Die längst nach Unterföhring gewechselten Sänger besuchen erste Klassen in 80 Schulen. Nach vielen Jahren in München erfolgte 2022 der Umzug ins ZDF-Landesstudio Bayern.
Unterföhring – Man muss schon genau hinschauen am Eingang zum ZDF-Landesstudio Bayern in Unterföhring. Unter dem Hinweis auf die Kantine des Zweiten Deutschen Fernsehens steht in Versalien: „Tölzer Knabenchor“. Den gibt es, unter diesem Namen, seit 1957. In Bad Tölz, wo Gründer Gerhard Schmidt-Gaden damals eine Singgruppe der Pfadfinder umbenannte in den längst zur weltberühmten Marke gewordenen „Tölzer Knabenchor“, hat die musikalische Institution aber schon lange nicht mehr ihren Sitz: Nach vielen Jahren in München erfolgte 2022 der Umzug nach Unterföhring.
„Viele glauben tatsächlich, wir seien immer noch in Bad Tölz ansässig – manchmal müssen wir Aufklärung betreiben“, sagt Geschäftsführerin Barbara Schmidt-Gaden (53), Tochter des Gründers, beim Vor-Ort-Besuch. Seit Oktober 2022 sind die 1300 Quadratmeter über der ZDF-Kantine das neue Chor-Domizil. Mit Schall absorbierenden Probenräumen, Wartebereich für Eltern sowie unzähligen Erinnerungsfotos an den Wänden. Papstbesuch in Rom, Trauerfreier für Fußball-Kaiser Franz Beckenbauer, Impressionen von Konzerten aus aller Welt mit Musik-Prominenz wie Herbert von Kajaran oder Carl Orff – über ein halbes Jahrhundert Chorgeschichte ist genau dokumentiert.
Und wie viele Tölzer singen tatsächlich noch im Tölzer Knabenchor? „Aktuell einer“, sagt die Geschäftsführerin. Die restlichen der rund 200 Kinder kommen meist aus einem Umkreis von etwa 30 Kilometern, manche scheuen aber einen weiteren Weg nicht: Auch aus Ingolstadt oder Weilheim werden talentierte Buben nach Unterföhring gefahren.
Die Talentsuche beginnt wieder nach den Sommerferien in den ersten Klassen von etwa 80 Grundschulen in und um München. Bei diesen Castings wird den Erstklässlern zunächst die Tradition des Chors erklärt und was ein „Knabe“ ist. Dann erheben alle gemeinsam die Stimme, ehe einzeln gesungen werden darf. „Erst trauen sich die Mädchen, dann die Jungs, und am Ende wollen alle allein vorsingen“, erzählt Barbara Schmidt-Gaden.
Jeder will die Übertrittprüfung zur nächsten Chorklasse bestehen
In einem der Unterföhringer Probenräume dürfen wir miterleben, wie das in der Praxis läuft. Eine Stimmbildnerin spielt am Klavier ein paar Takte vor, die Buben singen die Sequenz nach. Mit unterschiedlichen Vokalen. Ob A oder O oder U, die Knaben legen sich mächtig ins Zeug, denn an diesem Tag bereiten sie sich auf die Übertrittprüfung zur nächsten Chorklasse vor. „Training macht den Meister“, sagt Barbara Schmidt-Gaden mit Blick auf die bunt gewürfelte Schar, die teils im Fußballtrikot der Lieblingsmannschaft die Lippen spitzt. „Die Gesangsmuskeln müssen wachsen, man kann sie ebenso trainieren wie Gehör und Stimmbänder.“ Ihr Vater, der Gründer des Tölzer Knabenchors und mittlerweile 87 Jahre alt, habe es stets so formuliert: „Aus Dornen kann man Rosen machen und die Rosen dann veredeln.“
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Wer sich für die Ausbildung entscheidet, durchläuft ab einem Alter von sechs Jahren bis zum Stimmbruch – mit diesem endet die Knabenzeit – fünf Chorstufen; ist die neue, tiefere Stimme gefestigt, bieten sich im Jungmänner- und Männerchor Anschluss-Optionen. Die professionelle Gesangsausbildung kostet 220 Euro im Monat und beinhaltet pro Woche zwei Chorproben, eine Einzelstunde sowie drei Tage Stimmbildung daheim per App mit Hausaufgaben.
Der typische Sound des Tölzer Knabenchors sei „ein erdiger Klang: satt, voll, rund“. Eine Portion Temperament schade nicht: „Wir sind ein großer Fan von Lausbuben“, sagt die Tochter des Chor-Gründers. Neben dem rein Stimmlichen brauche es „eine gewisse Extrovertiertheit“. Jede Probe müsse „eine Gaudi sein, aber wir erwarten auch eine gewisse Leistung, sonst werden wir nicht engagiert“.
Für 2025 steht eine China-Reise auf dem Programm
Die Reisen sind für die Kinder kostenlos, dieses Budget tragen die Veranstalter. „Der Jahresetat beträgt 1,5 Millionen Euro, die Hälfte davon sind Honorare, die müssen wir als gemeinnützige GmbH also einsingen.“ 2025 steht beispielsweise eine China-Reise auf dem Tourneeplan, regelmäßig gastiert der Tölzer Knabenchor in der Elbphilharmonie in Hamburg, im Staatstheater in Nürnberg oder in der Deutschen Oper in Berlin. „Heimspiele“ sind eher Auftritte in München oder Bad Tölz, aber auch im direkten Umfeld wie bei Veranstaltungen in Ismaning oder Unterföhring. Wer wann wo singen darf, das ist eine Tüftelei: „Pro Jahr und Kind sind, so die Vorgabe vom Gewerbeaufsichtsamt, maximal 30 Auftritte erlaubt.“
Im Chor entstehen lebenslange Freundschaften
Ungefähr 3000 Kinder haben im Lauf der fast sechs Jahrzehnte dieses Programm durchlaufen. „Dabei entstehen Freundschaften, die ein ganzes Leben lang halten“, sagt Barbara Schmidt-Gaden. Und es sei „eine Mär, dass wir nur Kinder aus Musiker-Familien haben – der Anteil liegt bei zehn Prozent“. Viele indes bleiben später musikalischen Berufen treu, werden Solist, Dirigent, Kulturschaffender oder Lehrkraft. Wie Christian Fliegner, seit über 40 Jahren beim Tölzer Knabenchor. „Er hat von Kindesbeinen an alles von meinem Vater aufgesaugt, er bewahrt das Erbe seines Mentors.“ Zum 85. Geburtstag von Gerhard Schmidt-Gaden hat ein weiteres Urgestein, Rainer Lepuschitz, eine 92-seitige Festschrift gestaltet über das Lebenswerk des Gründers. „Der Stimmen-Magier“ lautet der Titel – und als Schlussbemerkung steht ein Ansporn an alle bisherigen und künftigen Tölzer Chorknaben: „Jeder Stimme wohnt ein Zauber inne“. Wie das klingt, lässt sich nicht nur bei Konzerten, sondern auch in der ZDF-Straße in Unterföhring erleben. Wo der ein oder andere Bub gern mal lauthals über den Parkplatz singt.