Eigentlich galt das Ehepaar Jessica und Jacques Moretti als das Power-Duo von Crans-Montana. Mit „überschäumender Energie“, so beschrieb es das lokale „Altitude Magazin“ noch vor kurzem, bauten die gebürtigen Korsen ein kleines Gastro-Imperium im Schweizer Nobel-Skiort auf. Doch seit der fatalen Silvesternacht ist der Glanz erloschen. Ihr Vorzeige-Lokal „Le Constellation“ wurde für mindestens 40 Menschen zur tödlichen Falle. Während die Ermittlungen laufen, stellen sich zunehmend Fragen zur Geschäftshistorie und den Sicherheitsstandards des Betreiber-Ehepaars.
„Le Constellation“: Vom korsischen Traum zum Walliser Albtraum
Jacques Moretti stammt aus Ghisonaccia auf Korsika und fand bereits Anfang der 2000er-Jahre seinen Weg in das Kanton Wallis. Seine Frau Jessica, die laut „Corse-Matin“ an der Côte d’Azur aufwuchs, brachte internationalen Glamour in die Beziehung. Der britische „Mirror“ berichtet von ihrem beeindruckenden Bildungsweg an Business-Schulen in Monaco und Wales.
Das Paar inszenierte sich als perfekte Gastgeber: 2015 übernahmen sie das „Le Constellation“ und sanierten es laut eigenen Angaben gegenüber dem „Altitude Magazin“ in einer Rekordzeit von nur 100 Tagen. Mit weiteren Lokalen wie dem „Senso“ und dem „Vieux Chalet“ im Nachbarort Lens zogen sie ein Netzwerk auf, das auch Crans-Montana prägte.
Doch heute fragen sich viele: Entsprach dieser rasanten Expansion eine ebenso sorgfältige Einhaltung der Sicherheitsstandards?
Schwere Vorwürfe: Gelöschte Beweise in den sozialen Medien?
Besonders brisant ist das digitale Verschwinden des Clubs unmittelbar nach der Katastrophe. Die Instagram- und Facebook-Seiten des „Le Constellation“ wurden hastig gelöscht. Schweizer Beobachter vermuten dahinter den Versuch, Dokumentationen des Innenraums zu entfernen: Archivierte Bilder zeigen nämlich eine Akustikdämmung an der Decke, die offenbar aus Polyurethan-Schaumstoff bestand.
Dieses Material ist in Gastronomiebetrieben aufgrund seiner Brandgefährlichkeit in vielen Ländern streng reglementiert oder verboten. Wenn es Feuer fängt, entwickelt es eine enorme Hitze und setzt hochgiftige Gase frei. Der „Spiegel“ berichtet zudem über Stimmen aus dem Ort, wonach Sicherheitsaspekte im Cluballtag hinter dem Event-Charakter zurückgestanden haben könnten.
Die Wunderkerzen-Falle im Untergeschoss
Augenzeugenberichte zeichnen ein schreckliches Bild der Tatnacht: Eine Kellnerin soll Wunderkerzen an Champagnerflaschen direkt unter der niedrigen Decke präsentiert haben. Innerhalb von nur zwei Minuten stand die Lokalität laut Zeugen in Vollbrand.
Die Architektur wurde dabei zum entscheidenden Faktor: Ein schmaler Treppenaufgang war der einzige Fluchtweg aus dem Untergeschoss. Während Jessica Moretti laut „Le Figaro“ selbst Brandverletzungen am Arm erlitt und unter Schock steht, berichten Freunde wie der Künstler Jean-Thomas Filippini von ihrer verzweifelten Reaktion in der Nacht. „Es ist eine Katastrophe“, soll sie unmittelbar nach dem Unglück gesagt haben.
Juristische Aufarbeitung: Wer trägt die Verantwortung?
Während das Paar gegenüber „Nice Matin“ betonte, dass sie auch Mitglieder ihres eigenen Personals verloren haben und zutiefst betroffen seien. Nach der Eröffnung der Untersuchung durch die Walliser Staatsanwaltschaft dürfte ein Schwerpunkt der Ermittlungen auf der Historie des Gebäudes liegen. Da das Ehepaar Moretti das Lokal laut eigenen Angaben im Jahr 2015 umfassend sanierte, rückt damit zwangsläufig auch die damalige technische Abnahme in den Fokus der Aufmerksamkeit.
Es gilt nun – auch aus gutachterlicher Sicht – zu klären, ob das verbaute Material bereits zum Zeitpunkt der Eröffnung den geltenden Brandschutzauflagen entsprach. Ebenso wird die Justiz rekonstruieren müssen, inwiefern die personelle Überwachung der Sicherheitsregeln in der fatalen Silvesternacht tatsächlich gewährleistet war.