, die Klassenlehrerin meines Bruders als Verbündete für diese Mission zu gewinnen. Dirk ging zu diesem Zeitpunkt in die vierte Klasse der örtlichen Grundschule. Die Reaktion des Rektors meiner Sonderschule auf die Idee: „Da wird der Junge unter die Räder kommen, Frau Schnermann“.

Und? Behielt er Recht?

Schnermann: Nein. Für mein großes Ziel, eine normale Schule zu besuchen, gab ich alles. Im Handumdrehen wurde ich vom Problemkind zum Normalfall. Nach dem Abschluss der vierten Klasse ging ich auf die Realschule. Ich war der beste Schüler, schrieb nur Einsen. Warum durfte ich nicht ins Gymnasium, wie mein Bruder und meine Schwester, fragte ich nun. In der sechsten Klasse habe ich dann gewechselt. Etwa in dieser Zeit hatte ich auch die letzten Aussetzer. Danach war das genau wie das Bettnässen vorbei – und wenn Sie mich damals gefragt hätten, hätte ich vermutlich gesagt: Mir geht es gut. 

Aber?

Schnermann: Wahr ist auch, dass ich mich noch als Jugendlicher und auch danach oft in den Schlaf geweint habe. Und dass ich manchmal plötzlich von unerklärlichen Ängsten überfallen wurde. Ich hatte eigene Rituale entwickelt, um das alles durchzustehen. Mal war ich in meiner Fantasie selbst ein Superheld, mal war ich von Superhelden umgeben, die mich beschützten. Das hat geholfen, durch den Alltag zu kommen.

Was war mit Ihrer Diagnose? Wurde die zurückgenommen?

Schnermann: Nein, genauso wenig wie der Schwerbehindertenstatus, den ich hatte. Ein entsprechender Ausweis lag in meinem Schreibtisch in der Schublade. Mit 21 bin ich zum Versorgungsamt, mein „Independence Day“: „Ich möchte meinen Schwerbehindertenausweis abgeben“, sagte ich. Ich sei geheilt. Ich wollte nicht mehr als behindert gelten. Sowas hatten die auf diesem Amt bis dahin noch nie erlebt.

„Ich bin geheilt“ – stimmt das rückblickend?

Schnermann: Jein. Ich hatte schon noch ein ganzes Stück zu gehen, um dahin zu kommen, wo ich heute bin. Manch einer mag es kaum glauben, aber ich bin tatsächlich ein positiver, zufriedener Mensch. Ich bin sogar ein dankbarer Mensch. 

Wofür sind Sie dankbar?

Schnermann: Manches, was ich erreicht habe, wäre mir ohne die dunklen Flecken auf meiner Seele möglicherweise nie geglückt. Ich bin stärker als andere, weil ich unter Schwäche gelitten habe. Ich bin nicht leicht klein zu kriegen, weil ich einmal klein war. Bei all dem weiß ich, dass ich diese Entwicklung nur einer einzigen Entscheidung zu verdanken habe: Der Entscheidung für eine Aufarbeitung meiner Vergangenheit.

Wie kann man sich diese Aufarbeitung vorstellen?

Schnermann: Im Grunde lief das Ganze in Phasen. Recht spät, mit Mitte 20, habe ich nach mehreren Jobs angefangen, Förderpädagogik zu studieren. Im Rahmen eines Praktikums bin ich zurück an die Schule gegangen, die ich damals besucht hatte. Selbes Umfeld, andere Rolle.

War das nicht extrem belastend?

Schnermann: Natürlich. Warum tust du dir das an? Fragten viele.

Hatten Sie nicht eine unglaubliche Wut auf die Lehrer?

Schnermann: Ich sage es mal so: Sie waren selbst Opfer des Systems, hätten nicht die Mittel und Möglichkeiten gehabt, zu hinterfragen. Tatsächlich war mir hier und da individuell das Gefühl vermittelt worden, dass ich wertvoll bin. Daran konnte ich während des Praktikums anknüpfen, das hatte was Versöhnliches. Tatsächlich werden solche Schulen aber heute teilweise immer noch von Kindern besucht, die dort nicht richtig sind. Das macht mich bis heute betroffen. 

Wie ging es in Sachen „Aufarbeitung“ weiter? Wie wurde aus dem Trauma Freiheit?

Schnermann: Meinem weiteren beruflichen Werdegang könnte man die Überschrift „trotzdem“ verpassen – und übriges, damit bin ich in guter Gesellschaft. Von Albert Einstein hatten wir es ja schon. Ein anderes Beispiel für berühmte Menschen mit denkbar schlechten Voraussetzungen für Erfolg ist Steven Spielberg, der sich ganze dreimal mit verschiedenen Projekten bei der Filmschule bewarb und jedes Mal abgelehnt wurde. Die Jury sah nicht genügend Talent bei ihm. 

Dass Spielberg zu einem Jahrhundertregisseur wurde, lässt sich für mich nur durch ein „Trotzdem“ erklären. Er hat trotzdem weitergemacht. Trotzdem-Menschen sind es gewöhnt, schon früh für kleine Erfolge kämpfen zu müssen. Dadurch verfügen sie über große Ausdauer. Trotzdem-Menschen haben einen starken Willen, sich zu beweisen. Sie lassen sich von Rückschlägen nicht aufhalten, schließlich sind sie Ablehnung gewöhnt.

Sie sind heute erfolgreich als Unternehmer unterwegs. Wie kam das?

Schnermann: Nach meinem Studium habe ich ein Praktikum in der Unternehmenskommunikation einer Versicherung gemacht. Da ich mir selbst autodidaktisch Webdesign und Online-Marketing beigebracht hatte, bekam ich dort eine Stelle als Projektleiter angeboten. Nebenher betreute ich hobbymäßig Online-Projekte. Daraus ist eine Firma entstanden, mit der ich bald mehr verdient habe als mit dem Angestelltenverhältnis. Also habe ich gekündigt und meine Firma weiter vorangetrieben. Und dann noch eine und noch eine. Ich habe weltweit in verschiedenen Branchen Unternehmen gegründet.

Ein Leben auf der Überholspur?

Schnermann: Wenn Sie so wollen. 

Aber dann wurden Sie auf genau dieser Spur eingebremst, nicht wahr? Sie hatten einen schweren Autounfall…

Schnermann: Im Jahr 2012, richtig, aber ich bin nicht auf der Überholspur unterwegs gewesen, die Geschwindigkeit war nicht das Problem. Sondern Aquaplaning. Was ich erlebte, war der maximale Kontrollverlust. Dieser spülte all die alten Ängste von früher wieder hoch. Ich fühlte mich schutzlos, ausgeliefert, verletzlich – wie damals. Körperlich war ich zwar so gut wie unverletzt geblieben, aber mit einem Mal wurde mir klar: Mein Leben mochte zwar perfekt sein, doch meine Seele war ein Totalschaden. Ich musste was tun.

Eine Therapie?

Schnermann: In den letzten zwölf Jahren habe ich mehrere Therapien gemacht, war dafür auch stationär in Kliniken. Es war ein langer Weg, die Dämonen in meinem Inneren zu bändigen. Aber dieser Weg hat sich gelohnt. Wenn ich heute sage, dass ich stark und glücklich bin, dann ist das ein Ergebnis dieses Weges, für den ich bereits vor den Therapien eine weitere wichtige Abzweigung genommen habe. 

Nämlich?

Schnermann: Im Jahr 2008 stand ich in Brüssel als Geschäftsführer eines Investmentfonds für eine Rede vor höchst beeindruckenden Menschen auf der Bühne. Unter anderem saß ein Nobelpreisträger im Publikum. Rückblickend nenne ich diesen Auftritt mein Coming Out, denn es war das erste Mal, dass ich meine Bildungsbiografie öffentlich gemacht und gesagt habe, dass ich eine Sonderschule besucht habe. Für mich war das ein Schlüssel Moment, eine Form der Selbstermächtigung. 

Haben Sie bei diesem Auftritt auch Ihren Missbrauch öffentlich gemacht?

Schnermann: Nein, davon habe ich vor vier Jahren zum ersten Mal jemandem erzählt. Während der Therapie. Das war ein wahnsinniger Befreiungsakt, endlich die Scham überwunden zu haben, die mich über so viele Jahre begleitet hat. Das Schreiben wurde dann ein wichtiger Teil des Aufarbeitungsprozesses. Anfangs habe ich das für mich gemacht, aber dann fragten mich Freunde: „Markus, warum schreibst du deine Geschichte nicht für andere auf?“ Das habe ich getan und das Ergebnis ist mein Buch, das kürzlich erschienen ist.

Im Moment bin ich viel für Lesungen unterwegs und stelle bewegt fest, wie meine Geschichte Menschen berührt, die Ähnliches erlebt haben. Und wie es diese Menschen und auch mich ermutigt, sich Gehör zu verschaffen. Dazu möchte ich beitragen. Scham ist völlig fehl am Platz. Nicht zuletzt, weil so oft wertvolle Ressourcen verborgen bleiben. Wie gesagt, manchmal liegt der Schlüssel zum Glück im Unglück.

Werfen Sie Ihren Eltern die Verschickung eigentlich vor?

Schnermann: Ich habe ihnen nie vom Missbrauch erzählt und mittlerweile sind sie beide tot. Aber auch mit Verstorbenen kann man die gemeinsame Vergangenheit aufarbeiten. In der Therapie habe ich gelernt, mich mit ihnen auf eine gute Art auseinander zu setzen und mich am Ende mit ihnen zu versöhnen.

Gab es je Kontakt mit Ihrem Täter?

Schnermann: Bisher nicht. Ich habe relativ viele Infos über ihn und auch über die Schreibtischtäter, die diese Dinge ja überhaupt erst möglich gemacht haben. Aber bisher sehe ich mich nicht dazu in der Lage, diese Personen aufzusuchen. Dazu kommt: Rein rechtlich sind diese Vorgänge in Deutschland seit Jahrzehnten verjährt, auch deswegen muss ich mir, wie jedes Opfer von Gewalt, die Frage stellen, ob mir die Konfrontation guttun würde.