Anwohner rettet bis zu 20 Gäste aus Feuerhölle und macht Feuerwehr schweren Vorwurf

Das Nobel-Skiresort Crans-Montana erlebt nach der Silvesternacht sein dunkelstes Kapitel. Während die Ermittler die Trümmer des Clubs „Le Constellation“ untersuchen, wird ein Name zum Symbol der Hoffnung: Paolo Campolo. 

Der 55-Jährige wohnt kaum 100 Meter von der Bar entfernt. Als der Anruf der Tochter seiner Partnerin ihn nach 1.30 Uhr erreichte, stürzte er sich ohne Schutzausrüstung in das Chaos.

Helden-Einsatz am „Le Constellation“: 20 Leben in wenigen Minuten gerettet

Wie das Schweizer Nachrichtenportal „20 Minuten“ berichtet, agierte Campolo in einem Zustand absoluter Todesverachtung. Direkt am Haupteingang begann er, Menschen aus der schwarzen Rauchwand zu ziehen. Die Sichtweite lag bei nahezu Null, die Hitze war unerträglich. „Man konnte nicht sehr weit hinein, vielleicht etwa einen oder zwei Meter, um Leute zu greifen und sie nach draussen zu ziehen“, schildert er die dramatischen Sekunden gegenüber „20 Minuten“.

Zusammen mit einer Handvoll anderer Ersthelfer gelang ihm das Unmögliche: Er rettete zwischen 15 und 20 Personen vor dem sicheren Tod. Auf die Frage nach der Angst antwortet der 55-Jährige nüchtern: „Man denkt nicht nach, weder vorher noch nachher. Man tut einfach, was man tun muss.“

Schwere Vorwürfe: „Hinter dieser Tür waren verzweifelte Menschen“

Doch Paolos Bericht ist nicht nur einer von Heldentum, sondern auch von bitterem Zorn. Er erhebt gegenüber „20 Minuten“ schwere Vorwürfe gegen die Koordination der Rettungskräfte. Während das Gebäude lichterloh brannte, entdeckte er einen verriegelten Ausgang, hinter dem Menschen um ihr Leben hämmerten.

„Ich habe eine Tür gefunden, hinter der Menschen waren – man konnte sie durch die Scheibe sehen“, berichtet er. Es ist unklar, ob es sich um einen Notausgang oder einen Servicezugang handelte – klar war nur: Die Menschen waren eingesperrt. Ein Feuerwehrmann, den er um Hilfe bat, habe ihn laut seiner Aussage mit den Worten „Wir kümmern uns darum“ stehen gelassen und sei weggegangen. Campolo wartete nicht: Mit einem Passanten brach er die Tür eigenhändig auf und befreite die Eingeschlossenen. Diese Aussage hat er bereits offiziell zu Protokoll der Kantonspolizei gegeben.

Medizinische Folgen: Kampf um die Lunge im Spital Sitten

Der Preis für seinen Mut ist hoch. Paolo Campolo liegt derzeit im Spital Sitten. Der hochgiftige Rauch der brennenden Dämmplatten hat seine Atemwege massiv geschädigt. Er muss rund um die Uhr eine Atemmaske tragen und Aerosole einatmen, um seine Lungenfunktion zu stabilisieren. „Ich glaube, alle Personen, die vor Ort geholfen haben, haben jetzt dasselbe Problem“, so Campolo.

Besonders schmerzt ihn der Anblick der Opfer: Viele junge Frauen mit schwersten Verbrennungen am Kopf haben sich in sein Gedächtnis eingebrannt. Auch in seiner eigenen Familie hinterlässt die Katastrophe Spuren: Der Verlobte der Tochter seiner Partnerin liegt mit schweren Verbrennungen am Rücken im Krankenhaus, nachdem ihn eine Explosion von hinten erfasst hatte.

Das Feuer in der Bar "Le Constellation" im Skigebiet Crans-Montana forderte mindestens 40 Todesopfer und über 115 Verletzte.
Das Feuer in der Bar "Le Constellation" im Skigebiet Crans-Montana forderte mindestens 40 Todesopfer und über 115 Verletzte. Getty Images

„Le Constellation“ und das Gastro-Paar Moretti

Während Paolo im Krankenhaus liegt, rückt die Geschichte der Club-Besitzer in den Fokus. Eigentlich galt das Ehepaar Jessica und Jacques Moretti als das Power-Duo von Crans-Montana. Mit „überschäumender Energie“ bauten die gebürtigen Korsen ein Gastro-Imperium auf. 2015 übernahmen sie das „Le Constellation“ und sanierten es laut eigenen Angaben in einer Rekordzeit von nur 100 Tagen. Doch heute fragen sich viele: Entsprach dieser rasanten Expansion eine ebenso sorgfältige Einhaltung der Sicherheitsstandards?

Besonders brisant ist das digitale Verschwinden des Clubs unmittelbar nach der Katastrophe. Die Social-Media-Seiten wurden hastig gelöscht. Beobachter vermuten dahinter den Versuch, Dokumentationen des Innenraums zu entfernen: Archivierte Bilder zeigen eine Akustikdämmung an der Decke, die offenbar aus hochbrennbarem Polyurethan-Schaumstoff bestand.