Video-Detail offenbart Mängel: War die falsche Beschilderung die tödliche Falle?

Nach dem verheerenden Brand in der Bar „Le Constellation“ in Crans-Montana mit 40 Toten und mehr als 100 Verletzten deuten sich gravierende Mängel beim Brandschutz und den Fluchtwegen an. Damit drängt sich zunehmend die Frage nach der Verantwortung des Betreiberpaares Moretti und der zuständigen Kontrollbehörden auf. Neue Details bringen zusätzliche Brisanz in den Fall.

Brandschutz-Mängel: Falsches Rettungszeichen und fehlende Beleuchtung?

Auffällig sind gleich mehrere Aspekte. Bilder der Umbauarbeiten, die Betreiber Jacques Moretti mit viel Eigenleistung vorangetrieben hatte, zeigen zum Beispiel, dass die Treppe verengt wurde. Vom Keller aus war sie der wichtigste Fluchtweg ins Freie und wurde beim Brand zum Nadelöhr. Hier stellt sich die Frage, ob sich mehr Menschen in dem Raum aufgehalten haben, als nach den baurechtlichen Vorgaben zulässig war.

Nutzer in den sozialen Medien haben noch einen weiteren pikanten Umstand entdeckt: In einem Video aus der Brandnacht schwenkt die Kamera kurz in Richtung der Treppe, über die die Besucher später fliehen sollten. Dort ist zu erkennen, dass das Rettungszeichen nicht beleuchtet ist. 

Auf einem Tiktok-Video aus der Todesnacht im "Le Constellation" ist erkennbar: Das Rettungszeichen war offenbar unbeleuchtet. Tripadvisor/Tiktok - Montage: Niklas Golitschek

FOCUS online hat das entsprechende Video überprüft. In geschlossenen Räumen sind unbeleuchtete Rettungszeichen laut dem Schweizer Brandschutzportal „Heureka“ unzulässig. Den Besuchern könnte damit zwischen Panik und Qualm ein wichtiger Orientierungspunkt zur Flucht gefehlt haben. 

Archivbilder dieses Rettungszeichens deuten zudem darauf hin, dass es falsch verwendet worden sein könnte: Der Pfeil zeigt nach rechts zur Treppe. Laut Heureka wäre jedoch das Symbol mit einem diagonal nach oben zeigenden Pfeil korrekt gewesen.

Das Portal erklärt die Bedeutung so: „Aufwärtsgehen nach rechts oben (z. B. bei Etagenwechsel im Verlauf von Treppenräumen/vertikaler Fluchtweg in Untergeschossen)“. Der auf den Fotos gezeigte Pfeil signalisiert dagegen lediglich „nach rechts gehen“. Schweizer Versicherungen und Experten wollten sich auf Anfrage nicht äußern; die Gemeinde reagierte auf FOCUS-online-Anfrage bislang nicht.

Abgeschlossene Notausgänge: Schwere Vorwürfe ehemaliger Mitarbeiter

Diese Details reihen sich ein in eine Kette möglicher Verstöße. Dem französischen Fernsehsender „BFM TV“ sagte eine ehemalige Mitarbeiterin der Bar, dass der Notausgang verschlossen war, „weil er direkt ins Gebäude führte“. Ihr und ihren Kollegen sei es demnach „verboten“ gewesen, diese Tür zu öffnen. Eine andere Ex-Angestellte ist überzeugt, dass mit diesem Notausgang die Zahl der Opfer hätte reduziert werden können.

Auch Helfer Paolo Campolo sagte gegenüber „20 Minuten“: „Ich weiß nicht, ob es ein Notausgang oder Serviceausgang war, aber hinter dieser Tür waren verzweelte Menschen.“ Er und andere hätten sie schließlich aufgebrochen, um die Eingeschlossenen zu retten.

Brennbarer Akustikschaumstoff und Verstöße gegen den Jugendschutz

Hinzu kommt der Innenausbau: Mehrere Brandschutzexperten äußerten den Verdacht, dass Moretti bei der Renovierung leicht entflammbaren Akustikschaumstoff verbaut haben könnte oder die Wirkung einer speziellen Schutzbeschichtung über die Jahre nachgelassen hat. Nach bisherigen Erkenntnissen waren Partyfontänen in Champagnerflaschen der Auslöser für das Feuer.

Möglicherweise liegen zudem Verstöße gegen den Jugendschutz vor. Das jüngste Opfer war erst 14 Jahre alt. Minderjährige unter 16 Jahren dürfen nach 22 Uhr in der Schweiz nur in Begleitung eines gesetzlichen Vertreters oder Bevollmächtigten Zugang zu Bars erhalten.

Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung: Betreiberpaar im Visier

Die genauen Umstände werden die weiteren Ermittlungen offenlegen müssen. Für den Walliser Sicherheitsdirektor Stéphane Ganzer ist indes klar: „Etwas hat nicht funktioniert und jemand hat einen Fehler gemacht. Da bin ich sicher“, sagte er dem SRF.

Der italienische Außenminister Antonio Tajani kritisierte im Gespräch mit RTL 102.5: „Die Sicherheitsvorkehrungen scheinen der Situation und der Anzahl der Anwesenden im Club völlig unzureichend gewesen zu sein.“ Auch Botschafter Gian Lorenzo Cornado wurde gegenüber „La Stampa“ deutlich: „In Italien würde so ein Laden innerhalb von zehn Minuten geschlossen. Diese ganze Gleichgültigkeit macht mich wütend.“

Das französische Betreiberpaar muss sich nun wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Entfachung einer Feuersbrunst verantworten. Strafrechtler kritisierten jedoch bereits, dass die Schweizer Behörden keine Flucht-, Wiederholungs- oder Verdunkelungsgefahr sehen und somit keine Untersuchungshaft angeordnet haben.