In Aschheim kochen die Emotionen über. Konkret geht es um die Parkplätze an der Ladenzeile in der Erdinger Straße, in der es seit dem 1. Juni eine Parkraumkontrolle gibt.
Aschheim - Wer ein Knöllchen bekommen hat, läuft nun bei Geschäftsleuten Sturm. Im Ordnungsamt der Gemeinde Aschheim steht das Telefon nicht mehr still. Es geht zum Teil um Zahlungsaufforderungen in Höhe von mehreren Hundert, gar Tausend Euro.
„Wir sind nicht daran schuld, wir haben das nicht initiiert“, weist Christian Heigl vom gleichnamigen Juwelier Atelier in der Erdinger Straße 16 jegliche Verantwortung von sich. Er sei selbst über die Maßnahme, dass man nur mit Parkscheibe drei Stunden, zwischen 17 und 23 Uhr sechs Stunden parken darf, nicht informiert worden. „Sonst hätte ich ja ein entsprechendes Hinweisschild in mein Geschäft angebracht.“ Aktiv erfahren habe er davon erst am 3. Juni und sich am 6. Juni auf Social Media sofort distanziert. Auf diversen Posts werde nämlich mittlerweile um Strafzettel zu umgehen dazu aufgerufen, künftig wo anders als in der Ladenzeile einkaufen zu gehen. „Das ist eine massive Geschäftsschädigung, die wir hier gerade erleben“, so Heigl.
Zufällig das Hinweisschild gesehen
Auch Nachbarin Astrid Michalka vom Nagelstudio sagt, dass niemand sie informiert habe: „Wir waren völlig blank.“ Zufällig habe sie das Hinweisschild an der Parkplatzeinfahrt gesehen, ihre Kunden sofort über eine Whatsapp Nachricht informiert und ein Hinweisschild an ihrer Ladentüre angebracht. „Es ist gut, dass endlich gegen die Dauerparker vorgegangen wird“, so Heigl und Michalka. Kritik äußern sie jedoch an der Art und Weise, wie die Parkraumüberwachung durchgeführt wird. „Man sammelt hier regelrecht.“ Zahnarzt Ekkehard Scholze berichtet, dass er seine Kunden an der Rezeption auf die Parkscheibenpflicht hinweist. „Bis die dann aber etwa zwei Minuten später wieder zum Auto kommen, wurden sie bereits aufgeschrieben. Erfahren das dann aber erst Wochen später.“ Chiropraktiker Stephan Rainer bestätigt, dass „die Kontrolleure warten, bis jemand sein Auto abgestellt hat. Selbst wenn meine Sekretärin einen Patienten auf die Parkscheibenpflicht hinweist, ist es schon zu spät, nach zwei Minuten! Dafür gibt es Zeugen.“
Spitzenreiterin hat 50 stille Knöllchen
Viele Betroffene, die sich mittlerweile zu einer Unterschriftenaktion entschlossen haben, haben zwei Zahlungsaufforderungen, andere zehn, Spitzenreiterin ist eine Rollerfahrerin mit über 50 Stück. „Ich habe meinen Roller nicht bewegt, wusste auch gar nicht, dass ich in der Parkraumzone stehe. Hätte ich einen Strafzettel zeitnah erhalten, hätte ich gewusst, dass ich da weg muss.“ Sie vermutet dahinter „System“, einfach immer wieder aufzuschreiben, „am besten alle drei Stunden“, diese Knöllchen so lange wie möglich zu sammeln und dann alle auf einmal zuzustellen.
Ottmar Scheuch hat gleich acht Zahlungsaufforderungen, datiert vom 17. Juni bis 16. Juli, die er gebündelt am 27. August erhalten hat. Er erhebt Einspruch. Es gibt nämlich kein Knöllchen an der Scheibe, der Parkraumüberwacher fotografiert nur die Windschutzscheibe und das Autokennzeichen. „Was hier als Beweisfoto beigelegt ist, ist ja wohl ein Witz“, so Scheuch. Tatsächlich ist die Spiegelung der Scheibe so stark, dass überhaupt nichts erkennbar ist. „Er hat die falsche Seite fotografiert“, meint eine andere Betroffene, ihre elektronische Parkscheibe sei auf der anderen Seite. Sie ist Bewohnerin über der Ladenzeile, kann ihr Auto im Moment nicht auf ihrem Tiefgaragenplatz abstellen, da diese renoviert wird. „Ich wurde schon nachts um 0.20 Uhr aufgeschrieben, dann in der gleichen Nacht um 4 Uhr. Die Betroffenen sprechen von „raubritterhafter Geschäftemacherei“, bei der es in ihren Augen um Abzocke geht.
Neben der Unterschriftenaktion, mit der die Betroffenen bei Bürgermeister Robert Ertl vorstellig werden wollen, legen sie nun Widerspruch ein oder erwägen den Klageweg. Auch mit anwaltlicher Hilfe, wie etwa Günther Beranek, der bestreitet, sein Auto dort geparkt oder es jemand anderem überlassen zu haben. Seine Anwältin weist auf fehlende Angaben des Parkraumüberwachers hin, es sei kein Geschäftsführer genannt und es bestehe gar keine Berechtigung zur Halterabfrage. Tatsächlich funktioniere die Email-Adresse nicht, über die man Widerspruch einlegen könne, auch der auf dem Parkplatz angebrachte QR-Code führt auf „under construction“. Parksünderin Christa Stärkl fand an der angegebenen Firmenadresse „nicht mal einen Briefkasten“. Wie solle man also einen Widerspruch einlegen, wenn weder die E-Mailadresse stimme noch auf Anrufe geantwortet werde.
Schilder bereits am 15. Mai montiert
Auf Nachfrage bestätigt die mit der Parkraumüberwachung beauftragte Place Control UG, dass sie nach Gesprächen im November vergangenen Jahres von der Hausverwaltung beauftragt wurde. Die Schilder wurden bereits am 15. Mai montiert „um allen die Chance zu geben, sich darauf einzustellen“, so Geschäftsführer Stefan Ulmann. „Die Schilder sind klar und deutlich zu sehen.“ Er räumt ein, dass trotz Parkscheibe Rechnungen ausgestellt worden wären, diese „jedoch storniert wurden“. Auch seien seine Mitarbeiter in den Geschäften vorstellig geworden, ebenso habe die Hausverwaltung entsprechend informiert. „Aus Schutz meiner Mitarbeiter stecken wir keine Strafzettel unter die Windschutzscheibe.“ Es habe bereits viele unschöne Zwischenfälle gegeben an anderen Orten. „Ich will so kooperativ wie möglich sein“, so Ulmann. „Und verstehe, dass sich viele hier ärgern.“
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Auch die Gemeinde Aschheim bleibt von Beschwerden in der Sache nicht verschont. Im Ordnungsamt steht das Telefon nicht mehr still. „Aber wir sind weder verantwortlich noch zuständig, denn es ist ein privates Grundstück. Wir können nur die Schimpftiraden anhören und beschwichtigen“, erklärt eine Mitarbeiterin. „Machen können wir nichts.“ Die kommunale Verkehrsüberwachung habe eine andere Vorgehensweise, sie steckt einen Zettel hinter die Scheibenwischer auf der Windschutzscheibe. „Da weiß dann jeder gleich: ,Hoppla, da muss ich aufpassen.‘“