Zivilcourage in finsteren Zeiten: Filmpremiere von „Ein stummer Hund will ich nicht sein“

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Zwiesprache vor der Premiere: Ideengeber, Drehbuchautor und Hauptdarsteller Gerd Holzheimer (l.) und Regisseur Walter Steffen. © Konzept und Dialog

„Ein stummer Hund will ich nicht sein“ heißt der neue Film von Gerd Holzheimer und Walter Steffen. Sein Held Korbinian Aigner soll zum Vorbild dienen.

Gauting – Eigentlich wollte Walter Steffen, der kürzlich 70 Jahre wurde, keinen Film mehr machen, das hatte er seiner Frau versprochen. Zu groß das finanzielle Risiko, zu groß die psychischen Strapazen, besonders bei Filmen über die Nazi-Zeit. Dann aber hat er sich doch von seinem Freund, dem Gautinger Autor Gerd Holzheimer, überreden lassen, sich des Pfarrers Korbinian Aigner anzunehmen, der wegen seiner Gegnerschaft zu Nazis ins KZ Dachau gesteckt wurde und dort unter Lebensgefahr heimlich zwischen den Baracken neue Apfelsorten züchtete. „Ich bin dem Walter sicher zwei, drei Jahre auf die Füße gestiegen“, sagte Holzheimer bei der Premiere des Films „Ein stummer Hund will ich nicht sein“ im roten Salon des RIO-Filmpalasts mit seinen 350 Plätzen am Mittwoch in München. Nun, die Anstrengung hat sich gelohnt, das Publikum applaudierte frenetisch.

Ausschlaggebend war für Steffen das Wiedererstarken rechter Kräfte, besonders der AfD. „Die Nazis haben 1930 bei den Wahlen 18 Prozent geholt“, sagte er. „Wir wissen alle, was drei Jahre später passiert ist. Wir müssen aufpassen.“ Deshalb sei es heute wichtiger denn je, sich einen Mann wie Aigner zum Vorbild zu nehmen, der seinen Mund aufmachte, trotz aller damit verbundenen Konsequenzen. Als Aigner in dem kleinen Dorf Hohenpercha bei Freising nach dem gescheiterten Elser-Attentat im Religionsunterricht darüber sinnierte, ob der Anschlag wirklich eine Sünde sei, da doch viele Millionen Menschen damit hätten gerettet werden können, wurde er denunziert. Ein Richter schickte ihn ins KZ. Auf dem Todesmarsch (der sich am Mittwoch zum 80. Mal jährte) rettete er sich ins Aufkirchener Kloster und wurde von den Karmelitinnen gesund gepflegt.

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Eineinhalb Stunden dauert der Film. Seine große Stärke: Er mixt verschiedene Formen filmischen Erzählens. Da sind Sequenzen eines klassischen Dokumentarfilms mit Zeitzeugen wie dem ehemaligen Ministranten Helmut Hörger. Dann gibt es Spielszenen, in denen der Schauspieler Karl Knaup die Rolle Aigners übernimmt und über sein Leben berichtet. Darüber hinaus sind Animationsszenen im Stil einer Graphic Novel von großer Bedeutung. So ist die zentrale Szene des Films, in der sich Aigner heimlich aus der Baracke schleicht, um nach seinen geliebten Setzlingen zu sehen, als Zeichentrick inszeniert. Eine Herangehensweise, die funktioniert und sicher den Zugang erleichtert, wenn der Film demnächst in die Schulen kommt.

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Das Werk strotzt nur so von Bezügen auf den Landkreis und nach Gauting. So kommt als Zeitzeuge Altbürgermeister Dr. Ekkehard Knobloch zu Wort, der in Gauting das erste Todesmarsch-Denkmal errichten ließ – eine echte Pioniertat. Gezeigt werden außerdem Schüler des Otto-von-Taube-Gymnasiums und der Givat Brenner Regional Highschool, die gemeinsam auf dem Jüdischen Friedhof die Inschriften der Verstorbenen entziffern. Und dann ist da noch Nick Hope, der im DP-Hospital (der heutigen Asklepios-Klinik) gesund gepflegt wurde. Der 100-Jährige starb wenige Monate nach dem Gautinger Dreh im Sommer 2024 in seiner Wahlheimat San Francisco. Bei der Premiere war sein Sohn George zu Gast. „Der Film hat es geschafft, das Herz meines Vaters abzubilden“, sagte er.

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So schön der Abend, so groß die Sorge von Walter Steffen, dass sich Deutschland in die falsche Richtung entwickelt. Was ihn fast ebenso verstört wie die Erfolge der AfD, war die Weigerung der staatlichen Stellen, den Film finanziell zu fördern. „Das kann ich nicht nachvollziehen, das ist fast schon ein Skandal“, sagte er. Eingesprungen sind Stiftungen wie die von Fristo (Getränkeabholmärkte), die sich der historischen Aufarbeitung des Dritten Reichs verschrieben hat. Dennoch: Die Mitarbeiter mussten weitgehend auf Gehalt verzichten. Herausgekommen ist eine Low-Budget-Produktion auf hohem künstlerischen Niveau. Der Ernst der Lage dürfte nach diesem Film auch dem Letzten klar geworden sein. Wie heißt es so schön und richtig? Die Vergangenheit ist nicht zu Ende. Genau genommen, ist sie nicht einmal vergangen.

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