„Apfelpfarrer“ Korbinian Aigner und die Hoffnung auf eine bessere Welt

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Filmszene: Korbinian Aigner (dargestellt von Karl Knaup) im Biergarten des Gasthauses Hörger. © Konzept & Dialog

Gerd Holzheimer erinnert mit einem Buch und einem Film an Pfarrer Korbinian Aigner, der im KZ Dachau heimlich Apfelsorten züchtete. Der Titel: „Ein stummer Hund will ich nicht sein.“

Gauting – Es klingt verrückt, aber es stimmt: Mitten im Grauen des Dachauer KZ hat jemand heimlich, still und leise Apfelsorten gezüchtet. Der katholische Geistliche Korbinian Aigner aus der Nähe von Freising entwickelte, unbemerkt von seinen Bewachern, die Sorten mit den sprechenden Namen KZ1, KZ2, KZ3 und KZ4. Die Sämlinge ließ er heimlich aus dem Lager schmuggeln. Diesem bemerkenswerten Mann und seiner Geschichte, die jahrzehntelang völlig vergessen gewesen ist, hat der Gautinger Autor Gerd Holzheimer sein neues Buch gewidmet. Es trägt den Titel „Ein stummer Hund will ich nicht sein – Der Apfelpfarrer Korbinian Aigner“, ist im Allitera-Verlag erschienen, umfasst 176 Seiten und kostet 22 Euro. Erscheinungstermin ist der 24. April.

Der Stoff hat sich dem vielfach ausgezeichnete Autor durch mehrere Episoden geradezu aufgedrängt. Zum ersten Mal begegnete Holzheimer Aigner im Jahr 1994, als er in Südtirol eine Ausstellung besuchte. Dort hingen Bilder, die der Geistliche von seinen geliebten Äpfeln gemalt hatte. In Begleittexten wurde auch die atemberaubende Geschichte Korbinian Aigners erzählt. „Ich wollte sie erst nicht glauben“, erinnert sich Holzheimer. „Das konnte ja nicht wahr sein.“ Aber später begegnete er zufällig einem ehemaligen Ministranten des Apfelpfarrers, Helmut Hörger, dem Aigner noch persönlich die Stelle im KZ gezeigt hatte, wo er die Sorten gezüchtet hatte. Alles erwies sich als buchstäblich wahr. „Da wusste ich, das ist mein Thema“, sagt der 75-Jährige.

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Wer war Korbinian Aigner? Historisches Material gibt es wenig über ihn. Geboren 1885, sollte er den Hof seiner Eltern in Hohenpolding übernehmen, setzte sich aber mit dem Wunsch durch, Pfarrer zu werden. Seine Liebe galt schon früh den Äpfeln, die er nicht nur züchtete, sondern auch hingebungsvoll malte. Von der Kanzel herab leistete er Widerstand gegen das NS-Regime und wurde für seine offenen Worte denunziert. Im KZ Dachau kam er in den sogenannten „Kräutergarten“. Dabei handelte es sich um eine Plantage, wo er mit vielen anderen Häftlingen unter unmenschlichen Bedingungen nach den Prinzipien der Anthroposophie biologisch-dynamische Kräuter züchten musste. Zum Besten des „Volkskörpers“, wie die Nazis das nannten. Nach dem Krieg kehrte er in seine Heimat zurück und starb 1966. Seine Apfelbilder wurden wiederentdeckt und auf der documenta 13 im Jahr 2012 ausgestellt.

Filmszene „Ein stummer Hund will ich nicht sein“: Autor Gerd Holzheimer hat für den Film nicht nur recherchiert, sondern wird auch befragt.
Autor Gerd Holzheimer hat für den Film nicht nur recherchiert, sondern wird auch befragt. © Konzept & Dialog

Das Thema hat Holzheimer derartig umgetrieben, dass er seinen Freund, den Filmemacher Walter Steffen („Endstation Seeshaupt“) dafür gewann. So entstand ein Film, der anfangs den Titel „Codename: Kräutergarten“ trug, dann aber den gleichen Titel wie das Buch bekam. Auch Steffen ist von dem Sujet fasziniert. „Die Hinwendung Aigners zum Schöpfer und zur Schöpfung, die er im KZ vollzogen hat, das hat eine große Kraft und Stärke“, sagt er. „Damit hat er sich und der Nachwelt eine Botschaft gesetzt.“

Da der Apfelpfarrer nicht mehr lebt und es auch keine historischen Filmaufnahmen gibt, wird seine Rolle von Karl Knaup gespielt, der seinem Vorbild verblüffend ähnlich sieht. Außerdem wirken Ferdinand Dörfler (als Richter am NS-Sondergericht), Ferdinand Ascher (als Bezirksgauleiter) und Claudia Oettinger (als Hilfslehrerin) mit. Im Film ergänzen sich Zeitzeugenberichte, dokumentarische Filmbilder, Animationssequenzen im Stil einer Graphic Novel und gespielte Szenen aus der Gerichtsverhandlung gegen den Priester.

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Im Film kommen noch weitere Menschen zu Wort, die im übertragenen Sinne Bäume des Lebens pflanzen und pflegen. Dazu gehört etwa der weltbekannte österreichische Gipsy-Jazzgitarrist Harri Stojka, der sich heute für die Kultur der Sinti und Roma einsetzt und dessen Großvater im „Kräutergarten“ zu Tode geschunden wurde. Eine wichtige Rolle spielt außerdem der vor kurzem verstorbene Nick Hope, der nach dem Krieg seinen Peiniger aus dem BMW-Werk Allach wiedertraf und ihm zu dessen Verblüffung vergab. Er dürfte der letzte Zeitzeuge des DP-Hospitals auf dem Gelände der heutigen Asklepios Klinik gewesen sein. Es wird spannend sein, was er im Film erzählt. Die Aufnahmen fanden im vergangenen Sommer statt.

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Außerdem kommen deutsche und israelische Jugendliche aus dem Austauschprogramm des Otto-von-Taube-Gymnasiums zu Wort, die zusammen mit ihrem Lehrer Markus Greif – einem ehemaligen Schüler Holzheimers – den jüdischen Friedhof in Gauting besuchen und gemeinsam die alten Inschriften entziffern. Die Kinopremiere im RIO Filmpalast in München findet nicht zufällig am 23. April statt: Das Datum liegt ganz nah am 27. April, dem 80. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau durch die Amerikaner. In den Kinos in Stegen, Gauting, Wolfratshausen und Tutzing ist „Ein stummer Hund will ich nicht sein“ ab 24. April zu sehen. Später soll der Film in Schulen gezeigt werden, um an den Wert von Versöhnung, Menschlichkeit und ein friedvolles Miteinander zu erinnern. Laut einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung wissen immer weniger Jugendliche über den Holocaust und die Vernichtungsmaschinerie der Nazis Bescheid.

Übrigens: Apfelsorte KZ3 hat bis heute überlebt und wird als „Korbiniansapfel“ weltweit als Erinnerungsbaum gepflanzt.

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