FOCUS online: Herr Knorr, was können Sie anhand der bisher verfügbaren Infos zu dem Brand sagen?
Markus Knorr: Alles, was ich sage, ist unter Vorbehalt, da ich nicht vor Ort war. Aber die Zeugenaussage über die Kerzen auf der Champagnerflasche, die Videos und Fotos, auf denen man die brennenden Decke sieht, lassen einige Schlüsse zu. So ist auf einem Video zu erkennen, dass es von der Decke brennend abtropft. Das deutet darauf hin, dass in der Bar an der Decke brennbaren Kunststoff gab, der dann eben abtropft. Auch an der sonstigen Verkleidung innen sehe ich viel Schaumstoff. Ich vermute, dass es sich dabei um Material für die Akustik handelt. Der ist wohl aus leicht entflammbarem Material. Diese Akustikstruktur hat wohl zudem ein sogenanntes „hohes Oberfläche zu Masse-Verhältnis“, wodurch sie zusätzlich leichter brennbar ist.
Crans Montana: Brandgutachter über mögliche Ursachen
Was bedeutet das genau?
Knorr: Materialien mit einer hohen spezifischen Oberfläche sind aufgrund des verbesserten Zugangs von Sauerstoff zum Brennstoff leichter entflammbar als Materialien mit geringerer Oberfläche. Als Beispiel: Massives Holz ist weniger gut entflammbar als Späne aus dem gleichen Holz.
Augenzeugen berichten, dass es in dem Klub wohl Kerzen auf einer Flasche waren, die an die Holzdecke gehalten wurden. Halten Sie das für eine denkbare Brandursache?
Knorr: Wenn man an eine normale Holzdecke denkt, ist eine Kerze wohl nicht ausreichend, sie innerhalb weniger Sekunden zu entzünden. Aber bei der von mir vermuteten Oberflächenstruktur und dem Material Schaumstoff kann ich mir vorstellen, dass Bruchteile von Sekunden ausreichen. Es scheint also absolut realistisch, dass der Brand dadurch ausgelöst wurde.
Kennen Sie vergleichbare Fälle?
Knorr: Ja, ich denke an eine Katastrophe 2003 in den USA. In dem Nachtclub „The Station“ ereignete sich ein Brand, bei dem 100 Menschen ums Leben kamen. Der Brand hat ein Bühnenfeuerwerk der Band. Auch in dem Club war viel Kunststoff an der Verkleidung angebracht. Innerhalb von 90 Sekunden stand der Club in Vollbrand. Mir scheint, als hätten wir ein ähnliches Szenario in Crans Montana.
Wenn es wirklich so war, wie sie annehmen: Wie viel Zeit bleibt den Menschen dann, um den Saal zu verlassen?
Knorr: Das kann man pauschal nicht sagen. Wenn wir das genannte Beispiel in den USA nehmen, da waren es noch nicht mal 90 Sekunden. Das geht rasend schnell. Eine kleine Flamme könnte sich innerhalb von 1 bis 2 Minuten in einen Vollbrand entwickelt haben.
Was ist in so einem Moment am gefährlichsten: Der Brand beziehungsweise das Feuer oder der Rauch?
Knorr: Es kommt auf den Standpunkt der jeweiligen Personen an. Aber ist aber wohl die Kombination aus drei Faktoren. Die Hitze ist bei einem solchen Brand sehr gefährlich, da der Kunststoff unter sehr hoher Hitze abbrennt. Und wenn man direkt darunter steht, wird diese Hitze lebensgefährlich. Brennende Kunststoffe haben auch eine große Ruß- und Rauchentwicklung. Der Rauch breitet sich in den Fluchtwegen aus, er verdunkelt die Wege. Und nach einer Handvoll Atemzüge kann man eine Rauchvergiftung erleiden.
Wenn Sie sich das, was über die Bar bekannt ist, anschauen: Wirkt das wie eine sichere Location, um entzündliche Gegenstände jeglicher Art im Inneren anzuzünden?
Knorr: Das ist schwierig zu sagen. Allgemein kann man sagen, dass es baulich bedingt vermutlich leicht entflammbares Material in der Bar gab. An so einem Ort muss man als Betreiber dafür sorgen, dass es eben keine Zündquelle gibt. Oder man verwendet eben anderes Material für die Akustik.
Wissen Sie, wie es um die Brandsicherheits-Bestimmungen in der Schweiz bestellt ist? Sind sie strenger oder weniger streng als in Deutschland?
Knorr: Ich bin selbst nicht in der Schweiz tätig und bin Brandursachenermittler und bin nicht im Bereich Brandschutz tätig. Ich weiß aber von Kollegen, dass der Brandschutz in der Schweiz strenger ist als in Deutschland. In Deutschland wird viel über einheitliche Regelungen für alle Bar- oder Restaurant-Betreiber geregelt. In der Schweiz wird der Brandschutz sehr individuell und objektbezogen bewertet. Es gibt dadurch auch weniger Abweichungen von den Regeln.