Betreiber-Paar von Todes-Bar: In Lens genießen die Morettis einen tadellosen Ruf

Das Gastronomie-Imperium im Bergidyll steht am Abgrund. Spätestens mit der Strafuntersuchung gegen Jessica und Jaques Moretti ist klar: Die Betreiber der Bar „Le Constellation“ sehen sich dem Vorwurf ausgesetzt, für die Silvester-Katastrophe von Crans-Montana mit mehr als 40 Toten und 100 Verletzten mindestens mitverantwortlich zu sein.

Während weiterhin Dutzende Besucher mit schweren Verbrennungen ringen und teilweise für eine schnellere Behandlung in Krankenhäuser mehrerer europäischer Länder gebracht wurden, schotten sich die Morettis ab. Mehrere Journalisten versuchen im Laufe des Samstags, sie in der Wohnung über dem „Le Vieux Charlet“ in Lens zu kontaktieren. Auf dem Briefkasten stehen neben den Morettis noch drei weitere Namen, möglicherweise Mitarbeiter.

Zu Auskünften ist keiner der Bewohner bereit. Am Mittag verlassen vier Personen zunächst die Wohnung für einen Einkauf. Dann helfen sie Nachbarn, Möbel aus der Garage ins Haus zu tragen. Wortlos kehren sie anschließend zurück in die Wohnung. Die meiste Zeit sind die Rollläden unten, die Vorhänge zugezogen.

Crans-Montana
In Lens genießt das "Le Vieux Chalet" einen ausgezeichneten Ruf. Niklas Golitschek

Bei Anwohnern in Lens wird die Irritation über den ganzen Trubel offensichtlich. „Sie haben hart gearbeitet und einen guten Ruf“, sagt ein Passant, der das „Le Vieux Charlet“ bereits selbst besucht hat: „Nebenbei bemerkt ist auch das Essen wirklich gut.“ Andere sprechen dem Ehepaar ebenfalls gutes Unternehmertum und eine gute Küche zu.

Restaurants mit exzellentem Ruf

Im Ort ist zu hören, dass die Morettis das Restaurant in Lens vor weniger als einem Jahr eröffnet hätten. Ähnlich wie das „Le Constellation“ im benachbarten Crans-Montana habe insbesondere Jacques das heruntergekommene Gebäude mit viel Eigenleistung renoviert und auf Vordermann gebracht. „Der Ort ist wirklich wunderschön“, sagt ein anderer Passant und spricht von einem „High Class Restaurant.“ Der dritte Gastronomiebetrieb der Morettis, das Burger-Restaurant „Le Senso“, sei ebenfalls exzellent.

Das Feuer bringt das Bild des schillernden Ehepaares nun ins Wanken. „Ich habe mein ganzes Leben im Constellation verbracht, war dort mit meinen Eltern und Großeltern“, sagt ein älterer Mann. Das dürfte zwar noch vor dem Umbau durch die Morettis 2015 gewesen sein, doch die emotionale Verbundenheit zu der bekannten Bar ist nach wie vor vorhanden: „Was dort passiert ist, ist ein Desaster.“

Lebenslauf wirft Fragen auf

Zunehmend rückt deshalb der Werdegang der beiden in den Vordergrund. Kürzlich wurde bekannt, dass Jacques Moretti vor rund 30 Jahren in Frankreich wegen Zuhälterei, Freiheitsberaubung, Entführung und Betrug verurteilt worden war, sogar Zeit im Gefängnis verbrachte. Aus Polizeikreisen hörte die französische Zeitung „Le Parisien“, dass er sich seitdem nicht mehr im Spektrum der organisierten Kriminalität bewegt habe.

Aus der kriminellen Vergangenheit lässt sich gewiss nicht deuten, dass die Morettis auch im Schweizer Bergidyll üblen Machenschaften nachgingen. Gleichwohl steht nach wie vor im Raum, dass sie beim Umbau mit Brandschutzbestimmungen mindestens nachlässig umgegangen sein könnten.

Quälendes Warten auf Antworten

Das wirft auch ein Schlaglicht auf die zuständigen Behörden, das „Le Constellation“ eigentlich kontrollieren müssten. Gegenüber der „Tribune de Genève“ betonte Jaques Moretti, dass der Betrieb in den letzten zehn Jahren „dreimal kontrolliert“ worden und dabei „alles vorschriftsgemäß“ gewesen sei.

Gemeindepräsident Nicolas Féraud bestätigte am Samstag gegenüber "20 Minuten", dass die Gemeinde für Kontrollen und die Überprüfung der Sicherheitsmaßnahmen zuständig gewesen sei. „Zur Frage der Überprüfung der Sicherheitsmaßnahmen hätte ich schon eine Antwort. Ich darf Ihnen diese aber nicht geben“, sagt Féraud. Sämtliche Unterlagen, darunter Baupläne, lägen bei der Staatsanwaltschaft. Die Antworten darauf dürften auch die Öffentlichkeit und die Angehörigen der Opfer sehr interessieren.